Dragon Age ist für mich die Enttäuschung des Jahres.
Kurz aber zu meiner Person und meinem Bezug zu RPGs im Allgemeinen.
Ich wurde durch Rollenspiele (Willow NES, FF) schon im zarten Alter auf das Medium Videospiele aufmerksam und war verblüfft, wie man interaktive Geschichten (mit)erleben kann. Erst später dann kamen die damaligen Aushängeschilder des Mediums wie Mario, Sonic etc. dazu. Soll heissen- Rollenspieler seit meiner ersten Stunde als Computer/Videospielespieler. Durch die späteren Generationen hindurch hat sich das Genre immer weiter entwickelt- manches wurde so in's Positivere gerückt, manches verschlimmbessert und vieles davon hängt mit dem Sprung von 2D zu 3D, sowie auch der extremen Zunahme der Zielgruppe des Mediums zusammen. Heute sind wir ja schon so weit, Videospielen kulturellen Wert zuzuschreiben oder gar als Lernmedium zu nutzen, da die Zockergemeinde sehr breit gefächert und v.A. sehr gross ist.
Franchises wie das legendäre Final Fantasy fanden sich vor zwei Generationen im neuen, schicken 3D-Gewand wieder, blieben ihren Zielgruppen aber weiterhin treu, indem sie die klassischen Elemente nicht strichen. Eine Generation später und der weiteren Zunahme der Gemeinde, hat man versucht, jeden Geschmack zu bedienen. Ein wirtschaftlich korrektes Handeln, das sich ein jedes profitorientiertes Unternehmen durch den Kopf gehen lassen muss- auch genannt, Evolution. Spiele werden immer schöner, Spiele werden immer packender, realistischer inszeniert- mittlerweile aber ohne grossartig etwas neues zu erzählen. Die Essenz eines Rollenspieles ist die Geschichte, ist die Welt und ihre Bewohner, die Gemeinschaft, mit der der Spieler durch die, mittlerweile malerisch bezaubernden und teils technisch protzenden, virtuellen Ortschaften zieht.
Den Spagat zwischen klassischer Motivation und Evolution schafft Dragon Age nicht.
In den ersten Spielstunden war ich baff- ein westliches Rollenspiel, der in puncto Inszenierung den linearen Genrevertretern aus dem Osten quasi in Nichts nachsteht. Zu schön um wahr zu sein?
Allerdings, denn in keinem anderen Spiel, sei es nun ein Rollenspiel, ein Action Adventure oder gar Strategie, fiel der geschmückte Vorhang so abrupt und bot dem Spieler dann quasi nichts mehr auf gleichem Niveau. Nicht unerwähnt muss ich an dieser Stelle die Tatsache lassen, dass westliche Rollenspiele in ihrer Inszenierung generell den pompöseren, dafür aber wesentlich lineareren Pendants aus dem Osten hinterherhinken- aber mit Verlaub, keines dieser WRPGs beginnt so brachial und weiss die Dramaturgie so geschickt in die Adern des Spielers zu pumpen, wie Dragon Age, aber wieso zieht sich das hohe Niveau nicht durch das gesamte Spiel? Wieso gibt es da eine so kraterhafte Lücke? Wieso will die Mixtur, trotz grandiosem Ansatz, nicht gelingen?
Nach spätestens 3 1/2 Stunden öffnet sich die Weltkarte und man ist mehr oder weniger frei, den chronologischen Verlauf seiner Geschichte selbst zu gestalten. Aber diese Freiheit ist vorgetäuscht, da die Entscheidungen sich offensichtlich nicht so sehr auf kommende Storytwists auswirken, wie z.B die Verlaufe diverser Dialoge.
