Diese Abwanderung von sogenannten Spitzenkräften und Firmen ist imo nur ein Schreckgespenst, was permanent von der Industrie und wirtschaftsnahen Politikern beschworen wird, um eben genau deren Interessen durchzusetzen. Das ist jetzt alles schon am Laufen und da hat die Linke überhaupt nix beigetragen.
Allerdings halte ich es eben für reine Panikmache, denn ich bezweifle, dass da ernsthaft was passieren wird. Folgende Gründe:
1) Obwohl es sehr einfach ist, einen Job im Ausland anzunehmen, wird die Abwanderung aus finanziellen Gründen in der Regel nur von Karriere-Söldnern wahrgenommen werden. Denen geht es nicht um die Auslands-Erfahrung o.ä. sondern immer nur um das beste Angebot, die nächste Chance und den höheren Posten. Sicher würden die bei Steuererhöhungen auswandern, aber das würden sie auch sofort machen, wenn sie im Ausland ein besseres Angebot kriegen. Von daher sind diese Leute eine Größe, die man getrost vernachlässigen kann, da die 'eh kommen und gehen, wie sie wollen.
Die Menschen, die hier aber ein Leben (sprich: Heim, Familie, Freunde etc.) haben, werden kaum wegen ein paar höherer Steuern alles hinschmeißen und einfach ins Ausland ziehen (noch dazu in ein Land, wo dann niedrigere Steuern zahlen, was die Auswahl ja auch nochmal einschränkt).
2) Bei Firmen ist es in etwa das Gleiche. Speziell die großen Arbeitgeber werden hier nicht einfach verduften, wenn sie schon eine funktionierende Infrastruktur etc. haben. Ausnahme sind hier Firmen wie Nokia, die mit Subventionen ins Land gelockt wurden. Aber man hat ja gesehen, wie schnell die wieder weg sind, wenn das Geld alle ist. Ergo kann man die auch knicken, da sie nicht im Mindesten verlässlich sind.
Einen Verlust an Wissensträgern dürfte es darüber hinaus auch nicht geben. Die Leute, die da abwandern, sind eher Vorstände und Manager und das Gesocks findet man im Dutzend billiger unter jedem Gullideckel. In allen größeren Firmen gilt der Leitsatz "Der, der die Entscheidungen trifft, sitzt mindestens 3 Ebenen über dem Letzten, der Ahnung von der Materie hat." Die Anzüge mögen ja abhauen, die Ingenieure etc. die bleiben schon da. Die zahlen ja ihr Haus ab.
Was das Ehegattensplitting betrifft, so scheint sich die Linke daran zu stören, dass dieses Verfahren nicht das Zusammenleben in der Ehe generell fördert, sondern Ehen mit sehr ungleichen Gehältern bevorzugt. Je größer die Differenz zwischen beiden Einkommen, desto höher der Vorteil, den man daraus schlagen kann. Ist das so eine tolle Sache? Kann ich nicht beurteilen.
Was die allgemeinen Steuererhöhungen angeht, so will die Linke aber eben auch den Spitzensteuersatz anheben. Ihre grundlegende Aussage ist, dass Einkommen von weniger als 6000 brutto monatlich ent- und alle darüber belastet werden. Und es mögen ja in Städten mit höheren Lebenshaltungskosten höhere Löhne gezahlt werden, aber 6000 brutto sind da sicher auch nicht die Regel. Meine Freundin wird nach vollem Westtarif bezahlt und verdient keine 6000 brutto als Ärztin im Krankenhaus. Hier ist mal ein Artikel von 2011 über die Löhne in München, wo die Kosten schon mit am höchsten liegen dürften:
http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/muenchen-einkommen-viertel-report-pro-kopf-1519197.html
6000 brutto fahren dort nicht mal die Rechtsanwälte ein. Bei 4250 ist Schluss. Also so sehr wird das Steuervorhaben der Linken in den Städten imo nicht einschlagen.
Das mit der Rente ist ja alles schön und gut. Aber Gysi hat das in seiner letzten Rede auch sehr nett gesagt: Man kann vielleicht bis 80 im Bundestag rumdödeln, ohne dass es jemand merkt, aber man deckt mit 67 kein Dach mehr. Genau genommen gibt es sehr viele Berufe, die mit 60+ gar nicht mehr machbar sind, weil sie eben zu sehr an die körperliche Substanz gehen. Im Grunde dürfte es kein fixes Rentenalter geben. Stattdessen müsste eine fixe Arbeitszeit her. Gerade die körperlichen Berufe sind meistens Ausbildungsberufe, die schon mit 16 begonnen werden. Wenn diese Leute dann bis 67 buckeln (theoretisch, denn praktisch können sie das gar nicht), dann haben sie 51 Jahre gearbeitet. Wenn irgendwer erst an der Uni studiert, da noch schön die Regelstudienzeit überzieht, vielleicht 1-2 Mal die Richtung wechselt und erst mit 25 in Berufsleben einsteigt, dann arbeitet der 42 Jahre, bis er sich auf's Altenteil zurückzieht. Das ist auch nicht gerecht und man möge mir hier nicht mit "Aber der hat doch studiert" kommen. Mag ja alles sein, aber er hat in der Zwischenzeit auch nur dem Staat auf der Tasche gelegen und nix zur Steuerlast beigetragen, während der Teenager auf dem Bau schon seine ganzen Abgaben zahlt.
Und imo ist die Rente nicht bezahlbar, weil unser Rentensystem völlig kaputt gemacht wurde. Alle, die ein wenig mehr verdienen, zahlen in eine eigene Kasse (Ärzte, Anwälte etc.) ein (oder gleich gar nicht => Politiker etc.) und der verbleibende Rest soll dann die Rente für den größten Teil der Bevölkerung zahlen. Das kann natürlich nicht funktionieren, egal ob wir Rente ab 67 oder 65 haben. Da hilft nur noch sozial verträgliches Sterben am Arbeitsplatz, oder aber es zahlen endlich alle in eine Kasse ein. Dann brauchen wir auch diese verlogene Riesterkacke nicht mehr.
Ich gebe dir Recht, dass sich Deutschland leider den kranken marktwirtschaftlichen Prinzipien, die auf diesem Planeten gelten, nicht so ohne weiteres entziehen kann. Aber irgendwann muss jemand mal damit anfangen. So wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter. Das Wachstumsdenken ist bereits jetzt ein absoluter Irrglaube. Warum ein weiteres Mal warten, bis alles (fast) zu spät ist, bevor man dann irgendeine hektisch zusammengeschusterte Alternativlösung anbietet?