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Verbrechen der Nazis: Fühlt ihr euch schuldig?

Fühlt ihr euch schuldig?

  • Ja

    Stimmen: 4 2,4%
  • Nein

    Stimmen: 166 97,6%

  • Umfrageteilnehmer
    170

Benutzer, welche sich diesen Thread anschauen:

Urgs schrieb:
Übrigens, es wird hier oft geschrieben, wir würden vorbildlich mit der Vergangenheit umgehen. Das stimmt so überhaupt nicht. Sicherlich haben wir auf dem Gebiet mehr geleistet als andere Staaten. Aber es gibt so viele Beispiele davon, wie der Staat sich mit Händen und Füßen gegen Entschädigungszahlungen gewehrt hat. Die kann man gar nicht alle aufzählen. Noch schlimmer, wenn es um die Verurteilung von Nazi- und Kriegsverbrechern geht. Die deutsche Justiz hat sich da alles andere als mit Ruhm bekleckert, die Politik oft genauso. Ein mitunter regelrecht beschämendes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Deutschland hat aber auch unglaublich viele Entschädigungen gezahlt und viele der Täter verurteilt. Es ist nun mal bei Ereignissen diesen Ausmaßes schwierig, dass kein Individuum auf der Strecke bleibt.
 
Urgs schrieb:
Übrigens, es wird hier oft geschrieben, wir würden vorbildlich mit der Vergangenheit umgehen. Das stimmt so überhaupt nicht.

Ich finde schon, dass das stimmt. Natürlich ist nach dem Krieg geschwiegen worden, aber die "68er" haben da schon entgegengewirkt und seitdem hat sich Einiges getan. Die letzten 30 Jahre kann man durchaus als vorbildlich betrachten (Ausnahmen wie Konzerne, die Zwangsarbeiter nicht entschädigen wollten, gibt es natürlich).
 
Nach dem Krieg hatten sie imo aber auch erstmal kaum ne andere Wahl. Moralisch war es falsch, aber viele von den Schweinen aus dem ehemaligen Staatsdienst und der Armee hat man z.B. gebraucht, um möglichst schnell nen neuen funktionierenden Staatsapparat aufzubauen. Sie waren einfach gut in ihrem Job und für wen sie arbeiten war ihnen egal. Die "ich mach ja nur meinen Job/ich befolge ja nur Befehle" Mentalität. Und das wussten die Amerikaner auch.
 
Warum sollte ich mich schuldig fühlen? Es ist ja nicht einmal jemand aus meiner Familie in den Krieg gezogen (worüber ich sehr dankbar bin, denn dadurch ist mir mein Urgroßvater noch einige Zeit erhalten geblieben). Aber ich finde, dass speziell unser Land in Zukunft ein Auge darauf haben sollte, dass so etwas nicht noch einmal passiert.
 
Habt ihr euch mal den Podcast angehört?
Sicherlich ist einiges passiert, aber vieles ist eben auch unterlassen worden. Die letzten 30 Jahre ... tja, das bedeutet leider auch, es kam 30 Jahre zu spät. Vorbildlich ist das jedenfalls alles sicherlich nicht gelaufen. Und nur darum ging es mir.
 
Ich finde, es ist nie zu spät. Und ich finde, dass das weltweit vorbildlich und unvergleichlich ist, wie Deutschland damit umgeht/verfährt (viele Nationen haben Dreck am Stecken). Ich rede vom Istzustand, vom Heute.

Und ich finde auch nicht, dass das mit dem Ableben der Zeitzeugen/Beteiligten "ein Ende haben muß". Man ist es den Nachkommen schuldig, denen, die Eltern und Großeltern verloren haben, die dadurch Einschnitte auch in ihrer Biografie erleben mußten. Da finde ich, dass wir ganz besonders verpflichtet sind, daran zu erinnern.
 
