Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.
Wenn man das Wort "Kirche", "Papst" oder "Religion" auch nur erwähnt, schallt das Echo "dumm" und "verblendet", wenn nicht gerade viel tiefer beleidigt und verletzt werden soll. Dann nämlich werden Katholiken zu Kinderschändern, zu Perversen, Muslime zu Terroristen und eine Schmähung folgt der nächsten. Wenn sich die Welt bei einer Sache sicher ist, dann es nichts Gutes im Glauben und der Bibel gibt und man feiert sich gegenseitig über die sattesten Erniedrigungen. Und das überall. In Kneipen, Zockerforen, Unis, Schulen, auf Arbeit, in Spiegel-Kommentaren, in Bayern.
Vielleicht kenne ich die falschen Leute, aber wenn ich mit religiösen Menschen in Kontakt komme - davon gibt es wahrlich nicht viele, aber man trifft immer mal wieder auf einen - dann sieht das die offensten, herzlichsten Menschen. Mich ziehen solche Gutmenschen nicht an, aber wie kann man gegen solche Menschen so einen Hass hegen? Unter meinen Freunden sind zwei farbige Zwillinge, die seit jeher in der evangelischen Kirche gehen. Sie sind beliebt und immer respektvoll, immer höflich, lustig und die gebildetsten Menschen, die ich kenne. Einer ist jetzt Arzt an der Charitè in Berlin und der andere ging nach seinem Politikwissenschaftsstudium direkt nach Brüssel. Beide sind wissenschaftsbegeistert und trotzdem tut ihnen der christliche Glaube sehr gut. Sie haben irgendwie Spaß dabei.
Ein anderer ist Chinese und hat den Zugang zur katholischen Kirche gefunden als er nach Berlin zum Studieren kam. Er ist Metaler, Gitarrist, Bassist und Sänger. Er hört echt den abartigsten Metal und ist trotzdem so extrem freundlich und kontaktfreudig. Ich glaube, er ist der beliebteste Typ an der ganzen FU Berlin und das obwohl er die ganze Zeit von seinem Glauben erzählt. Und das mit so viel Freude und Überzeugung. Es ist immer wieder irgendwie rührend. Besonders wenn er danach anfängt zu "singen" oder wie das im Metal heißt.
Ne, Leute, ich kenne keinen religiösen Menschen, der intolerant ist, keinen einzigen. Egal welcher Religion. Gibt bestimmt auch solche, aber die sind 100 Jahre alt und sterben spätestens übermorgen. Glaube schließt Wissenschaft nicht aus, schließt Toleranz nicht aus, schließt Intelligenz nicht aus, schließt Bildung nicht aus. Ist so. Von den meisten Gläubigen wird Religion als etwas Gutes verstanden. Es motiviert die Menschen gut zu sein, das schließt eben Toleranz und Respekt ein. Und das sind auch ganz sicher nicht die Leute, die sich dem Konsum hingeben, weil sie an keine Wiedergeburt glauben (übrigens glaubt der christliche Glaube an eine Wiedergeburt).
Und ja, die alten Säcke da oben sind scheiße. Und der Papst ist auch scheiße und seine Freunde auch. Die sind alt und veraltet und labern Scheiße.
Ach, irgendwie ist das alles so dumm. Einige sollten sich mehr mit Philosophie beschäftigen. Einfach um mal ihre Köpfe etwas anzustrengen, damit sie nicht jede gesellschaftliche Meinung einfach kopieren müssen wie die Schafe. Das fiel mir besonders auf, als ich den verlinkten Artikel zum Spiegel gelesen habe und in den Kommentaren JEDEN Beitrag aus diesem Forum wiederfand.
Gott ist tot. Seit über 100 Jahren. Wir haben aber "Ersatz" gefunden. Schaut euch mal an, wie allein hier an bestimmte Konsolen geglaubt wird, wie wenig Toleranz allein in so einem Scheiß aufgebracht wird. Oder Apple/Android, Autos, Fussball. Jeder verhält sich hier wie ein Primat und wie ein Primat zeigt er mit dem Finger auf andere Primaten und lacht über deren affigen Glauben. Und nichts scheint schöner zu sein als sein Rudel zu finden und sich über die winzige Gruppe anders-denkender Menschen zu stürzen, die noch nicht einmal wissen, was sie falsch gemacht haben.