Urgs schrieb:
Keiner der Summer Wars-Hypefraktion konnte bisher seine Begeisterung in nachvollziehbare Sätze umformulieren. Ich hab immer nur Summer Wars-Awesooome gelesen. Deswegen bin ich da auch noch recht skeptisch. Blind kaufen würde ich mir den auf keinen Fall und gerade im Animebereich werden ja einige Filme verehrt, bei denen ich nur mal kurz mit den Schultern zucke, wenn ich nicht schon längst eingepennt bin.
Ansehen kann man sich Summer Wars auf alle Fälle, allerdings sollte man nichts besonderes erwarten. Man wird auf sehr solides Handwerk stoßen, dem aber die Quintessenz, das Besondere fehlt, um zu beeindrucken und im Gedächtnis hängen zu bleiben.
Wenn ich mich aber recht erinnere, dann könnte dir der Film vielleicht doch ganz gut gefallen. Immerhin scheint sich unser Filmgeschmack sehr stark zu unterscheiden - man beachte nur die Meistwerke "Thirst" und "The Place Promised in Our Early Days", die du auch ziemlich abgewatscht hast.
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Habe die letzten Tage auch genützt, um eine weitere Bildungslücke zu schließen…
Evangelion: 1.11 - You are (not) alone
Evangelion 2.22- You can (not) advance
Natürlich wird das nachfolgende “Review” nicht ganz unbedarft sein, da es sich bei mir um einen gewaltigen Neon Genesis Evangelion Fan-Boy handelt...
…was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, wieso ich so lange gezögert habe, mir die beiden Filme anzusehen. Als absoluter NGE Fan konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Neuinterpretation, noch dazu im Film Format, gelingen könnte und wollte mir durch die evtl. schlechteren Neulinge nicht meine schöne Erinnerung zerstören, an diesen Meilenstein der Animationskunst.
Worum geht es denn nun eigentlich in Evangelion?
Ich denke, dass hier viele bereits das ursprüngliche „Neon Genesis Evangelion“ kennen und gesehen haben - somit auch bereits einen Einblick in dieses einzigartige wie zeitlose Meisterwerk von Hideaki Anno erhalten haben.
Alle anderen muss ich leider enttäuschen, wenn nun eine ausführliche Inhaltsangabe erwartet wird. Das würde mich wahrscheinlich um das Verstand bringen oder einen sehr, sehr langen Post zur Folge haben.
NGE ist weitaus härterer Tobak als 2001: A Space Odyssey (Kubrick), Brazil (Gilliam) und all die David Lynchs in einem gewaltigen Kochtopf vereint.
Was wie eine gut geschriebene Mecha/Action-Serie (in diesem Fall Film) beginnt, wandelt sich alsbald zu einem äußerst grotesken, metaphorischen, fast schon absurden-komplexen Schauspiel, indem die verschiedensten Themen aufgenommen und durch einen LHC (Large Hadron Collider) gejagt werden.
Um nur einige Themen zu nennen, mit denen Neon Genesis Evangelion hantiert bzw. die auf den Inhalt Einfluss genommen haben: Psychoanalyse, Identitätssuche, Soziales und der Mensch an sich, die Angst vor neuem bzw. Technophobie, diverse Weltreligionen wie den Buddhismus, Shinto und das Juden- und Christentum (ua die Schriftrollen von Qumran, Sephiroth, Lilith, die Longinuslanze, der babylonische Marduk, die Kabbala, Izanagi und Izanami, Susanoo, Amaterasu,…), verschiedenste historische Ereignisse (Impakts, sprich Meteoriteneinschläge, die evtl. Leben bzw./und Wasser auf die Erde brachten, Leben auslöschten; der erste Einsatz der Atombombe,…)
Man könnte diese Liste jetzt noch sehr, sehr ausgiebig erläutern und zu jedem Punkt einen halben Roman verfassen. Mir ist bisher kein zweites Werk in der Filmgeschichte untergekommen, zudem so viele Thesen und Interpretationsversuche vorliegen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, was in einem Hideaki Anno vorging oder er zu sich genommen hatte, als er die Idee zu Neon Genesis Evangelion ausgearbeitet hat.
