Na, wer kennt das nicht. Man ist Teil einer verflucht talentierten Band, das Songmaterial agiert auf schwindelerregendem Niveau und man zählt zu den besten Acts des Extreme-Metal-Sektors im Seattler Underground. Trotzdem steht man nicht unter den Fittichen von einem der unzähligen Plattenlabel und infolgedessen wird man von keiner Sau beachtet. Wie meinen? Euch ist das nie passiert? Dann wisst ihr jetzt wenigstens wie sich die Jungs von Shaded Enmity fühlen. Nachdem sie 2009 mit ihrem Zweitling “Like Prayers On Deaf Ears“ die paar wenigen Interessierten entzücken konnten, schicken sie sich nun an, auch mit ihrem dritten Album “Hijo Perdido“ von jeglichem Label ignoriert zu werden, die ansonsten jedem Hans Wurst einen Vertrag in die Hand drücken.
Für alle Spanisch-Legastheniker unter uns, Hijo Perdido bedeutet so viel wie verlorener Sohn und ist angesichts der Musik recht falsch gewählt. Anstatt sich dem Schmuse-Kuschel-Bussi-Bussi-Trend im heutigen MeloTod-Boom hinzugeben, zelebrieren Shaded Enmity ihren Melodic Death Metal gänzlich im Stile der alten 90er Göteborger Bands At The Gates oder In Flames … nur eben ein paar Ecken härter und aggressiver. Im Klartext heißt dies, dass man von schrägen Clean-Gesang oder von alles zukleisternden Keyboards in Pop-Refrains verschont bleibt, dagegen stehen lecker vor sich hin flirrende Gitarrenwände und wahnwitziges Getrommel im Vordergrund. Nahezu durchweg in höchster Geschwindigkeit jagt Shaded Enmity den Zuhörer von Track zu Track mit so viel Energie, wie es die besten schwedischen Vertreter nicht bewerkstelligt bekommen. Wenn sich Sänger, Gitarrist und Kopf der Gruppe Joe Nurre am Mikro seine Seele hinaus kreischt, Drummer Simon Dorfman Blastbeat um Blastbeat aus seinem Schlagzeug prügelt und die Fingerkuppen am Gitarren-Hals wund gespielt werden, sitzt man als verdutzter Melodeath-Fan ehrfürchtig vor der Anlage.
Aber keine Sorge, technisches Death Metal-Gewichse wie bei anderen Kapellen muss man nicht fürchten. Die vielleicht größte Stärke von “Hijo Perdido“ ist das Band-typische Händchen für süchtig machende Melodien und die über alles erhabenen Kompositionen. Obwohl sie brachialer zur Werke gehen als ihre Vorbilder, sind sie ungleich eingängiger und melodischer und verlieren sich nicht in einem Sumpf aus Stumpfheit und Brutalität. Zugleich zeigt der gute Joe, dass seine Songschreiber-Künste von Ohrwürmern bis zu verspielten Einlagen reicht, um den Liedern eine gewisse Nachhaltigkeit zu geben.
Daneben gelingt es den Nordwestamerikanern die hochexplosive Achterbahnfahrt mit semi-akustischen Einsprengseln oder unter die Haut gehenden Soli aufzulockern, innerhalb der ungefähr 40 Minuten Spielzeit wird für ausreichend Abwechslung gesorgt. Auch Füllmaterial hat sich nicht eingeschlichen, ich muss zugeben: Jeder Song ist ein Hit. Sei es der kurze mexikanische Auftritt einer Akustik-Gitarre in “The Man At The Edge Of The World“, die melancholische Grundstimmung in “Bury Me On A Hill“, die coolen Riffs in “Nothing Left To Give“ oder der absolute Übertitelsong “Hijo Perdido“ mit dem schönsten Solo der gesamten CD, von vorne bis hinten stimmt hier alles.
Dank der Unfähigkeit von so manchem Verantwortlichen bei den Plattenlabeln, erlangt diese Platte wohl nie so viel Aufmerksamkeit, wie sie eigentlich verdient. Eine überwältigende Ansammlung von unbändiger Energie, großer Spielfreude und genialen Songs, derer Faszination man sich auch nach mehreren Durchläufen einfach nicht entziehen kann. Dieses Jahr wird im Bereich des Melodic Death Metal wohl keine Combo mehr an “Hijo Perdido“ vorbei ziehen, eine atemberaubende Leistung aus dem Underground! Wer sich die Langrille darüber hinaus ins Regal stellen will, muss direkt bei der Band bestellen, die dank schwachen Dollar nur kleine 11 € mit Versand kosten wird. Auf Amazon braucht man nach Shaded Enmity allerdings gar nicht erst suchen, fehlende Label-Unterstützung sei gedankt.