Es ist 02:00 Uhr. Seine Frau schläft neben ihm. Alles ist ruhig. Totenstill. Das Schlafzimmer ist mit Dunkelheit gefüllt. Nicht der kleinste Schimmer scheint durch die dicken Gardinen. Nur er ist unruhig und starrt ins Nichts - denn in seinem Kopf herrscht Krieg. Der Krieg der Gedanken.
Seit einer Ewigkeit liegt er schon so da, die Augen offen in Richtung Decke gerichtet, obwohl es in Wirklichkeit erst 43 Minuten sind. Er befindet sich in einem Dämmerzustand. Er glaubt, er könnte einfach aufstehen und all das tun, was ihm im Kopf herumschwirrt, doch das kann er nicht. Er kann nur liegen, unfähig sich aufzuraffen.
Auf einmal schießt ihm ein Bild durch den Kopf, das einer Schulkameradin. Es kam einfach so aus seinen Erinnerungen, ohne, dass er an diesem Tage etwas von ihr gehört oder gesehen hätte. Es war ein „Wie geht es eigentlich...?“ - Gedanke, der hervorkroch. Und „Was sie wohl macht?“ besser gesagt: „Was sie jetzt wohl machen könnte?“ Doch der Gedanke hält nicht lange an, er wird sofort von einem stärkeren verdrängt: „Was könnte ich eigentlich machen?“ Dieser Gedanke ist sehr hartnäckig. Lässt sich kaum überwinden, wie die Artillerie einer Armee. Was könnte er eigentlich -stattdessen- tun, das plagt ihn. „Früher wolltest du mal Schauspieler werden“, erinnerte er sich. Der Gedanke schmückt sich aus. Schon sieht er sich in allen tollen Filmen, kecke Dialoge aufsagen, Leute umlegen - zusammen mit seinen Idolen auf der Leinwand. „Doch wie käme ich denn zu der Gelegenheit, dass überhaupt zu machen, realistisch muss es sein“, sagt er innerlich zu sich selbst. Er erfindet sich einfach eine Möglichkeit. George Clooney hat doch letztens Leute gesucht, die einen bestimmten Schnurrbart tragen würden, da wäre er hingegangen. Hätte nicht nur seinen Schnurrbart demonstriert, sondern auch einen Witz gerissen. Clooney wäre begeistert gewesen, hätte eine Minirolle angeboten. Als Gangster. Das wäre der Einstieg gewesen, auf der Premiere des Films hätte man dann den nächsten getroffen, der einem die nächste Rolle versprochen hätte. „Ja, so käme man dahin“, überlegte er sich mit offenen Augen.
Doch der Gedanke schlägt einen Haken. „Will man das eigentlich? Berühmt sein? Und dann noch im Film“, die Unsicherheit überschlägt ihn. Eigentlich sollte man nicht nur Schauspieler sein, das ist zu festgelegt. „Eigentlich“, so dachte er, „müsste man noch Musik machen“. In einer Band spielen, so wie früher in der Schule. Dann könnte man auch die Songs zu seinen Filmen schreiben. Ein weiterer Gedanke presst sich an die Front. Er sieht sich auf der Bühne stehen, Gitarre in der Hand. Es lärmt, aber nur in seinem Kopf. Jetzt werden die miteinander streitenden Gedanken immer giftiger, immer schneller. Über die Kunst, bis hin zum Rennwagen, der Asienreise bis zum Genie. Der nächste Gedanke schafft sich Platz: „Das ist doch nur Entertainment - das bringt doch niemanden weiter. Willst du dein Leben damit verschwenden dich für die Industrie zum Clown zu machen?“ Eigentlich müsstest du Wissenschaft treiben. Oder etwas entdecken. Auch dieser Gedanke schmückt sich aus, doch diesmal von einer ganz anderen Richtung. Er selbst ist schon lange tot. Doch man erinnert sich an ihn und seine Leistungen. Der Entdecker eines Atoms, einer Gleichung, der Erfinder des modernen Raumflugs. Wie in Star Trek.
Apropos Star Trek: „Wann kommt eigentlich der neue Film? Ob er so gut wird, wie der letzte? Der Gegenspieler war total platt", erinnerte er sich. Ohne guten Gegenspieler, kann auch der Held nicht glänzen. Hat man schon bei Sherlock Holmes gesehen.
Es wirkt so, als würde er sich selber anschreien: „Das führt doch zu nichts!“, brüllt er still. „Konzentriere dich auf deine Atmung, dann wirst du schon einschlafen, es ist ja nicht auszuhalten mit dir!“ Die nächste Gedankenblase schiebt sich nach vorne. Der Frust auf sich selbst. Er versucht sich zu konzentrieren, dabei fällt ihm ein, dass er noch mal auf Toilette muss. „Auch das noch“, überlegt er. Er versucht sich einzureden, dass er warten könne. Ohne Erfolg. Langsam steht er auf, geht zur Toilette, ärgert sich dabei, legt sich dann wieder hin. Sein Magen knurrt. „Was, das auch noch? Bleibt einem denn nichts erspart?“, flucht er innerlich. Den Kampf gegen den Hunger verliert er jedes mal, diesmal steht er sofort auf, setzt sich mit einem belegten Brot ins Wohnzimmer.
Der nächste Gedanke: „Soll ich eigentlich noch versuchen einzuschlafen, oder doch gleich durchmachen? Dann wäre ich am nächsten Abend viel müder und könnte sicher besser schlafen“ Er legt einen Film an, sitzt im Dunkeln und starrt auf den Fernseher. Der Ton ist ganz leise, damit seine Frau nicht aufwacht. Der Film, schon 4 mal gesehen, endet nach 112 Minuten. Er dreht sich um und schaut auf die Uhr. 05:27. Müdigkeit überkommt ihn, er macht doch nicht durch, geht zu seiner Frau schlafen. Diesmal geht es ganz schnell, allerdings hält das nicht länger als 2h an. Um 07:00Uhr muss er wieder aufstehen. Sich durch den Tag schleppend, schlecht gelaunt, unkonzentriert.
Abends kommt er wieder nach Hause, völlig fertig. Seine Frau begrüßt ihn an der Tür, fragt ihn, wie sein Tag war. Er hat eigentlich gar keine Lust zu reden, will nur seine Ruhe haben und ausspannen. „Fressen, Fernsehen, Pennen, wieder Arbeiten. ist das alles?“, fragt er sich. Doch leider ist das sein Alltag, er ist ein weiteres Kriegsopfer seiner Gedanken.