Es gibt eine Grafik, die in der Finanzpresse regelmäßig erscheint.
Und sie sieht fast immer gleich aus.
Ganz links steht der voll investierte Buy-and-Hold-Indexanleger. Sein Total Return entspricht exakt der Marktrendite. Daneben stehen hypothetische Vergleichsrenditen ohne die besten 10, 20 oder mehr der besten Tage.
Beispiel: Ein Investment von einem US-Dollar in den S&P 500 stieg von 1990 bis 2020 auf circa 16 US-Dollar. Anleger, die in diesen 30 Jahren die besten 25 Tage und damit 0,3 Prozent der Handelszeit verpassten, konnten ihr Kapital noch nicht einmal vervierfachen. Sie erzielten exakt dieselbe Rendite, die sie mit fünfjährigen US-Staatsanleihen erzielt hätten – bei deutlich höheren Schwankungen.
Die Botschaft dieser Grafik ist eindeutig: Wer die besten Tage verpasst, zerstört seine Rendite. Der Schluss, der daraus meist gezogen wird, lautet: Market Timing funktioniert nicht. Auf den ersten Blick wirkt dieses Argument überzeugend. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch ein statistisches Detail, das in diesen Grafiken fast nie erwähnt wird.
Die besten Börsentage entstehen selten in ruhigen Marktphasen. Sie treten nahezu immer in turbulenten Marktumfeldern auf. Typischerweise während Bärenmärkten. Während Rezessionen. Oder während Phasen stark steigender Volatilität. So lagen im oben betrachteten Zeitfenster die 25 besten Tage ausnahmslos in Phasen sehr hoher Standardabweichungen.
Und nicht nur diese.
In exakt denselben Marktphasen entstehen auch viele der schlechtesten Börsentage. Extreme Bewegungen treten selten isoliert auf. Sie kommen meist im Paket. In den historischen Daten zeigt sich ein bemerkenswertes Muster: Wer die besten Börsentage verpasst, verpasst meist auch viele der schlechtesten Börsentage.
Mit anderen Worten: Die berühmte Grafik erzählt nur die halbe Geschichte. Sie zeigt, was passiert, wenn man die besten Tage verpasst. Sie zeigt aber nicht, was gleichzeitig mit den schlechtesten Tagen passiert.
Historische Simulationen liefern hier eine interessante Perspektive.
Wenn ein Anleger sowohl die besten als auch die schlechtesten Tage verpasst hätte, wäre das Ergebnis häufig sogar besser als ein Buy-and-Hold-Investment gewesen. Auf unser Beispiel bezogen: Ohne die besten und schlechtesten 25 Tage hätte sich der eine US-Dollar auf mehr als das Zwanzigfache erhöht.
Das bedeutet nicht, dass Markt-Timing plötzlich trivial wäre. Im Gegenteil. Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob Timing theoretisch funktionieren kann.
Entscheidend ist vielmehr, ob ein Anleger ein konsistentes Regelwerk über Jahrzehnte durchhält.
Viele Strategien sehen im Rückblick logisch aus. In der Praxis erzeugen sie jedoch lange Phasen, in denen sie schlechter abschneiden als ein Vergleichsindex. Und genau in diesen Phasen geben die meisten Investoren auf. Nicht weil die Strategie falsch wäre. Sondern weil Menschen dazu neigen, kurzfristige Ergebnisse stärker zu gewichten als langfristige Mechaniken.