Ich bin mittlerweile Level 37 und von dem Spiel immer noch sehr positiv überrascht. Überrascht deshalb, weil es seit längerer Zeit mal wieder ein OW-Spiel ist, das mich an der Stange hält und in dessen Welt ich mich gerne verliere. Die Spielwelt ist (neben dem Kampfsystem) das Highlight dieses Spiels: Ich gebe gerne zu, dass es gerade die technische Meisterleistung und die grafische Opulenz ist, die mir ein Stück weit den Spaß bereitet, die Welt zu erkunden. Auch nach Stunden findet man neue ungewohnte Areale, entdeckt neue Panoramen und epische Bauten. Man ergötzt sich an der Weitsicht, den Lichtspielen, den liebevollen Naturumgebungen, den interessanten Ruinen. Und mittendrin fügen sich die Vielzahl verschiedenartiger Maschinen ein, die ihr eigenes Leben in dieser Welt führen. Für mich entfaltet die Welt eine unheimliche Sogwirkung.
Daneben steht das frische und wirklich gelungene Kampfsystem. Während man sich zu Beginn noch mit Kopfschüssen bei einfachen Wächtern und mit simplen Fallen bei Sägezähnen probiert, steigt der Anspruch spätestens bei Bestien wie den Sturmvögeln und den Donnerkiefern. Da steigt der Puls, es bedarf Vorbereitung und der Analyse der Maschine. Mit bloßem Pfeil-Gespamme kommt man nicht weit (ich spiele auf Schwer). Eben solche Begegnungen gibt es in der Spielwelt immer wieder und das nicht gescriptet, sondern "nebenbei".
Aber: Das Spiel hat definitiv auch Schwächen. Insbesondere beim Item-Management. Ich meine nicht das Sammeln von Materialien und das dazugehörige Crafting. Das finde ich wiederum gut und ausreichend. Mir geht es eher um Ausrüstung, Waffen und Quest-Belohnungen. Warum gibt es ausschließlich eine "Komplett"-Rüstung für Aloy? Und warum kann man so gut wie ALLE verfügbaren Varianten in verschiedenen Seltenheit-Abstufungen so früh im Spiel durchsehen und kaufen? Hier verschenkt man wahnsinnig viel Potenzial, vor allem, weil auch Quest-Belohnungen in der Regel nur aus völlig lieblosen und an Microtransactions erinnernde Loot-Boxen bestehen, die zufällige und inflationär verfügbare Materialien beinhalten, die man eh schon zuhauf in der Welt findet.
In diesem Kontext ist Horizon definitiv eine "Lite" Version von Rollenspiel. Es gibt keine Slots für Kopf, Hände, Brust, Hose. Nur eine einzige Rüstung. Und so fehlt es den geheimen Ecken der Spielwelt, den Truhen und den Quests am Belohnungsreiz. Man bekommt letztlich eh nur die nächsten Metallscherben. Zwar gibt es auch "Modifikatoren", aber auch die lassen sich in ihrer Varianz an einer Hand abzählen und sammeln sich viel zu inflationär im Inventar an.
Zudem leidet das Spiel sicher am bekannten OW-Problem des Storytellings. Nach dem gelungenen und erzählerisch stringenten Einstieg wird man in die offene Welt entlassen - und die Hauptgeschichte gerät erstmal ins Hintertreffen. Und das so weit, dass auch die Folgequests erstmal nicht mehr die Qualität halten können und Spannung und Interesse etwas flöten gehen. Leider sind auch die Nebenquests nur bewährter Genre-Standard. Man gibt sich zwar sichtlich Mühe, Zivilisationen, Kulturen und interessante Charaktere herauszuarbeiten, so ganz mag das trotz vieler und ausführlicher Dialog-Situationen trotzdem nicht gelingen. Dahingehend fehlt dem Spiel auch einfach eine Art Enzyklopädie/Kodex, in der all dies katalogisiert wird (siehe Mass Effect o.ä.).
Und dennoch höre ich mir alles an. Und dennoch vermeide ich Schnellreisen und renne/reite gerne zum nächsten Ziel. Einfach weil ich weiß, dass mich auf dem Weg (oder am Ziel) der nächste spannende Kampf erwartet und ich die nächste opulente Location erblicken werde. Bedauerlich hingegen sind bisher die Chancen im RPG-Segment, dem Ganzen durch komplexere Ausrüstung des Charakters, bessere und einzigartige Belohnungen sowie durch tiefgreifendere geschichtliche und informative Elementen noch mehr Anreize zu bieten.