Nun ist sie also vorbei, die Rookie-Saison von wil. Es war ein langes hin und her, vorerst die langwierigen, schlussendlich aber erfolglosen Vertragsverhandlungen mit Ferrari, dann das Zusammentreffen mit Lotus. Was für den Weltmeisterrennstall des vergangenen Jahres als ein gewagtes Experiment startete - die Verpflichtung zweier Rookies für die Saison 2012 - endete dank Vize-Fahrer- und Vize-Konstrukteurstitel versöhnlich. Lassen wir in einem kurzen Saisonreview die Rennen von wil nochmals revue-passieren:
Der Auftakt in Melbourne war aus damaliger Sicht verheissungsvoll, auch wenn es aus der Retrospektive klar das schwächste Rennen von wil in dieser Saison darstellte. Startplatz vier war in Anbetracht der fehlenden Erfahrung als guter Einstieg zu werten. Die zwei unnötigen Strafen, einige dumme Fehler, ein paar heisse Scharmützel bei den Überrundungen, aber schlicht auch der fehlende Speed zu Beginn des Rennens liessen schlussendlich jedoch nicht mehr zu, als Rang 5 im Rennen. Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass wil bis kurz vor Schluss um die WM wird mitkämpfen können.
Im zweiten Rennen in Spa dann die erste Pole - gleich doppelt geholt, nur um dann via Losentscheid doch von der letzten Position ins Rennen zu gehen. Nachdem in der Schlussabrechnung Melbourne zum Streichresultat wurde, war es damit in aller erster Linie das Rennen in Spa, in welchem wil seine Titelchancen zu Grabe getragen hat - so kann man dies zumindest am Ende der Saison sagen. Zum damaligen Zeitpunkt war das erste Podium gleich im zweiten Rennen wohl eher als grosser Erfolg zu werten. Dass im Wetterchaos von Belgien trotz schlechtem Startplatz mehr drin gewesen wäre als der dritte Schlussrang, rückte vorerst in den Hintergrund. Die damals begannen unnötigen taktischen Fehler und einige Scharmützel auf der Strecke sollten in der Endabrechnung aber teuer zu stehen kommen.
Bereits im dritten Rennen - im Thrilla von India - dann der erste Sieg, erkämpft in einem beinharten aber äusserst fair geführten Zweikampf zwischen Rocketracer und wil. Rückblickend muss man sagen, dass der Unfall von Kuhbesamer bzw. das darauf folgende Safety-Car und der Fehler von Rocketracer kurz vor Schluss überhaupt erst dafür sorgten, dass die Titelchancen von wil intakt blieben. Bereits damals war Rocketracer nur einen Wimpernschlag (395 Tausendstel einer Sekunde) vom vorzeitigen Titelgewinn (wenn auch nicht rechnerisch) entfernt. Aus der Sicht des Sportreporters darf man wohl sagen, dass dies das Duell der Saison war, weltmeisterlich geführt von Rocketracer und zumindest vizeweltmeisterlich von wil.
Mit viel Aufwind reiste Lotus fürs vierte Rennen nach Kanada. Wil konnte sich bereits zum dritten Mal in Folge die Pole sichern. Im Rennen reichte es dann für Platz zwei - an sich natürlich ein gutes Resultat, doch rückten damit die Titelträume in weiter Ferne: Nach diesem Resultat würde Rocketracer kein Rennen mehr besser als auf Platz drei abschliessen dürften, damit wil zumindest noch Punktegleichheit würde erzielen können. Von daher natürlich ärgerlich, dass wil es zum wiederholten Male nicht schaffte, aus der Pole Kapital zu schlagen und das Rennen von vorne zu diktieren. Wil musste sich durch den Befreiungsschlag von Rocketracer auch eine Lektion erteilen lassen, was es bedeutet, unter allen Umständen das Optimum aus dem Rennen rauszuholen.
