Ein gutes Dutzend rhetorischer Fragen stellt Stefan Willeke in seinem Artikel, der das „Hoffenheimer Fußballmodell“ nachdrücklich lobt und dessen Kritiker pauschal verdammt. Anhand sorgfältig ausgewählter Negativbeispiele (Beleidigungen gegen den Mäzen unter der Gürtellinie) sollen offenbar alle Fußballanhänger diskreditiert werden, die sich weigern, in den allgemein veröffentlichten Jubel um Hoffenheim einzustimmen.
Zu einem differenzierteren Bild hätte der Autor gelangen können und müssen, hätte er sich ernsthaft um die Beantwortung der von ihm lediglich als (inflationär benutztes) Stilmittel gestellten Fragen bemüht. Als da wären:
1. Worin könnte dieses Prinzip (gegen das Hopp durch den massiven Einsatz finanzieller Mittel verstoßen haben könnte) bestehen? Was kann daran schlecht sein (wenn ein Dorfclub Meister wird)?
Grundsätzlich besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Erfolg eines Clubs und der Zahl seiner Anhänger. Ein großes Fanpotenzial macht einen Club so groß, dass er für Sponsoren und Fernsehsender attraktiv wird und Einnahmen generiert. Durch den Erfolg gewinnt er wiederum mehr Fans. So sind die Traditionsvereine mit gewachsener Fanbasis nicht zufällig immer wieder in der Lage, Abstiege und auch längere Krisenzeiten zu überstehen: Sie liegen einfach genügend Menschen am Herzen! Mit dieser logischen Entwicklung korrespondiert ein utilitaristisch betrachtet angenehmer Nebeneffekt. Die Vereine, welche bei Erfolgen die meisten Fans erfreuen, haben letztlich auch den größten Erfolg. Dies verspricht utilitaristisch betrachtet eine Maximierung des Glücks und hat außerdem eine demokratische Komponente. Das heißt selbstverständlich nicht, dass fortan immer der Club mit den meisten Fans deutscher Meister werden sollte. Ein beliebig oft ohne Spannung wiederholter Erfolg bringt ja auch dem Sieger letztlich weniger Glück. Aber wenn auf Dauer im Großen und Ganzen diejenigen Clubs in der ersten Liga spielen, welche (auch aufgrund ihrer Tradition) die meisten Anhänger haben, so kann niemand wirklich etwas dagegen haben. Im Gegenteil ist dies ein wünschenswerter Zustand. Dieses Gleichgewicht ist freilich zahlreichen Anfechtungen ausgesetzt, etwa durch unfähiges Management, staatlich finanzierte Hilfen in der Infrastruktur oder den Einstieg von Großkonzernen in Werksclubs wie Leverkusen oder Wolfsburg. Diese fortschreitende verzerrende (und zum Teil als Ausfluss des Leistungsprinzips nur bedingt beklagenswerte) Entwicklung gipfelt nun darin, dass sogar bereits eine einzige Person durch ihren bloßen Willen und ihr beachtliches Vermögen ein Dorf auf einen der raren Plätze an der Sonne schleift. Hätte sich in Hoffenheim irgendjemand beschwert, wenn dieser Erfolg ausgeblieben wäre, wenn man weiterhin in der Regionalliga kicken würde?
2. Aber wovon ist ein Fan dann ein Fan?
Mit dem vom Autor gezogenen Fazit Erfolg, Erinnerungen, Farben und Melodien ist es nun gar nicht getan. Schon eine rudimentäre Befassung mit der Fankultur hätte den Autor erkennen lassen müssen, dass hier der zentrale Begriff der Gemeinschaft fehlt. Die Idee eines Clubs mitsamt seinen Fans ist es doch, gemeinsam zu einem manchmal schwer fassbaren Gebilde, einer Idee (und ja, sicher auch, aber beileibe nicht nur: zum Erfolg) beizutragen. Sei es durch den Gesang in der Kurve, die Diskussion im Online-Forum oder den Erwerb von Fanartikeln. Wenn mir auf dem Weg ins Stadion wildfremde Leute Glück für „meinen“ Club wünschen, wenn man auch nach dem Abstieg mit allen anderen treu zur Saisoneröffnung geht, wenn der 80jährige Nachbar Geschichten von früher erzählt und dem Club am Radio noch immer die Daumen drückt – all das gibt eine Ahnung vom erfüllenden Fandasein, welches ein Leben lang gilt. Jedenfalls hat die Verwirklichung kindlicher Allmachtsphantasien (das Motiv „ich mache meinen Club zur Nummer 1“ nimmt in nahezu jedem Fußballspiel für Konsole oder PC eine zentrale Rolle ein) mit diesem Begriff nichts gemein, mag der Erfolg und die attraktive Spielweise auch zahlreiche andere Zuschauer anziehen und so die Illusion einer Fanszene entstehen! In Wirklichkeit handelt es sich doch nur um Eventpublikum, welches sich in schlechten Zeiten erst noch überlegen müsste, ob man dem Club die Treue hält.
Davon abgesehen, soll im Artikel offenbar das Bild des anbetungswürdigen Mäzens durch Angaben abgerundet werden, welche mit den eigentlichen Fragen, denen der Autor vorgeblich nachgeht, rein gar nichts zu tun haben. So werden Anbiederungen bei Herrn Hopp unter devoter Angabe der Kontonummer geschildert – sollen jene Briefe etwa von denselben Fans anderer Vereine kommen, die das Projekt kritisieren? Wohl kaum. Und was tragen jene Briefe dann argumentativ bei? Nichts. Dass sich der Fußball seit 1972 weiterentwickelt hat, mag wohl niemand bestreiten, wohl aber, dass dies monokausal auf den höheren Zufluss finanzieller Mittel durch Mäzene zurückzuführen ist. Fortschritte in der Trainingslehre und eine fortschreitende Evolution des jeweils besseren, schnelleren Spiels sind nur zwei der Ursachen, welche das Spiel besser machen. Auch ohne Hopp, Bayer und VW und mit einer Gehaltsobergrenze ähnlich derjenigen für Bankvorstände unter dem staatlichen Rettungsschirm würde die Attraktivität des Fußballs heute nicht merklich abnehmen. Dass Herr Hopp auch „soziale Projekte“ fördert, ist gut und schön, heißt aber hoffentlich nicht, dass man auch alle seine anderen Projekte gut finden muss. Abgesehen davon: Vermutlich weiß niemand so richtig, wie er sich verhalten würde, wenn er plötzlich unermesslich reich wird. Aber einen Dorfclub aus Spaß zu einem Spitzenclub zu machen, so lange laut Welternährungsbericht der VN 2007 in jeder Minute 17 Menschen (zumeist Kinder) verhungern, ist ein exzentrisches Vergnügen, welches ich nicht vielen Menschen, die ich persönlich kenne, zutrauen würde.
Unwillkürlich fragt man sich, ob die Hoffenheimer Restriktionsdrohungen gegen kritische Zeitungen wie den Tagesspiegel bereits Wirkung zeigen, denn so könnte der Artikel auch aus der Pressestelle des Dorfclubs stammen. Gerade dass man in Hoffenheim so dünnhäutig auf Kritik reagiert und dass dieses Vorgehen in vielen Medien auch noch Erfolg zu haben scheint, ist für mich und viele andere Fußballanhänger ein dringlicher Grund, die Kritik immer wieder beharrlich und hörbar zu äußern.