Erstaunlicherweise scheinen wir hier ja keinen Arzt im Forum zu haben, obwohl ansonsten fast alles hier vertreten ist.
Schon. Der hat nur nach der Anmeldung vor einigen Monaten nicht mehr ausreichend Zeit gehabt hier aktiv zu sein.

Und was ist jetzt? Jetzt schaue ich gerade hier rein und sehe die gleichen Diskussionen, die ich täglich hundertfach führen muss. Ich bin Facharzt für Innere und im Moment niedergelassen als Hausarzt tätig. Viele meiner Bekannten und Studien-Freunde sind noch im Krankenhaus tätig. Einige davon auf Intensivstationen. In meiner Nähe kenne ich von früher einen leitenden Oberarzt einer Abteilung für Lungenheilkunde, das ist ein der Größe nach recht übersichtliches Haus, die hatten im Verlauf des letzten Jahres 800 intensivpflichtige Corona-Patienten. Einige meiner Kollegen haben trotz leichtem Verlauf, genau wie im Moment sehr viele Patienten, schon seit Monaten mit massiven Nachwirkungen zu kämpfen.
Mir ist die Dramatik der Pandemie jeden Tag vor Augen.
Seit wir mitimpfen dürfen, was wir neben den normalen Sprechzeiten machen müssen weil unser Patient mir auch irgendwie versorgt sein wollen, hat der Tag eh nicht genug Stunden.
Daher ein dickes sorry dafür, dass ich nach Anmeldung hier so inaktiv war. Aber ich hab nebenbei auch noch 2 Kinder…
Ich kann hier Verständnis für alle Seiten aufbringen. Außer für Pandemie-leugner. Und was mich wirklich auf die Palme bringt, sind die Unfreundlichkeit und der Egoismus aktuell bei vielen Mitbürgern, beides greift gefühlt immer stärker um sich.
IMHO führt vor allem eines zu Wut und Frustration und spielt damit der “blauen Fraktion” und den „Querdenkern“ und anderen politisch rechtsgerichteten in die Hände: der teils sehr träge, teils willkürlich anmutende und manchmal von Kopflosigkeit und blindem Aktionismus geprägte Umgang der Bundespolitik mit der Situation. Letzten Sommer wusste doch jeder was im Herbst kommt. Und was ist über den Sommer passiert? Nichts. Man hätte die Schulen systematisch darauf vorbereiten können. Stattdessen hat man sie dann einfach dicht gemacht. Seit fast einem dreiviertel Jahr diskutieren wir über Luftreinigungsgeräte. Stattdessen frieren die Kinder im Winter - wenn die Schule mal offen war - bei offenem Fenster. Und genau so sieht es in vielen anderen Bereichen aus.
Zur Stiko: Die Stiko wertet Daten aus und gibt Empfehlungen. Dass diese nicht immer auf Linie mit der Politik ist, sieht man zum Beispiel an der aktuellen Diskussion über die Impfung der unter zwölfjährigen.
Das ist aber ja auch genau der Sinn der Sache. Wissenschaft und Politik müssen sich nicht immer einig sein. Und vor allem dürfen sie nicht zu abhängig voneinander sein.
Und bei aller Wut und Unverständnis welches mir jeden Tag begegnet muss ich trotzdem eine Sache loswerden, und das ist meiner Meinung nach das wichtigste:
Ja, es läuft nicht alles wie es laufen könnte. Aber wir werden die Pandemie überstehen, auch wenn wir uns danach ein wenig einschränken müssen. Aber wir haben weder mit Hungersnöten noch mit Krieg zu kämpfen und können uns relativ sicher sein dass unsere Kinder morgen früh noch leben und nicht an Tetanus, Gelbfieber, Malaria oder sonstwas verstorben sind.
Alleine das ist manchmal ein bisschen Dankbarkeit und Demut wert. Deswegen: alle etwas weniger aufregen.

Und jetzt dürft ihr mich gerne steinigen, aber das musste raus.