Die unglaublich komplexe Handlung, die Charaktere und die Atmosphäre sind es, die NGE ausmachen und dafür verantwortlich sind, dass auch heutzutage noch etliche Menschen vollkommen geflasht vor dem Schirm sitzen – bei einer Animationsserie die wohlgemerkt 1995 das Licht der Welt erblickte und bestimmt nicht mehr durch ihre tollen Effekte und Bilder begeistern kann.
Ich war also verdammt skeptisch, ob die Neuauflage dem großen Original gerecht werden kann. Eine Skepsis die sich durchaus sehr gut begründet gibt, immerhin hat man es in der Vergangenheit schon einmal versucht, einen Recap zu veröffentlichen, der den Namen „Neon Genesis Evangelion: Death & Rebirth“ trug und kläglich scheiterte.
Kann also dieses Projekt den großen Erwartungen gerecht werden? Leider kann ich das noch nicht definitiv bestätigen, da erst 2 der insgesamt 4 Filme (jeweils 98-110 Minuten, zumindest bisher) veröffentlich wurden.
Nachdem was ich aber nun gesehen habe: Ja, definitiv – die Karten stehen außerordentlich gut!
Bisher wurde eine unheimlich gute Gratwanderung in Sachen Storytelling hingelegt. Der Spagat zwischen temporeicher Erzählung, ruhigen Momenten für das Charakterdevelopment und das Einfangen der Quintessenz ist bisher nahezu meisterlich geglückt.
Teil 1 (Evangelion: 1.11 - You are (not) alone) erzählt in etwa die ersten 6 Episoden der Serie und hält sich, mit eher kleineren Ausnahmen, sehr genau an das Original. Ganz im Gegenteil zum 2. Part (Evangelion 2.22- You can (not) advance), der einem unmissverständlich zeigt, dass wir es hier nicht mit einem einfachen Recap, sondern tatsächlich mit einem Rebuild zu tun haben. Teil 2 greift ziemlich rigoros in die Handlung ein, allerdings nicht zum Negativen – Nein! Ganz im Gegenteil sogar.
Es tut der Inszenierung sogar sehr gut und verliert dabei den Fokus, Sprich DAS was NGE ausmacht, niemals aus den Augen. Allgemein wirkt der Rebuild noch erwachsener und verleiht so manchen Schlüsselszenen noch etwas mehr Nachdruck als zuvor. Die Vorfreude auf Teil 3 ist daher verdammt groß.
Technisch gibt sich die Neuauflage auch von ihrer allerbesten Seite.
Evangelion ist ein weiteres Paradebeispiel dafür, zu was diese liebevoll von Hand gezeichneten Kulissen in der Lage sind – hier sollte sämtliche Pixar und Dreamworks Streifen der blanke Neid packen.
Optisch hat man NGE gehörig aufpoliert, ohne dabei den altbekannten Look über Bord zu werfen oder auf bestimmte, stilisierende Mittel zu verzichten, die bereits im Original zum Einsatz kamen. Insgesamt zählt der Rebuild optisch mit zum Besten überhaupt und braucht sich vor keinem anderen Animationsfilm verstecken – ganz im Gegenteil sogar. Wie bereits erwähnt: Pixar und Dreamworks könnten sich hier zum Beispiel eine verdammte dicke Scheibe abschneiden.
Musikalisch wird auch nicht gepatzt und scharfe Geschütze von sehr ruhig bis episch aufgefahren - natürlich darf der ein oder andere Track des Originals, in überholter Version nicht fehlen.
Ja, die beiden Filme haben mich schwer beeindruckt, ganz besonders „Evangelion 2.22- You can (not) advance“, welches das bereits hervorragende Prequel „Evangelion: 1.11 - You are (not) alone“ nochmal aussticht, mit einer Intensität und einem Pacing, welches ich selten erlebt habe.
Meine Kinnlade ist nicht nur einmal am Boden aufgeschlagen. Wenn die kommenden 2 Teile dieses Niveau halten können, dann habe ich eine neue, unangefochtene Nummer 1, in Sachen Filmreihe.
Auf Blu-ray ansehen – sofort!
Evangelion: 1.11 - You are (not) alone
9/10
Evangelion 2.22- You can (not) advance
10/10
[vid]http://www.youtube.com/watch?v=Cx91Rsnt6cM[/vid]
[vid]http://www.youtube.com/watch?v=CUCOMe2qx0k[/vid]
[vid]http://www.youtube.com/watch?v=ObvBsS11AB8&hd=1[/vid]