Wir haben jetzt 130 Tote, die COVID-19 zugeordnet werden. Wir haben versucht zu recherchieren, wie die Verteilung nach Alter, Vorerkrankungen etc. aussieht. Wie viele zum Beispiel aus Pflegeheimen oder anderen Umgebungen stammen, in denen viele Gefährdete leben. Aber wir erfahren es nicht.
Und das ist auch das Problem. Wir haben einen Offenen Brief an Bundesminister Anschober geschrieben, dass er uns unterstützt, und dass man endlich einmal Einblick in diese Daten bekommt. Das ist natürlich wichtig. Das sind wichtige Relationen. Jeden Tag sterben in Österreich im Schnitt 230 Menschen. 15 davon an nosokomialen, im Krankenhaus erworbenen Infektionen. Natürlich wissen wir bei den meisten, woran sie gestorben sind. Die meisten von ihnen waren hochbetagt, sind an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder an Krebserkrankungen gestorben. Wir wissen auch, woran die unter 20-Jährigen sterben, da wird sehr selten gestorben. Das sind meistens Unfälle, Verletzungen, Vergiftungen, Drogenkonsum oder Suizid, aber es ist selten. So, und wer stirbt an COVID-19? Das wissen wir nicht.
Aber das wäre ja verrückt, wenn das nicht dokumentiert würde.
Es wird auch dokumentiert.
Aber warum verarbeitet diese Daten niemand? Das ist ja die Grundvoraussetzung, um überhaupt irgendwas machen zu können.
Ich glaube, dass diese Daten auch verarbeitet werden. Nur werden sie nicht öffentlich gemacht. Was wir im Vergleich zu anderen Ländern ebenfalls versäumt haben, ist die Erfassung der wichtigsten Risikofaktoren zum Zeitpunkt der Testung. In dem Moment, wo eine Person einen PCR-Test hat – das ist der, bei dem mit Wattestäbchen durch die Nase hineingebohrt wird, das ist nicht so angenehm –, sollten wir zu dieser Person das Geburtsjahr, nicht das Geburtsdatum, die Postleitzahl, nicht die Adresse, das Geschlecht, die fünf wichtigen Grunderkrankungen, Raucherstatus, Größe und Gewicht, eventuell noch zwei bis drei Medikamentengruppen und die Frage nach Bildung und Einkommen, also dem sozioökonomischen Status, erfassen. Damit hätten wir einen sehr guten Blick darauf, wer wie schwer von COVID-19 betroffen ist. Dann würden wir genau wissen, wer mit welchen Verläufen zu Hause liegt. Wer ist asymptomatisch, berichtet also gar keine Symptome, wer muss zum Arzt, wer kommt ins Krankenhaus, wer verschlechtert sich im Krankenhaus und muss auf die Intensivstation, wer verstirbt. Das ist, was man sofort machen müsste, von Tag eins an. Auch das haben wir versäumt. Diese Risikostratifizierung passiert nicht. Im Krankenhaus natürlich schon, da gibt es ein Dokumentationssystem, aber nicht zum Zeitpunkt der Testung. Warum ist das noch wichtig? Wenn ich sehe, dass ich einen Anstieg bei der Höchstrisikogruppe habe, warum auch immer, dann habe ich ein Frühwarnsystem und das zugehörige Krankenhaus bzw. die Intensivstation kann sich vorbereiten. Ein paar Tage später kommen die sicher. Wenn ich diese Daten über einen längeren Zeitraum erhebe, kann man sogar die Anzahl relativ genau voraussagen und das Versorgungsangebot entsprechend planen. Wir hätten deutlich mehr Wissen über das Geschehen. Das ist Risikomanagement.
Wer ist dafür verantwortlich, dass bei der Testung diese Grunddaten aufgenommen, verarbeitet und zentral gesammelt werden?
Verantwortlich in diesem pandemischen Geschehen ist der Bund. Er müsste den Auftrag an die AGES, die die Testung auf Bundesebene durchführt, geben, beziehungsweise jetzt an alle anderen, die testen. Wir müssen diese Daten ja nicht rückwirkend erfassen, es aber wenigstens ab jetzt tun.
Das ist aber nach wie vor nicht so.
Meines Wissens nicht. Und warum ist das noch wichtig? Weil ich mich ja auch mit anderen Ländern vergleichen will. Wir müssen ja nicht nur in Österreich lernen, alle Länder in Europa müssen lernen und zwar rasch. Ich glaube, dass rein von der Altersstruktur her unterschiedliche Länder und Regionen unterschiedliche Risikogruppen beziehungsweise Dynamiken in der Krankenversorgung und auf der Intensivstation haben. Man sieht das jetzt in Amerika, die haben eine Bevölkerung mit hohem Body-Mass-Index, die haben gar nicht so wenig junge Leute auf der Intensivstation liegen, die auch sterben; junge Menschen unter 30. In England gibt es wieder eine andere Dynamik, weil die eine ganz andere ethnische Durchmischung in der Bevölkerung und auch ganz andere Abläufe in der Versorgung haben. Wir brauchen diese Daten auch, um uns vergleichbar zu machen, um bei der europäischen Forschung mitzuhelfen und uns klarzuwerden, was denn da eigentlich passiert.