Durch. Der folgende Eindruck ist komplett spoilerfrei.
Ernsthaft, das ist jetzt kein Hype-Geschwätz, ich finde das Spiel herausragend. Ein fantastisches Shooter-Erlebnis.
Gameplay ist super. Eindeutig ein Remedy-Spiel. Ob man das nun positiv oder negativ auffasst, bleibt jedem selber überlassen. Ich habe nahezu nichts daran auszusetzen. Überzeugender, cleverer und temporeicher Shooter-Part, dessen Fähigkeiten nicht nur atemberaubend aussehen, sondern auch perfekt integriert sind. Es fühlt sich gut und befriedigend an. Schwammiger sind da die Klettereinlagen. Davon gibt es aber nur wenige und auch wenn sie spielerisch flach sind, sie sehen toll aus und ein bisschen Abwechslung schadet nie.
Sehr viel häufiger vertreten als erwartet sind ruhige "Adventure-Momente". Würde das Story-Action-Verhältnis fast auf 50:50 schätzen. Teilweise bestehen ganze Abschnitte nur aus stimmungsvollen Erkundungsgängen und Gesprächen. Da kann ich dann auch verstehen, wo der zunächst abwegig erscheinende
The Last of Us Vergleich herrührte. Es wird schon reichlich Story geliefert.
Diese fand ich übrigens spitze! Ich habe keinen blassen Schimmer, wieso die in einigen Reviews dermaßen kritisiert wird. Das ist so viel besser als jeder Standard-Shooter-Plot. Eine waschechte Zeitreisegeschichte. Dadurch zwar auch mit bekannten Genre-Schwächen (etwas wirr, nicht immer hundertprozentig logisch (oder doch?) und am Ende meistens irgendwo enttäuschend), aber immerhin mal etwas erfrischendes, halbwegs durchdachtes und mitreißendes. Das Ende fand ich ebenfalls gelungen. Toll wie da alles zusammenläuft, auch wenn der ein oder andere Storystrang vielleicht nicht zufriedenstellend beendet wird. Zeitreisen sind nunmal nicht einfach zu handhaben.
Die Live-Action Serie ist gut. Ordentliches Produktionsdesign, solide Umsetzung und nette Nebenhandlung. Manche Schauspieler und Dialoge erinnern zwar eher an eine billige SyFy Produktion, aber dennoch besser als alles, was je in diesem Bereich versucht wurde. Problem (oder Vorteil?) ist eben, dass sie für den eigentlich Storyverlauf egal ist. Erfundenes (also spoilerfreies) Beispiel: Jack muss im Spiel durch eine Tür, die jedoch mit einem Zahlencode gesichert ist. Ingame erhält er nun eine anonyme Mail von einem Monarch-Verräter, wodurch er die Tür öffnen kann. Weiter geht's. In der Serie beleuchten sie nun genau diesen Verräter. Wer ist er, wieso hilft er Jack, wie kommt er an den Code. Diese Informationen sind für das Vorankommen im Spiel natürlich überflüssig - und so auch die Serie, wenn man es negativ auslegen möchte. Ich fand diesen ergänzenden Blick hinter die Antagonisten-Kulissen aber gelungen und interessant. Ähnliches gilt für die vielen Texte. Nicht zwingend nötig, aber hilfreich für das Verstehen der Storydetails - und immer wieder für einen Lacher gut. Time Knife.
Interessant waren auch die kurzen Antagonisten-Abschnitte. Hat ihn und sein Handeln nachvollziehbarer gemacht, da man so nicht nur die einseitige Helden-Perspektive, sondern auch die des Bösewichts hat.
Die Präsentation ist gelungen. Auf die nackte Technik heruntergebrochen zwar keine Referenz, aber mit einigen beeindruckenden SFX ausgestattet, welche die meisten optischen Schwachstellen einfach überdecken. Vernünftige Animationen, umwerfende Licht- und Zeit-Partikeleffekte, eine mehr als ordentliche, lebendige Inszenierung und einige eindrucksvolle Setpieces. Zum Ende hin ist das ein einziges Effektspektakel. Das Sounddesign ist zudem unglaublich. Beeindruckend wie die Zeit auch mit dem Sound spielt. Synchro ist ebenfalls gewohnt gute AAA-Vertonung mit den jeweiligen deutschen Originalstimmen. Leider fehlt ein vernünftiger Soundtrack. Paar Lizenzstücke sind dabei, ansonsten gibt es aber nur unaufregendes Sci-Fi-Hintergrundgedudel. Insgesamt nicht so homogen und brillant wie ein Naughty Dog Titel, was ja auch schwer ist

, aber ein gigantischer Inszenierungs-Sprung für Remedy und sicherlich eins der hübschesten und in seiner Gesamtheit imposantesten Xbox One Spiele.
Alles in allem: Ein verdammt gutes Spiel. Nicht ohne Mängel (paar technische Macken; 'schwierige' Story, die durch die Texte und Serie zusätzlich zerfahren wird; Serien-Experiment, das nicht jedem gefallen dürfte), ansonsten aber ein spielerisch sehr befriedigender Shooter, mit einem noch nie dagewesenen Effektfeuerwerk, fesselnder Zeitreise-Handlung und sauberer Regie. Für mich, als Sci-Fi-Fanboy und Remedy-Liebhaber, ein absoluter Volltreffer. Werde ich sicher noch das ein oder andere Mal durchspielen.
Für die Statistik:
Spielzeit (inkl. Serie) auf Hard: 14 Stunden; 22 Tode (davon die Hälfte im Endkampf, insgesamt ist es sehr gut machbar); 87% der Sammelobjekte gefunden (und auch gelesen)
Lese-Muffel und Serien-Verächter ziehen also entsprechend etwas ab. Trotzdem eine überraschend satte Spielzeit für einen Story-Shooter.
Ach ja, dranbleiben, es kommt noch was nach dem Abspann.
