Morgen ihr Boxenluder!
Gestern, mit einem Tag unfreiwilliger Verspätung, konnte ich dann endlich mein F1 2010 in die PS3 schieben. Wie bei allen Spielen, auf die ich mich stark freue, kann ich mich aber nicht einfach hinsetzen und zocken, nein, dieser Moment muss gebührend celebriert werden. Also noch mit vorgetäuschter Ruhe unseren Kleinen ins Bett gebracht, schnell was gegessen, der Frau gesagt, dass sie doch gerne auswandern könne, eine Tasse Kaffee gemacht und dann ab auf die Piste.
Das Spiel beginnt mit einem Presse-Interview, in dem man quasi seine Karriere vorbereitet. Wie ich im Nachhinein denke, ist das total bescheuert, denn manche Dinge kann man, bevor man das erste Mal ein "Probe"-Rennen gefahren ist, garnicht wissen. So ein Proberennen hätte man IMO vorschieben sollen.
Sei's drum, danach geht es in meinen Wohnwagen. Wohnwagen? Kenne ich doch aus GRID und DiRT... Hier ist wie üblich der Rückzugspunkt zwischen den Rennen, hier können verschiedene Dinge verändert werden, usw. Ein animiertes Hauptmenü halt. Fand ich die Idee bei GRID noch ganz witzig, finde ich es jetzt als eher langweilig. Langweilig nicht nur, weil man es aus zwei anderen Codemasters-Spielen kennt, sondern weil es so unheimlich undynamisch, statisch und uninspiriert wirkt. Das einzigartige Feeling der F1, die Hektik und der "Glamour" der F1 wird hier IMO nicht genügend transportiert. Das wird dem Spiel meiner Meinung nach auch noch an anderen Stellen "zum Verhängnis", aber dazu später mehr.
Mein erstes Rennen in Bahrain wartet auf mich. Ich sitze in meinem BMW Sauber-Ferrari in der Box und gucke mir die Menüs an. Nach den gestrigen Aussagen hier im Forum hatte ich schon die Befürchtung, dass alles viel zu versteckt und verschachtelt ist. Mit ein bisschen Erkunden klappt das aber ganz gut. Ich gehe ins Fahrzeug-Setup und verändere die Abstimmung meines Autos erstmal aus dem Gedächtnis, wie die Strecke in Bahrain verläuft. Und dann sage ich meinem Renningenieur unmissverständlich, dass ich jetzt endlich den Asphalt unter meinen Reifen spüren will!

Ab auf die Strecke, das 1. Training von anderthalb Stunden liegt vor mir.
Mein erster Kontakt mit F1 2010, aber der Reihe nach. Die Grafik ist durchaus hübsch, auch wenn sie mich jetzt nicht aus den Schlappen haut. Keine Slowdowns in engen Kurven, kein Tearing, einzig ein bisschen Kantenflimmern. Schön. Auf den Sound habe ich mich gefreut, nachdem vorgestern hier irgendjemand schrieb, der wäre so geil. Jou, es klingt nach einem F1-Auto. Aber der brachiale und bestialische Klang eines richtigen F1-Boliden kann IMO nicht richtig rüber gebracht werden. Würde es helfen, die Lautstärke der Boxen einfach um den Faktor 1.000 zu erhöhen?
Ich gebe vollgas und bremse die erste Kurve an. Oha, verbremst. Das Spiel weiss, dass man in der Spitzkehre nach Start und Ziel die Bremse kurz beim Anbremsen lösen muss, damit die Lenkung den Winkel hinbekommt, sich das Auto in die Kurve pressen kann. Fein! Die erste Runde ist zum schnuppern. (falls jemand auf meine Einschätzung der Fahrphysik gewartet hat, jetzt kommt sie

) Da ich im Gegensatz zu hochmotorisierten Sportwagen noch nie in einem Formel-Wagen gesessen habe, kann ich hier kein fundiertes Urteil abgeben. Aber: ich kann auch nicht nachvollziehen, wie hier einige mangelndes Feedback mit Pad kritisieren. Diese Fahrzeuge haben mehr als ein PS pro Kilo Fahrzeuggewicht, Motor und Antrieb im Heck, riesige Reifen und Flügel, kaum Bodenfreiheit und Federweg. Dieses "leichte" Gefühl, die Nervosität... ich könnte mir vorstellen, dass das im Grundsatz hinhauen könnte. Ob es bis ins kleinste Detail mit der Realität übereinstimmt, das weiss ich nicht. Aber das grundsätzliche Fahrverhalten müsste so sein.