Deutschlands Verbrechen waren in der Dimension und Ausführung nun mal auch einzigartig. Aber es ist nun mal so, dass diejenigen, die gegen die Täter vorgingen, vom neuen Staat ausgebremst wurden und auch nicht den Rückhalt in der Bevölkerung hatten. Also wie immer und überall und nicht vorbildlich und unvergleichlich. Insofern gibt es schon einen Punkt, an dem es zu spät ist. Nämlich der, wenn Taten verjähren oder Täter im Exil sterben.
 
Urgs schrieb:
Deutschlands Verbrechen waren in der Dimension und Ausführung nun mal auch einzigartig. Aber es ist nun mal so, dass diejenigen, die gegen die Täter vorgingen, vom neuen Staat ausgebremst wurden und auch nicht den Rückhalt in der Bevölkerung hatten. Also wie immer und überall und nicht vorbildlich und unvergleichlich. Insofern gibt es schon einen Punkt, an dem es zu spät ist. Nämlich der, wenn Taten verjähren oder Täter im Exil sterben.

Auch da widerspreche ich. Es sind bereits viele Täter noch im Krieg gestorben und dennoch wartete man seitens der Opfer lange auf eine Reaktion, die dann irgendwann erfolgte. Kann mir gut vorstellen, dass das Signal wichtiger war, als explizit den Täter verurteilt zu sehen.
 
Quatsch mit Soße! Sorry, ist aber so!

Wer die Zeit nicht in den Podcast investieren möchte, hier die ganz kurze Variante:

Die Versäumnisse und Fehlleistungen bei der NS-Strafverfolgung werden heute kaum noch ernsthaft bezweifelt. Der Bochumer Historiker Norbert Frei bezeichnet sie als regelrechtes "Desaster" und der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP) sprach jüngst von Gerichtsurteilen, die in "geradezu skandalöser Weise versucht haben, nationalsozialistische Verbrecher, wenn nicht ganz freizusprechen oder außer Verfolgung zu setzen, so doch nur mit milden Strafen zu belegen." Die Strafverfolgungsbilanz der westdeutschen Gerichte spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Seit dem 8. Mai 1945 wurden gegen 106.494 Personen Ermittlungs- und Vorermittlungsverfahren eingeleitet, von denen lediglich 6.495 rechtskräftig verurteilt wurden. Die übrigen Verfahren endeten mit teilweise äußerst fragwürdigen Verfahrenseinstellungen und Freisprüchen.

http://www.michael-greve.de/strafen.htm
 
Dein Podcast unterschlägt aber, wie schwierig es ist, Verbrechen Jahre später nachzuvollziehen, die in den Wirren eines Krieges geschehen sind. Es sind ja nicht mal längst alle Verbrechen einwandfrei nachzuvollziehen, die in unserer heutigen geordneten Gesellschaft passieren. Du tust ja gerade so, als hätte man absichtlich versucht, Straftäter freizusprechen. Dem war sicherlich nicht so.
 
Das ist ja auch nur EIN Aspekt einer Aufarbeitung dieser Vergangenheit. Es gibt noch viel mehr Aktionen, die hier wirken (Thematisierung in der Schule, Jugendaustausch, Konzerte, Theater, Film, Gedenktage, Gedenkstätten....).
 
Natürlich, Erinnerung ist wichtig. Aber wir sollten uns halt auch daran erinnern, wie wir später mit den Tätern umgegangen sind.

Der düstere Witz an der Sache ist doch, dass die sich alle ganz klassisch darauf berufen haben, nur Befehle ausgeführt zu haben. Wer eiskalt funktioniert hat, den hat man nicht verurteilt. Adolf Hitler war der Hauptverantwortliche. Das wird auch in dem Podcast erklärt. Tatsächlich wissen wir aber, dass der Führerstaat ganz anders funktioniert hat, nämlich unter dem Motto "Dem Führer entegegenarbeiten", ein eigenes Gespür dafür zu entwickeln, was im Sinne des Führers und seiner Ideologie ist. Hitler selbst brauchte daher kaum Befehle geben. Das lief alles von ganz allein, wie eine gut laufende Maschine, weil nämlich genug Leute von selbst wussten, was zu tun war. Und damit sind Tausende vor Gericht durchgekommen. Einfach widerwärtig!
 
