Er scheint aber selbst von den noch bis April geltenden 2G-Regeln nicht mehr überzeugt zu sein: Als im Juli die Zahl der Infektionen – bei etwa gleich hohem Impfschutz – so anstieg wie zuletzt im Frühjahr, folgte daraus: nichts. Die mittlerweile siebte Welle flachte in derselben Geschwindigkeit ab wie die vorherigen Infektionswellen unter 2G. "Wir müssen jetzt mit dem Virus leben", sagen Delfraissy und Macron heute einmütig.
Die Masken, die vor einem Jahr mit Delfraissys Zuspruch sogar draußen und von der ersten Grundschulklasse an obligatorisch waren, sind für den Arzt inzwischen weniger wichtig. Sie hätten nur einen "moderaten Einfluss" auf das Geschehen im Krankenhaus, sagte er nun.
Grundsätzliche Lehren aus der Krise
Für Gérald Kierzek ist die neue Haltung Frankreichs eine überraschende Nachricht. Kierzek arbeitet als Arzt in der Notaufnahme von Pariser Krankenhäusern und gehört in Frankreich zu den prominentesten Kritikern der Corona-Politik. Er bemängelte stets, dass die Maßnahmen – etwa die anfänglichen Schulschließungen oder der Bewegungsradius in den Lockdowns – zulasten der Gesundheit der Kleinsten und der Allgemeinheit gingen. "Wir hörten lange Zeit nur entweder alarmistische Sätze oder Verschwörungsmythen", äußert der Mediziner im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Die Regierung habe anfangs vermittelt, alle seien lebensgefährlich bedroht, inzwischen vertrete sie eine Politik, als wäre niemand mehr gefährdet. Der Mittelweg sei richtig. "Wir müssen weiterhin die Fragilsten schützen", fordert Kierzek. Es sei an der Zeit, grundsätzliche Lehren aus der Krise zu ziehen.
Dazu gehöre es, über Prävention zu sprechen. "Händewaschen ist wichtig, aber keine langfristige Vorsorge. Diese würde bedeuten, gesünder altern zu können und Übergewicht vorzubeugen. Dann würden die Risikogruppen deutlich kleiner." Er wünsche sich beispielsweise mehr Angebote zur Bewegung und günstigeres, wertvolles Essen wie Obst und Gemüse. "Es ist die Aufgabe des Staates, für eine gesunde Bevölkerung zu sorgen."
Die dramatischen Zeiten sind vorbei
Zweitens müssten die Krankenhäuser besser und menschlicher arbeiten können. "Sie waren schon vor Corona überfordert, inzwischen sind sie ausgebrannt." Zu ihrer Hilfe müssten etwa viele kleinere Kliniken, die erst kürzlich geschlossen wurden, wieder eröffnet und deutlich mehr Pfleger und Ärztinnen eingestellt werden. "Vor Corona haben die französischen Krankenhäuser drei Milliarden Euro mehr gefordert – sie wurden uns verwehrt. Um aber die finanziellen Opfer des Lockdowns zu entschädigen, gab der Staat 600 Milliarden Euro aus." Gesundheit und Pflege hätten auch in und nach der Pandemie keine große Bedeutung für die Pariser Regierung.