Heute rollten auch bei mir die finalen Credits über den Bildschirm. Da es keine Statistik gibt, vermag ich keine exakte Spielzeit nennen, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal quasi drei Wochen am Stück jede freie Minute in ein Spiel investiert habe. Und das sagt quasi schon alles aus: Ich habe mich komplett in RDR2 verloren und in einem eskapistischen Sog wiedergefunden, dessen neue Maßstäbe im Videospielbereich einfach seinesgleichen suchen.
Sei es die technisch eindrucksvollste Spielwelt aller Zeiten mit seiner abwechslungsreichen Flora und Fauna (siehe dazu die Aufnahmen im Screenshots-Thread), seien es die Charaktere mit Arthur als Rockstars besten Protagonisten aller Zeiten und einem großen Ensemble an Figuren, das durch den genialen und dynamischen Camp-Alltag und das superbe Writing lebensecht wirkt, oder sei es die schier unzählige Zahl von einzigartigen Zufallsereignissen in der Spielwelt und Nebenquests, bei denen man selbst nach 50+ Stunden keinerlei Repetitivität wahrnimmt: RDR2 bildet mit seiner filmreifen Inszenierung und seiner wahnsinnigen Immersion in so vielen Bereichen eine neue Referenz im Videospiel-Sektor, dass man diese genauso wenig aufzählen kann wie die absurde Detailverliebtheit, die sich in jeder Ecke der Spielwelt wiederfindet. Der Production Value in diesem Spiel ist kaum in Worte zu fassen: dutzende individuelle und perfekt animierte Vorführungen im Theater, Unmengen an geheimen Orten, Easter Eggs, interessanten Orten und Ereignissen, die man schlichtweg verpassen kann. Eine unglaubliche Anzahl von Synchronsprechern, dynamisch wechselnde Dialoge und Musik, ein riesiges Sortiment an Bekleidung, und und und.
Die einzigen Holpersteine erlaubt sich Rockstar im Kern-Gameplay: Die Steuerung ist (gezwungenermaßen) überladen und daher wenig intuitiv, die Bewegung von Arthur sehr träge und behäbig (hier schuf allerdings eine entsprechende Anpassung in den Steuerungsoptionen Abhilfe). Die Schießereien sind einerseits dank der Inszenierungen und dem Dead Eye sehr befriedigend, verkommen aber auf Dauer zum Moorhuhn-artigen Tontaubenschießen und leiden unter einem ungenauen Deckungssystem. Schade auch, dass die Waffen-Anpassung beim Gunsmith ganz offenbar dem Schnitt zum Opfer gefallen ist und sich daher nicht ganz so viel Varianz bei den Waffen wiederfinden lässt.
Die bisweilen kritisierte, sehr langsame Pacing des Spiels fand ich jedoch bis zum Schluss herausragend. Sich im Camp freiwillig die Zeit zu nehmen, die Figuren besser kennenzulernen, in der Wildnis einzigartige Tierbegegnungen zu beobachten oder in der Spielwelt auf eigene Faust geheime Orte zu entdecken, trägt ungemein zur Immersion bei und hat mir ein Erlebnis beschert, das ich bei einem strikten Verfolgen der Hauptstory nicht gehabt hätte. Unterstrichen wird all das von einem Soundtrack zum Niederknien, der grundsätzlich minimalistisch eingesetzt wird, dann aber mit dem Einsatz von gewissen Songs zum richtigen Zeitpunkt Gänsehaut-Momente garantiert (daher verzichte ich auch auf das Verlinken bestimmter Tracks, um Spoiler zu vermeiden).
Ich bin noch längst nicht fertig. Ich habe selbst jetzt noch unerforschte Bereiche auf der Karte, Tiere wollen gejagt und die audiovisuell brillante Spielwelt weiter aufgesaugt werden.
10/10 und neben God of War das für mich indiskutable GOTY.