"Ein oralsadistischer Akt"
Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter erklärt, wie Menschen es schaffen, das Leid der Tiere, die Gefahr für die Umwelt und die Ausbeutung der Arbeiter auszublenden, wenn sie Schnitzel für 1,50 Euro kaufen.
Die massenhaften Corona-Infektionen in der Tönnies-Fleischfabrik haben nicht nur ein Schlaglicht auf die hygienischen Missstände in deutschen Schlachthöfen geworfen, sondern auch eine alte Debatte neu entfacht: die über das Billigfleisch. Zu den Problemen der industriellen Massenfleischproduktion zählen nicht nur schlimme Arbeitsbedinungen, sondern auch das Leiden der Tiere und die große Belastung für die Umwelt. Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter erklärt, wie Menschen es schaffen, das alles auszublenden, wenn sie eine Packung Schnitzel für 1,50 Euro kaufen.
SZ: Herr Klotter, essen wir Fleisch eigentlich nur, weil es so gut schmeckt?
Christoph Klotter: Fleisch war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Luxusgut. Wer Fleisch essen konnte, war reich und wohlhabend. Durch die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, einschließlich des Fleisches, können jetzt alle Fleisch essen. Und Fleisch steht in der ganzen Menschheitsgeschichte in fast allen Kulturen für das männliche Geschlecht, für Wohlstand, Macht und Überleben.
Dass wir zum Überleben auf Fleisch angewiesen waren, ist aber ganz schön lange her. Ist es heute noch gerechtfertigt, Tiere für den Fleischkonsum zu töten?
Das ist eine relevante Frage, aber leider schauen wir nicht nach dem, was gerechtfertigt ist, sondern nach dem, was die Tradition uns vorschreibt. Nehmen Sie das Grillen im Sommer, dort wiederholen wir eine Million Jahre Menschheitsgeschichte: die Erfindung des Feuers. Und der Mann als Sammler und Jäger steht selbstverständlich am Grill. Ohne Traditionen haben wir keine Identität. Diese Verhaltensmuster sind fest eingeschrieben in die Seele des Menschen.
Ist es deswegen so schwer, beim Fleischkonsum Verhaltensänderungen zu erreichen?
Beim Essen sind Verhaltensänderungen immer schwierig und langwierig. Wir dürfen da nicht in Jahren, sondern müssen in Jahrzehnten rechnen.
Warum?
Weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Das limbische System in unserem Gehirn verlangt bedingungslos Belohnung. Und die wichtigste Form der Belohnung ist, Gewohnheiten aufrechtzuerhalten.
Die Natur ist also schuld.
Der Mensch ist auch ein Gewohnheitstier, was unsere kulturelle und soziale Identität betrifft. Wir definieren über das Essen unsere Kultur und unsere soziale Gruppe und grenzen uns ab. Meine Frau und ich waren vor einem Jahr auf einem Familienfest in Franken. Da wurde so viel Bier getrunken, dass ich schon beim Zuschauen umfalle. Die Mutter meiner Frau meinte: Das ist eben Franken. Ein Mann isst hier innerhalb von zwei Stunden neun Würstchen. Franken definiert sich also auch über gewisse Essgewohnheiten. Es müsste sich also eine ganze Gruppe ändern, und das dauert.
Dass Tiere in der modernen Fleischindustrie leiden, ist den meisten Menschen bewusst. Fast jeder würde sich wohl auch gegen Tierleid aussprechen. Trotzdem isst der Durchschnittsdeutsche gut 60 Kilogramm an Fleischerzeugnissen pro Jahr. Woher kommt diese Diskrepanz zwischen Ernährung und Einstellung?
Der amerikanische Psychologe George Kelly hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts offengelegt, warum wir widersprüchlich handeln, aber uns selbst nicht so erleben: weil wir in Konstrukten denken. Die können völlig widersprüchlich sein, aber für uns ist alles stimmig.
Das müssen Sie erklären.
Bei einer Veranstaltung der Slow-Food-Bewegung in Italien habe ich vor einiger Zeit ein paar Aktivisten des globalisierungskritischen Netzwerks Attac getroffen. Sie hatten alle Notebooks, Tablets, Smartphones, waren technisch hochgerüstet. Ich hatte einen Block dabei. Ich habe sie auf die Diskrepanz zwischen Kaufverhalten und Gesinnung sogar angesprochen, und sie haben gesagt: "Alles für die Revolution." Wir Menschen bügeln die Widersprüche weg. Genauso spaltet der Mensch das Fleischessen vom Wissen über die Herstellung ab. So kann er für das Tier Mitleid haben, während er gerade eine Hühnchenbrust isst.
