Der alte Mann und die Welt
Die allererste Einstellung in "Tödliche Entscheidung" zeigt zwei fickende Menschen. Ein fetter, aufgedunsener Kerl (Phillip Seymour Hoffman) treibt es mit einer wohlgeformten, schlanken Dunkelhaarigen (Marisa Tomei). Die Zuschauer stöhnen bei dem visuellen Tabubruch auf, denn da kommt zusammen, was offensichtlich nicht zusammengehört. Doch für das Ehepaar war es nach langer Zeit mal wieder guter Sex, sie lachen danach, wirken glücklich und zufrieden. Denn Andy Hanson kriegt wohl nur noch im Urlaub einen hoch, deswegen träumt der Immobilienbuchhalter davon, sich mit seiner schönen Frau nach Brasilien abzusetzen, weit weg von all seinen Problemen. Von denen hat er reichlich, allen voran seine ständigen Griffe in die Firmenkasse, mit denen er seine Neigung zu harten Drogen finanziert. Als sich eine Überprüfung ankündigt, fasst er einen teuflischen Plan. Er überredet seinen jüngeren, ebenfalls in Geldproblemen steckenden, Bruder Hank (Ethan Hawke) dazu, das kleine Juweliergeschäft ihrer Eltern auszurauben. Ein angeblich todsicheres Ding, bei dem niemand zu Schaden kommen soll, da die beiden die Sicherheitsvorkehrungen gut kennen und wissen, dass die Eltern aussreichend versichert sind. Doch es kommt natürlich anders. Der von Hause aus ängstliche Hank bittet einen dubiosen Freund um Hilfe. Der wiederum hat eine scharfe Waffe dabei und zieht den Überfall allein durch, da Hank viel zu aufgeregt ist. Dummerweise steht auch nicht die erwartete Angestellte im Geschäft, sondern die Mutter der Brüder, die überraschend eine Pistole zieht. Es kommt zu einem Schusswechsel, bei dem nicht nur der Räuber, sondern auch die Mutter ums Leben kommt ...
Was bis hierhin nach einem klassischen Krimi-Plot klingt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem deprimierend skizzierten Sittenportrait, das schonungslos die Ideale moderner Lebensläufe in Frage stellt. Mehr noch: "Tödliche Entscheidung" beobachtet Menschen, denen die Kontrolle über ihr Leben aus den Händen gleitet. Dank der nichtlinearen, episodenhaften Erzählweise, die an manchen Stellen etwas aufgesetzt wirkt, entsteht dabei im Kopf des aufmerksamen Zuschauers ein mosaikhaftes Gesamtbild der psychologischen und sozialen Beziehungsfäden, die die einzelnen Figuren miteinander verbinden. Vordergründig sind es jedoch nicht Gefühle, sondern materielle Bindungen, von denen diese Beziehungen geprägt sind. Regisseur Sidney Lumet bettet seine Geschichte in die knallharte, marktwirtschaftliche Realität des New Yorks der Gegenwart. Die Menschen in "Tödliche Entscheidung" werden vor allem von ihrer tagtäglichen Geldbeschaffung auf Trab gehalten und befinden sich dadurch meist in ständiger Anspannung. Hank zum Beispiel, der jüngere Bruder, steckt bis zum Hals in Schulden und ist ständig bemüht, die Unterhaltzahlungen für seine kleine Tochter zusammenzutreiben. Als er das Geld für ihre Klassenfahrt nicht zusammenkriegt, beschimpft sie ihn als Versager und wirft ihm vor, in welch' peinliche Situation er sie damit vor ihren Schulkameradinnen bringt. Sie ist nicht die Einzige, die ihn für einen Versager hält. Auch die Ehefrau seines Bruders, die er liebt und mit der er ein Verhältnis hat, hält nichts davon mit einem Verlierer durchzubrennen. Sie kennt ihren Preis und verkauft sich nicht unter Wert, macht sich aber ernsthafte Sorgen darüber, dass ihr finanziell wesentlich besser gestellter Ehemann nur noch selten Lust auf sie hat, so als wäre dies eine Art sensible Störung in einer