Völlig zurecht konnten die nicht verurteilt werden, haben sie doch im Sinne ihrer Regierung gehandelt. Die Schuld trifft das gesamte Land, aber keinen einzelnen.
 
Glod schrieb:
Tja und da liegt das Problem - wie will man die alle bestrafen, ohne die BRD komplett handlungsunfähig zu machen?

Das war in den 50igern sicherlich im Sinne der Allierten, wenn sie bestimmte Akten unter Verschluß hielten und großzügige Begnadigungen verteilten. Dennoch hat sich ja, durch die Tapferkeit und den Mut von Wenigen, später in den 60igern doch noch eine Prozess-Welle durchgesetzt. Ich würde sagen, zu dem Zeitpunkt war es dann nichtt mehr blanke Existenznot, sondern schlichtweg mangelndes Schuldbewusstsein und die Tatsache, dass sich viele wieder in guten Positionen etablieren konnten, die für den zermürbenden Wind sorgten, der Verurteilungen so schwer machte. Das ganze hat zum Himmel gestunken und nicht umsonst ist die 68er-Bewegung genau in diesem Mief entstanden.
 
Habs mal auf der oben verlinkten Seite nachgelesen, wo die Gründe für so eine ungerechte Rechtsprechung liegen:


Bei all der Kritik an der Justiz: Letztlich liegt die Verantwortung für die unbefriedigende strafrechtliche Bewältigung der NS-Verbrechen nicht allein bei der bundesdeutschen Justiz. Sie vollzog sich lange Zeit in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Verständnis und Mitgefühl für die Täter stärker ausgeprägt waren, als der Wille und die Bereitschaft, sie für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen.
 
Weasel1988 schrieb:
Deutschland hat aber auch unglaublich viele Entschädigungen gezahlt

Das hat mich noch interessiert, wieviel das eigentlich wirklich ist. Man liest das ja oft und das damit endlich mal Schluss sein müsste.

Ich hab dazu diesen Artikel gefunden.

http://www.sueddeutsche.de/politik/entschaedigungszahlungen-neunzehn-dollar-pro-jahr-1.1022191

Momentan sind es wohl 68 Millarden Euro, die die Bundesrepublik insgesamt an Wiedergutmachung gezahlt hat, in all den Jahren. Eine recht übersichtlichtliche Summe und für das Land ein lohnender Deal. Unglaublich ist die Summe jedenfalls nicht. Man muss auch kein Rechengenie sein, um zu der Einsicht zu gelangen, dass damit nicht mal annähernd alle Opfer der Nazis angemessen entschädigt wurden. Der Artikel gibt darüber Auskunft.
 
Guter Artikel, Urgs :dhoch:

Aber ansonsten glaube ich stellst du dir das alles zu einfach vor. Sehr viele Prozesse wurden vor allem deshalb eingestellt, weil man die Schuld nicht eindeutig feststellen konnte. Nehmen wir mal einen Soldaten X, dem vorgeworfen wird, mehrere Erschießungen von Zivilisten angeordnet zu haben. Die Opfer sind natürlich tot, schriftliche Befehle hat es dazu nie gegeben, viele der an der Erschießung beteiligten Soldaten sind ebenfalls danach noch im Krieg gefallen, andere schweigen, weil sie selbst damals den Abzug betätigt hatten (mussten), der Beschuldigte streitet alles ab. Das mitten in den Kriegswirren, vielleicht sogar Ende 44 oder 45, wo bei der deutschen Armee sowieso alles drunter und drüber ging. Wie soll ein Richter da zehn Jahre später noch einwandfrei nachvollziehen können, was damals wirklich passiert war und wer schuldig ist. In Deutschland gilt nun mal zu Recht "im Zweifel für den Angeklagten".
 
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