Wir sind also gewiefte Verdrängungskünstler.
Genau. Nehmen Sie Corona. Ich weiß nicht, wie es in München ist, aber in Berlin kümmern sich 99 Prozent der Menschen nicht um die Abstandsregeln.
Wegen der Berichte um die Schlachthöfe geht der Verkauf von Billigfleisch jetzt womöglich für kurze Zeit zurück. Nach ein paar Monaten dürfte aber wie so oft alles wieder beim Alten sein. Der US-Amerikaner Upton Sinclair hat schon 1905 über die Ausbeutung der Arbeiter und die hygienischen Missstände in den Schlachthöfen Chicagos geschrieben. Man könnte meinen: In mehr als 100 Jahren hat sich nicht viel verändert.
Ich bin mir sicher, diese Schlachthöfe gehören bald der Vergangenheit an. Es gibt eine stille Revolution. Millennials beurteilen Essen deutlich kritischer. Das Qualitätsbewusstsein ist gestiegen. Und Aldi und andere Discounter setzen seit einigen Jahren stark auf Bio-Produkte. Aldi ist derzeit der erfolgreichste Bio-Händler Deutschlands. Die Lebensmittelbranche wandelt sich, und mit dem Nachhaltigkeitsdenken steht auch das Fleisch zur Disposition.
Ist das nicht zu optimistisch gedacht?
Vegetarier und Veganer sind zu 80 Prozent jung, weiblich, gebildet. Der beharrliche Fleischkonsument ist, überspitzt formuliert, der männliche Proll, der über den Fleischkonsum seine männliche Identität aufrechterhalten will. In ihrem Buch "Fleisch" hat die Autorin Nan Mellinger geschrieben: "Die Frau ist das Fleisch und der Mann isst das Fleisch." Über das Fleischessen stellt sich ein Geschlechterverhältnis her. Da die althergebrachte männliche Rolle, also der Mann als Jäger und Soldat, am Aussterben ist, versucht der Mann, auf anderen Wegen krampfhaft an seiner Identität festzuhalten. Frauen arbeiten heutzutage, genießen die gleichen Privilegien, wo lassen sich noch Geschlechterunterschiede feststellen? Beim Biertrinken und beim Fleischkonsum.
Also wird die Veränderung der Genderrollen auch den Fleischkonsum verändern?
Das ist schon der Fall. Im Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft haben 2019 noch über 30 Prozent der Männer angegeben, dass sie Fleisch täglich essen. 2020 sind es nur noch 25 Prozent. Da gibt es einen klaren Wandel.
Reicht es, einfach abzuwarten, bis die Gesellschaft sich selbst wandelt, oder müsste die Politik sich stärker in die Ernährung einmischen?
Es gibt ja schon unglaublich viele Lebensmittelgesetze. Ich glaube, dass der soziale Wandel von einer Gesellschaft selbständig zu vollziehen ist. Die politische Regulation hilft da relativ wenig.
Menschen müssen sich also selbst überzeugen. Ein gängiges Vorurteil über Vegetarier ist allerdings, dass sie zu missionarisch seien.
Wir müssen immer schauen, dass wir nicht ausgrenzen, sondern Verständnis haben für diejenigen, die Fleisch essen. Hass hilft nicht. Vegetarier oder Veganer haben oft unterbewusst das Gefühl, dass sie sich mit dem Essen nicht schuldig machen. Dass sie deswegen moralisch überlegen sind. Das ist allerdings eine Illusion: Sigmund Freud zufolge ist Essen ein oralsadistischer Akt. Essen ist immer gewalttätig, ein Zermalmen. Laut Plato sind auch Pflanzen beseelt. Wer sich aber nicht schuldig fühlt, ist auch nicht dankbar. Aber nur wer dankbar ist und sich schuldig fühlt, bemüht sich auch um Wiedergutmachung. Diese Kultur brauchen wir.
Der Umsatz im deutschen Bio-Fachhandel ist 2019 um neun Prozent gestiegen. Spielt Greta Thunberg und ihre Bewegung da auch eine Rolle?
Greta Thunberg ist eher ein Symptom einer sich wandelnden Gesellschaft, sie symbolisiert die Transformation: Früher war man angesehen, wenn man Fleisch gegessen hat. Heute, wenn man auf Fleisch verzichtet. Die soziale Distinktion hat sich verändert. Was früher Champagner, Fleisch und Kaviar waren, sind heute vegane und vegetarische Speisen.