Rennen fünf in Japan dann das vielleicht stärkste Rennen von wil in dieser Saison und das erste Tripple mit Pole, schnellster Runde und Rennsieg. Abgesehen von der Safety-Car Phase und dem darauf folgenden verschlafenen Restart war es das perfekte Rennen. Nach dem Safety-Car Glück in Indien, brach das Safety-Car von Japan wil aber definitiv das Genick im Zweikampf um den WM-Titel. Gerade in Anbetracht des Resultates von Brasilien natürlich folgenschwer. Trotzdem muss man bei alle dem festhalten, dass wil einfach zu lange brauchte, um die nötige Konstanz an den Tag zu bringen: Das erste perfekte Weekend erst im fünften Anlauf reicht natürlich nicht, um sich gegen die äusserst starke Konkurrenz durchsetzen. Andersrum darf man auch nicht ausser Acht lassen, dass man einem Rookie auch eine gewisse Eingewöhnungszeit zugestehen sollte.
Das letzte Rennen in Brasilien war dann nochmals ein sehr spannendes Rennen mit vielen Zweikämpfen gegen Kuhbesamer, Rocketracer, Mutzi, MaxStarPete etc. Wil konnte sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten und einem Dreher im Senna-S dann dennoch durchsetzen. Einziger Wehrmutstropfen an einem ansonsten gelungenen Rennwochenende war das Verpassen der fünften Pole in Folge - damit bleibt die aktuelle Bestmarke von vier Poles in Folge in gemeinsamer Hand bei Rocketracer und wil.
Das Fazit kann natürlich nur gut ausfallen. Geschlagen um lediglich drei Punkte sind die Hoffnungen natürlich gross, in der kommenden Saison den Meistertitel einzufahren. Die Konkurrenz dürfte zumindest gewarnt und der Underdog-Status für nächste Saison weg sein.
Wir hatten die Gelegenheit, wil auf ein Schirmchendrink im sonnigen Brasilien zu treffen und ein exklusives Interview mit dem Vizemeister 2012 zu führen:
KTMN: Wil, herzliche Gratulation zu Sieg Nummer drei und zum Vizetitel 2012 sowohl in der Fahrer- wie der Konstrukteursmeisterschaft.
Wil: Herzlichen Dank.
KTMN: Hand auf's Herz, wie schmerzlich ist die Niederlage schlussendlich - lediglich drei Punkte…
Wil: Wir hatten eine fantastische Saison und wesentlich mehr erreicht, als man uns zugetraut hat - auch als wir uns selbst zugetraut hatten. Von daher bin ich natürlich überglücklich mit dem Verlauf der Saison, insbesondere natürlich auch damit, dass wir uns stetig zu verbessern und den Rückstand verkleinern konnten. Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, dass ich vom Streichresultat profitiere und mein fünfter Platz aus Australien nicht ins Gewicht fällt. Ohne Streichresultat wäre der Vorsprung von Rocketracer bedeutend grösser.
KTMN: Rocketracer… Keine Frage, ein würdiger und verdienter Weltmeister, sie haben schon mehrmals lobende Worte für ihn gefunden, was sagen Sie zu seiner Leistung in Brasilien?
Wil: Man kann es nicht genug betonen: Auch wenn ich auf eine einzelne Runde hie und da ein paar Zehntel schneller war, so gibt es dafür zum Schluss keine Punkte. Rocketracer war der kompletteste Fahrer im komplettesten Team. Er hat nahezu immer optimal gepunktet und maximales Kapital aus den jeweiligen Situationen geschlagen. Insbesondere bei den schwierigsten Wetterbedingungen zeigte er die stärksten Rennen. In Brasilien vermochte er zudem auch in der Qualifikation zurückzuschlagen und hat in den letzten Runden stahlharte Nerven bewiesen. Er wird in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr erreichen als er dies bereits bis jetzt getan hat. Sein Abgang wird Mercedes sicherlich schmerzen. Im gestrigen Rennen hatte er dann einige Schwierigkeiten mit den harten Reifen und konnte die Pace nicht ganz mitgehen - er musste aber auch nichts mehr beweisen und nichts mehr riskieren. Ich kann nur noch einmal ganz herzlich gratulieren, es war mir eine Ehre mich mit ihm bis (fast) zum Schluss zu messen.
KTMN: Er hatte nach einem Duell mit Ihnen auch eine Strafe erhalten - zu Recht?