Dazu fehlt noch ein roter Faden, der den Spieler etwas antreibt und gleichzeitig über das Geschehen informiert. Man könnte mit Oblivion kontern oder auch Fallout 3, ja, aber das sind keine SemiOpenWorld-Rollenspiele und können auf sowas völlig verzichten, da man beim Bereisen der Welt allfällige Änderungen stets vor Augen hat oder in F3 gar durch ein Radiosystem auf dem Laufenden gehalten wird. Gothic spielte da sogar in einer ganz anderen Liga, indem es die offene Spielgestaltung durch geschickt platzierten und in die Story eingebundenen Zwänge bisher besser vortäuschen konnte, als sonst ein mir bekannter Genrevertreter.
Wir drücken aber mal ein Auge zu, weil das Genre in dieser Hinsicht noch seit dem ersten (semi-)OpenWorld-Rollenspiel stagniert und mir ehrlich gesagt auch keine Lösung einfallen würde, da das Medium schlicht noch nicht so weit ist, eine eigene Intelligenz zu entwickeln.
Ich sprach vom Dialogsystem und auch hier muss ich etwas ankreiden- Schwarz/Grau/Weiss. Wer BioWare-Spiele kennt, der weiss, wovon ich spreche. Inkonsequenzen sind im Alltag- so kann man eine Person, die man vor keiner viertel-Stunde zur Sau gemacht hat, später durch virtueller Arschkriecherei wieder wohlwollend stimmen. Oder halt- man macht es sich sogar noch einfacher, indem man das sowieso überschüssige Gold in Geschenke investiert, mit denen man seine Mitstreiter bescheren und die virtuell-sozialen Beziehungen stabilisieren kann. Feature? Ja, man muss es nicht nutzen- aber a) warum konnte man diese Items nicht rarer säen? b) warum kann man Dank enormen Inkonsequenzen sowieso auf das virtuelle-Sozialleben pfeifen? c) warum brüsten sich die Entwickler damit, dem Spieler eine frei individualisierbare Welt/soziale Umgebung anzubieten?
Ich meine ein Baldurs Gate II- vom selben Entwickler, mittlerweile fast 10 jährig und immernoch mein intensivstes Spielerlebnis bisher, war in dieser Hinsicht sehr, sehr, sehr, sehr viel härter und ernster.
In Dragon Age ist meine Gesinnung also völlig schnurz- ich habe in meiner PArty, wen ich will. Ich gehe hin, wo ich will. Ich meuchle, wen ich will, aber die Welt spielt da nicht mit! Wer das genannte Baldurs Gate II gespielt hat, der weiss auch hier, wovon ich spreche, denn wenn man schon ein Gesinnungssystem und ein mehr oder weniger ausgereiftes Dialogsystem einbaut (oder gar der Erfinder dieser Mechanik ist), sollte die Umgebung des Spielers auch entsprechend im Spielverlauf gestaltet werden. Und damit meine ich jetzt nicht die null aussagekräftigen EInwände meiner Mitstreiter oder diverser NPC-Charaktere.
Was mich also an Dragon Age stört, sind also solche Inkonsequenzen und die lieblose Einbindung der Hintergrundinformationen durch den schlecht präsentiert und gegliederten ingame-Kodex. Mehr als gefühlte 10 Abschnitte konnte ich mir nicht antun, denn so sehr mich der Stoff auch interessiert hat, war es mir die Mühe dann doch nicht wert.
Dabei sind Script und Cast so toll, dabei ist die, mittlerweile zwar gnadenlos ausgelutschte Thematik um Orks (ja, die dunkle Brut besteht aus Orks... sagt, was ihr wollt), Elfen, Zwerge und Mittelerde-Trara doch genau mein Ding und dabei bin ich doch nichtmal eine verdammte Grafikhure.
Also gut, ich sehe es ein- ich habe mir zuviel versprechen lassen und erhielt schlussendlich die für mich wichtigsten Aspekte des Genres höchstens in Ansätzen. Deshalb tauche ich diesen Winter wieder in Baldurs Gate II ein- ich brauche keine Modernisierungen und 3D-Grafik, ich will bloss ein Rollenspiel.
/edit
Ganz abgesehen davon, bin ich gar der Meinung, dass BioWare seit KOTOR kein rundes Rollenspiel mehr in's Leben rufen konnte.