eMKay schrieb:
aber wenn ich an Dr. Titel aus meinem Bereich (Elektrotechnik) denke.
Genau da bin ich auch dabei. Und ja - vor einer Diss stehen da etliche Veröffentlichungen. Hab ich auch schon mitgemacht. Wird überschätzt. Ich habe selber veröffentlich, ich habe etliche Paper lesen und einschätzen müssen - der größte Teil davon ist blanker Huf (nehme ich meine Beiträge nicht aus), weil schon das grundlegende Thema in der Regel rein akademisch ist und außerhalb der Uni keine Sau wirklich interessiert.
Ich habe Vorträge auf Konferenzen gehalten (kleine Anekdote: Es gibt Typen, die sind mit einem Schriebs
aus dem Paper-Generator auf einer Konferenz angenommen worden - soviel zum wissenschaftlichen Standard dieser Veranstaltungen), wo man mich entweder aufgrund der trockenen und verqueren Thematik nicht verstanden hat, oder wo einfach jeder nur mit seinem eigenen wichtigen Vortrag beschäftigt war und es deswegen nicht für nötig hielt, aufzupassen. Ist auch verständlich. Die meisten dieser Vorträge sind lahm (meine sicher auch), furchtbar trocken und wenn man sich dann mal die Ergebnisse so ansieht, die da allen Ernstes als großer Durchbruch gefeiert werden, dann greift man sich an den Kopf.
Ich selbst habe ca. 2 Jahre in ein Projekt investiert, welches sogar international auf die Beine gestellt wurde:
Ganz großes Kino
Wegen diesem Rotz war ich in der Schweiz, in Paris und in Nizza (nicht dass ich mich DARÜBER beschweren würde). Ich habe etliche laaaaange Beiträge verfasst, ich hab mich mit kaum zu verstehenden Italienern am Telefon rumgekloppt - weißt du, was dabei rausgekommen ist? Ein blanker Witz. Etliche Dinge waren technisch nicht machbar, bei anderen wiederum ist kurz darauf ein wichtiger Hersteller abgesprungen, was im Grunde meine komplette Arbeit (und die der Kollegen, die nach mir an dem Ding gewerkelt haben) obsolet werden ließ. Der ganze Chip, der da zum Schluss vor der EU-Kommission auf dem Tisch lag, war ein derartiger Witz, dass man echt niemanden in der ganzen Industrie (okay, abgesehen vielleicht von Nordkorea) damit beeindrucken konnte. Oder was will man mit einem Chip in der Bildverarbeitung, der nicht mal in der Lage ist, HD darzustellen?
Auf jeden Fall wurden dann unsere diversen Berichte genommen und zu diesem Buch da oben zusammengefasst. Gleich in der Einleitung fällt der Name "Galilei". Da hab ich echt 'nen Lachflash gekriegt.
Wie auch immer, auch hier wurde mit EU-Geldern in mindestens 7 stelliger Höhe wieder ordentlich Schindluder betrieben. Etliche haben diese Gelder genutzt, um weiter Mitarbeiter zu beschäftigen, oder Dinge für ihre Firma zu tun, für die sie von ihrer Firma keine Kohle bewilligt bekamen. War bei mir auch nicht anders. Hauptsache erstmal Drittmittel ranschaffen, oder versuchen, eigene schon ewig lang existierende Technologien zu pushen, ohne auf den Kosten sitzenzubleiben.
Und sicher sind aus diesem Projekt heraus auch die eine oder andere Diss enstanden. Wenn man das Buch liest, oder die allgemeine interne Berichterstattung könnte man meinen, wir hätten Krebs geheilt. Aber ich war dabei - der reine sinnlose Scheiß von vorn bis hinten. Und das ist nur ein einziges Projekt von vielen, aus denen Dissertationen entstehen. Das Projekt war noch nichtmal vorbei, da haben sich die Verantwortlichen schon zusammengesetzt und überlegt, wie man der EU noch mehr Kohle für ein Nachfolgeprojekt aus dem Kreuz leiern kann.
Und das ist nicht die Ausnahme, das ist die Regel. Gerade sind hier am Lehrstuhl die Arbeiten für einen Projektantrag in vollem Gange. Da geht es um richtig Asche. Es handelt sich um ein Nachfolgeprojekt. Der Vorgänger war auch schon so schlappe 3 Mio wert (Steuergelder). Du willst nicht wirklich wissen, was aus dem Geld geworden ist. Ich sage nur, dass hier jetzt u.a. eine nicht näher genannte Anzahl an PS3-Konsolen im Schrank verstaubt. Und wir haben drei Dienst... tschuldigung... "Forschungs"fahrzeuge: zwei 7er BMWs und einen X5. Nebenher fährt ein Chef eines anderen Lehrstuhls jetzt auch irgendeinen krassen BMW privat. Und auch daraus sind Veröffentlichungen entstanden, wird an Dissertationen gearbeitet.
Und das ist nicht nur der eine Lehrstuhl - das sind alle hier an der Uni. Worum es geht? Geld. Geld ist das einzig Entscheidende. Und das ist auch gar nicht mal schlimm. Wir haben sehr viele Mitarbeiter einstellen können, was ja per se nix Schlechtes ist. Wir haben ordentliche Technik zum Arbeiten - man kann im Grunde nicht meckern. Wenn du mich jetzt fragst, was hier oder anderswo großartiges in Sachen Wissenschaft geleistet wurde...da müsste ich echt passen. Und egal, mit welchen Mitarbeitern anderer Lehrstühle ich mich unterhalte - es ist überall der gleiche Mist. Außer natürlich wenn man mit den Chefs redet. Dann ist man natürlich top notch, cutting edge und generell absolut awesome.
Woher meine Einstellung zu Dissertationen etc. kommt? Ich sitz mittendrin.