Handelsbeziehung, deren Grundlage dadurch auf Dauer in Frage gestellt werden könnte. Er hingegen gibt sich immer öfter seiner diskret gelebten Heroinsucht hin. In einem kunstvoll ausgerichteten Apartment, hoch über der Stadt, lässt er sich morphine Auszeiten aus einem Leben spritzen, in dem er sich nicht eingestehen kann, dass er zunehmend die Orientierung verliert. Sein träger Dealer ist der Einzige, dem er sich gelegentlich anvertraut ("Ich bin nicht die Summe meiner Teile"), obwohl der offensichtlich keinerlei Interesse an den Problemen seiner Kunden hat. So wie sich auch sonst absolut niemand in "Bevor the Devil knows you're Dead" für das interessiert, was in seinem Nächsten vor sich geht. Als der sonst so smarte und coole Andy einen plötzlichen, peinlich intimen Heulkrampf bekommt, nachdem ein alter, schwerwiegender Konflikt zwischen ihm und seinem Vater wieder zum Vorschein kam, hebt das auch die tiefe emotionale Kluft hervor, die zwischen ihm und seiner Ehefrau besteht. Ähnlich geht es seinem weinerlichen Bruder Hank, der die überwiegende Zeit des Films so dargestellt wird, als wäre er kurz vor einem Nervenzusammenbruch, was seine Mitmenschen eher zum Anlass nehmen, ihn als Schwuchtel oder Baby zu verhöhnen. Regisseur Lumet lässt seine Protagonisten in einer emotionsunterdrückenden und gewinnorientierten Welt agieren, die reine Funktionalität erwartet. Jede vermeintlich unpassende Gefühlsregung wird darin als Schwäche betrachtet und instinktiv abgestraft. Der alte Juwelen-Hehler aus dem zwielichtigen Hinterzimmer, fasst es mit zwei Sätzen zusammen:
"Das ist eine grausame Welt. Die einen verdienen daran, andere werden dabei zerstört".
Obwohl alle Darsteller regelrecht mit ihren Rollen verschmelzen und ausgesprochen gute Arbeit leisten, ist in der Hinsicht Phillip Seymour Hoffman besonders zu erwähnen. Mir hat er hier sogar besser gefallen, als in seiner Rolle in Capote, für die er den Oscar bekam. Man muss sich schon auf ihn einlassen können, so wie auf den gesamten Film, denn für Hollywoodverhältnisse ist er wirklich ein grandios unschöner Mann, der dazu auch noch eine Rolle spielt, die nicht gerade um Sympathien buhlt. Doch die füllt er auf unheimlich faszinierende Weise mit Leben aus, als wäre sie ihm auf den Leib geschrieben worden. Selten habe ich auf der Leinwand so gebannt in einem ausdruckstarken Gesicht gelesen wie hier
Über Regisseur Sidney Lumet wusste ich bisher nicht viel, schon gar nicht, dass er bereits 84 Jahre alt ist, was mich im Nachhinein mehr als verblüfft! So einem alten Sack hätte ich einen derartig modernen und gleichzeitig auch radikalen Film einfach nicht zugetraut, muss ich ganz ehrlich gestehen. "Tödliche Entscheidungen" verkauft sich zwar als Thriller, ist letztlich aber eine unerbittlich grell ausgeleuchtete Perspektive auf die Motive und Beziehungen von Menschen innerhalb einer streng kapitalistisch geprägten Gesellschaftsordnung geworden, die normalerweise nicht, und schon gar nicht in Hollywoodfilmen, thematisiert werden. Umso beeindruckender ist es, dass der Film dabei nicht langatmig wird, sondern durch den melodramatischen Blick auf seine Protagonisten eher noch an Tempo hinzugewinnt und sich schliesslich mit einem erschütternden Finale verabschiedet, das im Kopf des Betrachters noch eine ganze Weile nachhallt.
Wenn Lumet morgen also den Löffel abgeben sollte, dann dürfte er wohl äusserst zufrieden abtreten. Besser und eindrucksvoller kann man sich als Filmemacher wohl kaum von dieser Welt verabschieden.