Modell Sylt
Nach dem ersten Probelauf in Eckernförde kommt es ab Samstag wirklich drauf an: Auf Sylt sollen 1600 Hotels, Restaurants und Strandbars testen, wie Urlaub 2021 gelingen könnte. Doch viele haben Angst, dass die Insel zum Corona-Hotspot wird.
Ulrich Exner Von Ulrich Exner
Die Sansibar auf Sylt – werden bald wieder viele Besucher in Rantum ihren Champagner zur Currywurst genießen?
Die Sansibar auf Sylt – werden bald wieder viele Besucher in Rantum ihren Champagner zur Currywurst genießen?
Copyright: picture alliance / Jürgen Schwe
Vielleicht ist das nicht die schlechteste Nachricht: Das Wetter, so viel ist absehbar, wird eher durchwachsen an diesem Wochenende und auch an den Tagen danach auf Sylt. Etwas Sonne, etwas Regen, viel Wind natürlich, Höchsttemperaturen so um die acht bis zehn Grad. Ziemlich frisch. Ein Wonnemonat wird der Mai hier vorläufig nicht. Das wäre einigen hier oben vermutlich ganz recht.
Ab diesem Samstag darf die Insel Sylt – mit ihren rund 60.000 Gästebetten und eigentlich zweieinhalb Millionen Übernachtungen jährlich einer der wichtigsten Urlaubs-Hotspots der Republik – wieder Übernachtungsgäste begrüßen. Erstmals seit November vergangenen Jahres, als mit dem zweiten Lockdown auch ein generelles Beherbergungsverbot für Touristen in Kraft trat und Sylt in eine Art Dämmerschlaf versetzt wurde, der nur gelegentlich von anreisenden Zweit- und Ferienwohnungsbesitzern und deren zum Teil auffallend großen Freundeskreisen durchbrochen wurde.
An diesem Samstag aber, sagt Peter Schnittgard, Bürgervorsteher im Sylter Hauptort Westerland, „atmet die Insel endlich auf“. Die ersten Autozüge über den Hindenburgdamm, die bevorzugten Anreise-Transportmittel hier oben, sind bereits ausgebucht.
Sylt ist Teil eines touristischen Modellprojektes, mit dem der Kreis Nordfriesland und das Land Schleswig-Holstein die Bedingungen austesten wollen, unter denen die Urlaubssaison 2021 trotz anhaltender Corona-Pandemie einigermaßen erfolgreich verlaufen könnte. Auch auf Amrum, Föhr, den Halligen und dem nordfriesischen Festland mit St. Peter-Ording wird in den kommenden vier Wochen geprobt. Die Bedingungen und Regeln, denen sich Gäste wie Gastgeber für die Dauer des Modellprojektes unterwerfen müssen, sind streng, mindestens gewöhnungsbedürftig.
Schon vor der Anreise muss jeder Urlauber, jede Urlauberin sich dazu verpflichten, bei der Ankunft im Hotel, auf dem Campingplatz oder in der Ferienwohnung einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test vorlegen zu können. Wenn möglich soll das Dokument schon vorab an den Gastgeber gemailt werden. Nach der Ankunft auf Sylt ist alle 48 Stunden ein weiterer Corona-Test fällig, dessen Ergebnis unaufgefordert beim Gastgeber zu hinterlegen ist; zugelassen sind nach den Vorgaben des Landkreises Nordfriesland PCR-Tests, Antigen-Schnelltests und Selbsttests, die allerdings unter Aufsicht von geschultem Personal abgestrichen werden müssen. Fällt ein Test bei einem Urlauber positiv aus, muss der Gastgeber den Gast sofort auf dessen Kosten unter Quarantäne stellen. Eine vorzeitige Abreise des Betroffenen ist nur im eigenen Auto möglich.
Damit ein solches Testregime auch bei hohem Gästeaufkommen umsetzbar ist, sind in den vergangenen Wochen auf Sylt Dutzende öffentliche und private Teststationen eingerichtet worden. Selbst im Pastorat der Gemeinde Wenningstedt und auf dem Parkplatz der Rantumer Kultgaststätte „Sansibar“ werden Nasenstäbchen verteilt, eingetunkt und ausgewertet. Rund 30.000 Tests können inselweit täglich abgestrichen werden. Sylt verfügt damit über eines der am engsten geknüpften Testnetze bundesweit.
Urlaubsgäste, die ihre Testergebnisse dennoch nicht pünktlich vorlegen, müssen ihre Unterkunft räumen und die Insel verlassen. Gastgeber, die für ihre Gäste keine gültigen negativen Testergebnisse vorlegen können, müssen 100 Euro Zwangsgeld pro Einzelfall bezahlen. Immerhin: Vollständig geimpfte Urlauber sind von der Testpflicht befreit. So richtig umstandsfrei dürfte der Aufenthalt allerdings selbst für die Geimpften nicht werden.
