Um ehrlich zu sein: Ich hatte bislang keine feste Meinung zu Jürgen Klopps Gefühlshaushalt. Mal finde ich ihn amüsant, mal penetrant, mal ist er mir egal, weil ich mich gerade für Interessanteres interessiere. Er hat gute und schlechte Tage, und wer hat die nicht? Mit dem Unterschied, dass die meisten von uns währenddessen keine Interviews geben müssen, sondern schlimmstenfalls unsere Ehepartner am Abendbrottisch anschnauzen, weil die Leberwurst außer Reichweite steht.
Würde Jürgen Klopp sich immer gleich verkaufen, immer gut druff, immer bejahend, immer smart, immer superduperlustig, aber dabei bitteschön recht massenkompatibel, mit anderen Worten: todlangweilig, dann wäre er nicht ein als emotionaler Pusher berüchtigter Trainer geworden, sondern hätte zum Beispiel »Wetten, dass..?« gegen die Wand fahren können, und Markus Lanz wäre all das erspart geblieben.
Nicht Jürgen Klopp ist es, der nervt (selbst wenn er nervt). Vielmehr nerven diejenigen, die er angeblich nervt – und die doch die Wahl hätten, sich einfach wieder nicht für Fußball zu interessieren, so wie damals, als er nicht Mainstream war und sie noch glaubten, Beachvolleyball und Inlineskaten seien das Größte. Stattdessen zerren sie nun die Protagonisten des Fußballs, unsere ureigenen Helden und Antihelden, vor ihr an Lifestylemagazinen geschultes Geschmackstribunal, wo sie Klopps Emotionalität genauso bewerten wie Pep Guardiolas Anzüge, Jogi Löws Frisur und Sabia Boulahrouz’ Liebesleben. Sie wollen den Fußball epilieren, bleachen, schminken, friseursalonfähig machen. Vielleicht sind Wutausbrüche ja morgen wieder in. Jetzt gerade aber nicht – Fail, Kloppo! Dabei ist es doch so: Wer ihm unterstellt, er sei ein schlechter Verlierer, hat in seinem Leben noch nichts so Wichtiges verloren wie ein Fußballspiel. Und sollte besser schweigen. Wir Fußballer machen das unter uns aus.