Ich komme auch aus armen Verhältnissen. Meine Eltern hatten nie zusammen mehr als 2000€ verdient, viele Jahre waren es eher so 1500€ und weniger für eine vierköpfige Familie. Es fällt mir schwer es zu sagen, weil es mich leider beschämt, aber über mehrere Monate hatten wir kaum etwas Richtiges zu essen. Armut ist manchmal näher als man denkt und Geld schützt einen vor diesem Leid.
Dieses Leid, diese Armut kann schnell das private Leben zerstören. Wenn du als Kind keine Geschenke bekommst, wenn du dir keine Süßigkeiten im Supermarkt leisten kannst, wenn das Internet abgeschaltet wird, wenn deine Eltern sich wegen Geld streiten und letztendlich scheiden lassen, - Geld ist ein Fundament in unserer Gesellschaft. Es geht nicht ohne.
Schnell vergisst man aber neben diesen materiellen Freuden, die Dinge, die wirklich Glück bereiten. Und selbst in den schwersten Zeiten war ich letztendlich ein sehr glückliches Kind. Fußball im Hausflur mit meinem Vater, fast tägliche Sparziergänge im Park mit meiner Mutter und meiner Schwester, jede Sonntag habe ich mit meinem Vater Tischtennis gespielt, mit meiner Mutter oft Federball, natürlich andauernd Freunde getroffen, mit meinen Eltern bei irgendwelchen Hipster-Theater-Vorstellungen gewesen, gemeinsames Zelten, manchmal gab es Spielzeug aus dem Happy Meal und von der Arbeit meiner Mutter und ich könnte noch hundert Dinge aufzählen, die mich heute noch sehr berühren und nie - oder nur in diesen schwachen, impulsiven Momenten - habe ich mich arm gefühlt, denn so kitschig es auch klingt, Liebe erfüllt den Menschen.
Als ich dann ausgezogen bin, konnten mich meine Eltern auch nie unterstützen. Ich kam gerade so über die Runden. Kam eine unerwartete Rechnung, hatte ich oft monatelang Schulden und musste sie geduldig abarbeiten. Klar, wenn meine Eltern mal etwas mehr Geld hatten, haben meine Schwester und ich alles bekommen. Aber das waren dann halt mal 50 oder 100€. So ein Fallnetz wie es die meisten Familien haben, hatten wir aber nicht.
Finanziell überlebt man vielleicht gerade so mit diesem Lebensstil, und das hat auch immer gereicht, um genug Freiraum für Spaß und die eigene Entfaltung zu haben. Es ist schwierig komplett abzustürzen in Deutschland und ich habe gemerkt, dass mir die Zeit mit meinen Freunden, mit meiner damaligen Freundin oder der gelegentliche Besuch bei meinen Eltern mehr Sicherheit im Leben gegeben haben als es Geld tun könnte. Solange es keine Existenzängste sind, passt man sich an. Man geht nicht in Restaurants, sondern kocht, man geht Basketball spielen und nicht ins Kino, man trinkt zuhause ein Bier und nicht in der Bar. Beim Glück geht es immer um die Dinge, die man tut, nicht die, die man nicht tut.
Und jetzt bin ich hier angekommen. 30 Jahre alt. Keine Ausbildung, kein abgeschlossenes Studium. Keine Frau, keine Kinder. Kein Vollzeitjob. Sondern ein Teilzeitjob als Lagerkraft. Nach gesellschaftlichen Normen bin ich der totale Versager, und ich wünschte es würde mich nicht immer wieder belasten, aber der soziale Druck ist enorm. Die meisten Menschen kennen das wegen unterschiedlicher Gründe, dass nachts der Kopf nicht aufhört zu hämmern, das man von der Vergangenheit und Gedanken an die Zukunft geplagt wird. Ich bin da keine Ausnahme. Und trotzdem nimmt man mich für gewöhnlich als entspannt wahr. Ich glaube, das liegt daran, dass ich letztendlich Karriere und Geld und all diese gesellschaftlichen Ziele, die uns eingetrichtert werden, einordnen kann. Es muss nicht alles auch Hochtouren laufen. Wenn ich mir einen neuen TV kaufe, gewöhne ich mich an die Größe innerhalb weniger Tage. Die Smartwatch ist nach einem Tag langweilig und zeigt nur noch die Uhrzeit an oder liegt auf dem Ladegerät. Das neue Spiel unterhält mich gerade einmal ein oder zwei Stunden und ich könnte es wieder beenden. Diese Freuden des Konsums sind sehr vergänglich. Und dann gehe ich joggen oder trainieren im Park, werde angesprochen und unterhalte mich über Sport, ich schreibe paar Zeilen in mein Notizbuch, die mir gefallen, ich treffe einen Menschen, mit dem ich auf einer Wellenlänge bin, ich sehe nach langer Zeit meinen Vater und es fällt mir schwer, zu gehen, weil wir uns so gut unterhalten, ich lerne im KT etwas Neues und erweitere meinen Horizont, ich habe guten Sex, spiele ein interessantes Indiegame oder sehe einen tollen Film, oder eine meiner Katzen hüpft auf meinen Schoß, - es gibt so viele schöne Dinge, denen es leicht fällt, uns zu erfüllen. Und dafür braucht man nicht viel Geld. Beobachtet euch selbst. Wie lange freut ihr euch über das bessere Auto, den besseren Fernseher, das neue Smartphone und den besseren Kühlschrank und die neue Küchenmaschine. Dahin fließt das Geld für gewöhnlich, wenn man zu viel davon hat.
Okay, irgendwie konnte ich mich nicht mehr halten beim Schreiben und es ist etwas wirr. Ich glaube eigentlich einfach nur, dass Konsum lediglich Fake-Endorphine auslöst. Setzt euch finanziell ein Ziel, überlegt was ihr braucht, fragt nach weniger Stunden und mehr Urlaub und nicht nach mehr Geld, gebt eurem Leben genug Freiraum, um Glück zu finden. Es ist oft näher als man glaubt, wenn man einfach um die Mauer gesellschaftlicher Normen herumgeht anstatt sie zu erklimmen.