Sicherlich kann vieles zweckentfremdet werden, aber es gibt eben für alles einen Hauptzweck.
Schon richtig, trotzdem ist "Zweck" kein trennscharfes Kriterium, weswegen es sich nicht zur Kategorisierung eignet. Ich würde mich in gleichem Maße von so moralisch behafteten Begriffen wie "gut", "schlecht" oder "neutral" entfernen. Im Endeffekt können leblose oder abstrakte Gegenstände nicht zur Rechenschaft gezogen werden, egal ob das jetzt eine Waffe oder eine Weltanschauung ist - verantwortlich ist der Mensch, der damit interagiert.
Nenn mir eine einzige Religion, die in ihrer Urform nicht das Leben der Menschen durchgreifend regelt, den Religionsanführern seltsamerweise große Vorteile beschert (z.B. durch spezielle Rechte oder Abgaben an die betreffende Gottheit, die dann natürlich samt und sonders besagten Anführern zufallen) und Lohn und Strafe für etwaige Taten mit diversen Konsequenzen für das Leben nach dem Tod versieht (oder selbiges ziemlich abrupt herbeiführt).
Und genau das ist es, was ich gerade versuche von der allgemeinen Vorstellung zu trennen: Religion per se ist ein theoretisches Konstrukt, welches genau so viel Einfluss hat, wie der Mensch ihm gibt.
Wenn also irgendwelche Religionsführer ihre Macht missbrauchten, ist nicht "die Religion" schuld, sondern der eine Mensch, den die Vorstellung von Macht und Reichtum korrumpiert hat.
Der Glaube sagt: "Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der mich liebt und über mich wacht."
Die Religion sagt: "Ja, aber das macht er nur, wenn du dich an folgenden Auflagen-Katalog hältst. Ansonsten tritt er dir mächtig in den Arsch und lässt dich in der Hölle schmoren."
Aus einer biblischen Sichtweise lautet der Satz eher so: "Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der mich liebt und über mich wacht. Und aus genau diesem Grund befolge ich freiwillig seine Anweisungen, weil ich davon überzeugt bin, dass sie mir zum Besten dienen.". Das zeigen schon die 10 Gebote, die in der Ur-Übersetzung "du wirst" lauteteten, und nicht "du musst".
Anweisungen sind nach der Bibel also fixer Bestandteil von Glauben, und auf keinen Fall ein Widerspruch. Diese Anweisungen sind aber gleichzeitig etwas höchst persönliches und es wird an mehreren Stellen angeführt, dass man nicht über andere urteilen soll.
Dass dies doch geschieht/geschah und sehr viel Leid gebracht hat, steht dem ursprünglichen Gedanken komplett entgegen und ist wieder auf menschliches Handeln zurückzuführen.
Und zum Schluss: Die Konsequenz der Hölle und des ewigen Leidens ist auch nicht biblisch.
Wenn du sagst, dass irgendwer Nichtmenschliches uns die Religion gegeben hat - denkst du wirklich, er oder sie hat einen derartigen Verhaltenskodex im Telefonbuchformat dazugelegt?
In dem Telefonbuch steckt wesentlich mehr drin als ein bloßer Verhaltenskodex, soviel vorweg. Davon abgesehen kannst du natürlich deine Meinung über bestimmte Religions- oder Glaubensrichtungen haben. Solange du ihnen diese Meinung nicht aufzwingst, genauso wie sie dir ihre Meinung nicht aufzwingen, ist alles in bester Ordnung. Erst wenn eine Seite diese Regel missachtet, gibt es Probleme - was aber nicht an "der Religion" liegt, sondern entweder an der menschlichen Interpretation oder, viel häufiger, an völlig profanen menschlichen Motivationen wie Rechthaberrei, Gier, etc. Die Religion ist dabei meist bereits völlig in den Hintergrund getreten.