Allein die „Frequently Asked Questions“, die der Kreis Nordfriesland auf seiner Homepage beantwortet, hätten zu analogen Zeiten einen ganzen Aktenordner gefüllt. Von den detaillierten Hygienevorschriften für die beteiligten Betriebe bis zu den Umständen, unter denen eine begleitete Wattwanderung unter Pandemiebedingungen zugelassen werden kann, ist dort jeder Urlaubstag, jeder Besuch einer Minigolfanlage haarklein verregelt und verschriftet. So richtig übersichtlich und eingängig ist das alles natürlich trotzdem nicht.
Wer zum Beispiel ein Kännchen Kaffee auf der Terrasse eines Sylter Restaurants genießen möchte, muss bei Antritt dieses Abenteuers ein höchstens 24 (nicht 48!) Stunden altes negatives Testergebnis vorlegen – allerdings nur dann, wenn das betreffende Restaurant auch in den Innenräumen Gäste bewirten lässt. Bleiben die Innenräume dagegen für den Restaurantbetrieb geschlossen, kann der Kaffee auf der Terrasse testfrei konsumiert werden. Ein Privileg, das einem wenige Stunden später allerdings auch schon wieder abhandenkommen kann.
Möglich ist zum Beispiel, dass in ein und demselben Sylter Gastronomiebetrieb morgens andere Terrassentestregeln gelten als am Abend zuvor. Wenn der Wirt das Frühstück ausschließlich im Freien, das Abendessen aber auch innerhalb seiner Gebäude servieren lässt, wechseln die gültigen Regeln innerhalb eines Tages von Paragraf 7 der Corona-Bekämpfungsverordnung (Frühstück) zu Paragraf 4 (Abendessen). Und am nächsten Morgen wieder zurück. Man muss sich also nicht wundern, dass mancher Sylt-Fan, der schon frühzeitig für den Mai einen Urlaub auf der Insel gebucht hatte, seinen Aufenthalt nach Ansicht des Corona-bedingten Kleingedruckten storniert hat.
Ein erheblicher Teil der Vorabbuchungen, so berichtet beispielsweise Marc Welsch, Inhaber des Wenningstedter „Strandhotels“, sei aufgrund der neuen Vorschriften „weggebrochen“. Einigen Gästen sei der mit dem Sylter Test- und Hygieneregime verbundene Aufwand schlicht zu hoch. Auf der anderen Seite hat Welsch mit Bekanntwerden seiner Beteiligung an dem Probeurlaub auch zahlreiche Neubuchungen verzeichnet. „Die Nachfrage ist gerade groß“, so der Hotelier, die Menschen täten nach mehr als einem Jahr Pandemie vieles dafür, „um endlich einmal rauszukommen“.
60 bis 70 Prozent Auslastung inselweit erwartet das Sylt-Marketing in der ersten Woche des Urlaubsmodellprojektes. Bis Mitte Mai, schätzt Pressesprecherin Jutta Vielberg, könnten es dann auch 100 Prozent Auslastung sein. Das wäre dann wirklich der ganz große Sylter Corona-Test.
Bei 46,4 lag die Infektionsinzidenz am Donnerstag vor dem Start des Modellprojektes in Nordfriesland. Der Kreis ist, wie weite Teile Schleswig-Holsteins, von der Pandemie bis heute deutlich weniger betroffen als der Rest der Republik. Entsprechend groß ist die Sorge, dass sich mit den Urlaubern aus anderen Bundesländern auch die Infektionszahlen vermehren. Ab einer Inzidenz von 100 würde auch in Nordfriesland und auf Sylt die sogenannte Bundesnotbremse in Kraft treten. Dann müssten, trotz des laufenden Modellprojektes, Hotels und Gastronomen wieder schließen – und alle Gäste abreisen.
„Wenn das schiefgeht“, so fasst Peter Marnitz von der Sylter SPD das Risiko des Urlaubstests zusammen, „ist im schlimmsten Fall die komplette Saison verloren.“ Die Sozialdemokraten haben bei der Gemeinderatsabstimmung in der vergangenen Woche deshalb gegen die frühzeitige Öffnung für den Nordsee-Tourismus gestimmt.
Insbesondere die Anreise mit den ohnehin notorisch überfüllten Pendlerzügen zwischen Niebüll auf dem Festland und Westerland auf Sylt bereitet den sozialdemokratischen Skeptikern Sorgen. Und das, obwohl das Land Schleswig-Holstein bei der Bahn für das Modellprojekt zusätzliche Zugkapazitäten angefordert hat. Diese werden allerdings, kleiner Wermutstropfen, frühestens am zweiten Wochenende des großen Sylter Urlaubstests einsatzbereit sein.