Wil: Wir kamen beide auf das Senna-S zu, ich war innen und spät, aber früh genug auf der Bremse. Es kam dann in der Schikane zu einer Berührung und ich habe mich gedreht. Der Dreher war wohl Resultat aus einer Kombination des Bremsmanövers auf der letzten Rille, dem Schmutz abseits der Ideallinie und einer leichten Berührung - alles zusammen dann etwas zu viel des Guten. Meiner Auffassung ein normaler Rennunfall und keiner Strafe würdig. Schlussendlich hat dies jedoch unser Duell weiterlaufen lassen, denn ich hatte durch meinen Dreher in etwa gleich viel Zeit verloren wie Rocketracer infolge der Strafe - so fuhr er unmittelbar vor mir wieder auf die Strecke und weiter gings…
KTMN: Gleich zwei feindliche Aufeinandertreffen nacheinander: Zuerst in der Quali, dann im Rennen…
Wil: Beides nicht tragisch: Ersteres ein klassisches Missverständnis, wobei man Rocketracer keine Schuld geben kann: Er ging zu Recht von der Ideallinie runter und wollte mir Platz machen. Ich kam mit sehr viel Geschwindigkeitsüberschuss heran und realisierte einfach zu spät, dass rechts kein Platz war, dann hat's halt gekracht. Schade insbesondere um den möglichen Polerekord, aber damit kann ich gut leben.
Die Rennsituation hatte ich eben bereits beschrieben. Schade eigentlich nur, dass uns ein rundenlanges packendes Duell wie in Indien verwehrt blieb. Das wäre ein würdiger Abschluss gewesen.
KTMN: Gestern waren auch Kuhbesamer und - erneut - Mutzi sehr stark unterwegs. Auch MaxStarPete erneut mit einem guten Rennen…
Wil: Dadurch, dass sich bereits bei Saisonhälfte ein Zweikampf an der Spitze abgezeichnet hatte, ging oft etwas vergessen, wie stark doch das gesamte Feld besetzt ist. Kuhbesamer war gestern sehr schnell und ich konnte ihn erst im letzten Drittel des Rennens abfangen. Es war ein packendes Duell. Mutzi war auch wieder sehr schnell unterwegs und nach seinem Sieg im Off-Season-Rennen von Monaco ist klar, dass für ihn in dieser Saison vielleicht noch etwas mehr drin gewesen wäre, hätte er die zuletzt an den Tag gelegte Form etwas früher gefunden. Auch mit MaxStarPete und Barry the Scarry war immer zu rechnen, das hat die Meisterschaft auch so spannend gemacht. Gerade letzterer hatte bezüglich Konstrukteursmeisterschaft auch mit dem Umstand zu kämpfen, Einzelkämpfer zu sein - schade für ihn, schade für Ferrari.
KTMN: Zuletzt reichte es auch für den Vizetitel in der Konstrukteursmeisterschaft, zufrieden?
Wil: Jein. In der Fahrermeisterschaft habe ich mein Maximum versucht, leider hat's trotz guten Leistungen nicht geklappt - that's racing. Abhacken und nach vorne schauen. In der Konstrukteursmeisterschaft dagegen wäre eine zweite Chance auf einen Titel gelegen. Mit 114 Punkten gegenüber deren 168 wurden wir zum Schluss zwar klar geschlagen, doch hatten wir leider nur 8 Starts gegenüber deren 12 von Mercedes - rechnet man sich die Punkte hoch, wäre da durchaus etwas drin gewesen. Da hoffe ich nächstes Jahr auf eine Verbesserung.
KTMN: A propos nächstes Jahr: Wie sehen jetzt ihre Zukunftspläne aus?
Wil: Da ist noch einiges im Unklaren. Vorerst werde ich jetzt etwas Abstand vom Rennzirkus nehmen, zwei Wochen Urlaub geniessen und mich anderen Projekten widmen. Danach werden wir sehen, wie es weitergeht - ich werde aber bestimmt nicht untätig bleiben und weitere Projekte sind geplant.
KTMN: Werden Sie nächstes Jahr wieder dabei sein?
Wil: Falls eine WM wie im diesjährigen Rahmen wieder stattfinden wird: Auf jeden Fall. Ich habe mich sehr gefreut, vom F1-Sub eingeladen und so gut aufgenommen worden zu sein und hatte dieses Saison ungemein viel Spass. Ich sähe keinen Grund, weshalb ich nächstes Jahr nicht wieder dabei sein sollte.
In diesem Sinne herzlichen Dank ans KT und an alle, die teilgenommen und sich hier im Sub so rege beteiligt haben!