In den nächsten Runden probiere ich die einzelnen Fahrhilfen aus. Schon bald kann man erkennen, dass man mit den meisten Fahrhilfen viel (!) langsamer ist, als wenn man diese deaktiviert. Ich belasse es dann bei ABS und Automatikgetriebe und drehe meine Runden weiter. Plötzlich kommt ein Funkspruch aus meiner Box: ich habe die schnellste Runde im Training gefahren! Doch Hochmut kommt meistens vor was? Genau, dem Fall. Ich beende das Training vorschnell, ich bin ja erster. Was ich Depp vergessen habe ist, dass das Training ja noch eine Stunde dauert und wie im echten Leben werden die schnellsten Runden wann gefahren? Ha, genau. Am Ende der Session. Das Spiel belohnt mich mit einem 24. Platz...
Ok, ab ins Qualifying. Q1 überstehe ich gut. In Q2 schaffe ich es in der letzten gezeiteten Runde auf Platz 11 vorzufahren. Soll ich mich über den 11. Platz jetzt freuen oder mich ärgern, dass ich um 0,2 Sekunden an Q3 vorbeigeschliddert bin?
Am Rennsonntag sitze ich angespannt in meinem Auto, passe das Setup nochmals an. Hoffentlich kein Fehler. Dann geht es ab in die Startaufstellung. Leider fehlt mir persönlich hier wieder so ein bisschen das Drumherum der wahren F1. Man steht plötzlich auf seinem Startplatz, das war's. Warum keine kleine Animation, wie hunderte Mechaniker auf der Strecke an ihren Autos die letzten Schrauben festziehen und dann in Richtung Boxengasse wegwuseln? Warum keine Einführungsrunde, wenigstens optional, damit man seine Reifen auf Temperatur bringen kann? Schade, Potential verschenkt.
Die Ampel springt auf grün, 24 Motoren heulen auf und kommen auf Drehzahl. Jetzt beginnt für mich die wahre Stärke von F1 2010. Mein Auto beschleunigt und ich steuere schnurstracks auf die erste Kurve zu. Und ich bilde mir ein, dass F1 2010 diesen Moment der ersten Kurve ziemlich gut nachbildet. Man kann sich als jahrelanger F1-Zuschauer plötzlich vorstellen, warum bei so vielen Rennen ausgerechnet in der allerersten Kurve so oft Unfälle passieren. Man sieht als Fahrer die Lücke, man will rein, man weiss, dass man hier Positionen gut machen kann... oder halt das Rennen nach 400 Meter schon vorbei ist. Ich kann mich beherrschen und lasse es defensiv angehen. In der dritten Kurve kann ich zwei Autos überholen, die sich gerade gegenseitig überholen wollten. Das Rennen dauert an und ständig wechseln sich, wie in der richtigen F1, die Momente ab, wo man das Gefühl hat, alleine auf der Strecke zu sein, oder man hat zwei, drei Autos vor sich und denkt sich nur so "scheisse, muss ich jetzt überholen?".
Am Anfang der Karriere hab ich die Rennlänge auf 20 Runden festgesetzt. 20 Runden in Bahrain... 20 Runden können lang sein... Mit jede Runde merkt man zwar, dass man die Kurven wieder ein bisschen besser anfährt, es wächst aber auch die Routine und die Leichtsinnigkeit. Nach 15 Runden auch die Müdigkeit. F1 2010 gibt dem Spieler die Chance, ein F1-Rennen quasi 1:1 zu fahren. Hut ab vor den wahren Fahrern! In der vorletzten Runde kann sehe ich Lewis Hamilton vor mir. Ich bin Zweiter, ich sehe sein Auto immer näher kommen, ich beiss mich nochmal richtig rein. Kurze Zeit später ist mein Flügel in seinem Getriebe. Ich versuche ihn auszubremsen... und verbremse mich. Dreher... in der letzten Runde. Mark Webber kann mich noch überholen, zum Glück kann ich aber Platz 3 ins Ziel retten. Geschafft. Die Anspannung fällt von mir ab, in meine Hände kommt wieder Blut. 20 Runden Bahrain zehren auch an Spielernerven.
3. Platz im ersten Rennen in einem BMW Sauber-Ferrari. Realistisch? Nein. Macht aber nichts. Beinharte Sim-Fans werden es (wohl zu recht) trotzdem kritisieren.
Danach noch meine erste Pressekonferenz. Auch die ist wieder fürchterlich in Szene gesetzt. Langweilig, uninspiriert, undynamisch. Auch hier wurde Potential verschenkt, das Feeling der F1 zu transportieren. Genau wie die Boxenstopps. Zwar sind diese animiert, aber wo ist die Hektik der Mechaniker? Ich sitze im Auto und werde abgefertigt. Kein Gefühl wie "hoffentlich geht alles gut". Man hätte es besser animieren können, nein, müssen!
Die Karriere habe ich dann für gestern beendet. F1 2010 ist kein Spiel für Zwischendurch. Mal gerade ein Rennen fahren geht nicht.
Ich habe dann noch ein paar Strecken ausprobiert, um zu gucken, wie es mit Slowdowns aussieht. Nichts zu entdecken. Und Monaco ist die Hölle, das weiss ich jetzt!
Uff, langer Ersteindruck. Wer fragen hat, immer her damit.
