Glod schrieb:
Im Spiel sieht das dagegen ganz anders aus. Hier bestimmt der Spieler, was passiert. Natürlich geschieht das auch in einem von den Programmierern festgelegten Rahmen, aber es ist trotzdem ein erheblicher Unterschied zum Film. Und wenn dieser Rahmen zu weitläufig ist, dann müssen diverse moralische Fragen diskutiert werden. Denn welches Spiel zwingt den Spieler schon, sich wirklich auf moralischer Ebene mit seinen Taten zu befassen? Und damit meine ich nicht die Hörner, die einem bei Fable wachsen. Was in Spielen mit großer Freiheit fehlt, sind wahre Konsequenzen.
Nein, die Konsequenzen fehlen aus gutem Grund. Ich will ein Videospiel spielen, weil ich dort andere Sachen mache/ erfahre/ erlebe als wenn ich täglich über die Straße gehe. Warum schauen wir uns nicht mal an, was die Stärke von Videospielen ist? Die Stärke liegt gerade in der Interaktivität. Eine weitere Stärke liegt darin, dass sie einen Welten erleben lassen, die sich von unserer unterscheiden.
Ich will mir keine Filmsequenzen von Terroranschlägen anschauen. Ich würde aber sehr gerne mal ein Video"spiel" erleben, bei dem man ernsthaft und ungeschönt die letzten Stunden eines Selbstmordattentäters erlebt (dazu zähle ich MW2 definitiv nicht, dieses Spiel verabscheue ich, wie bereits mehrfach erwähnt). Aus der distanzierten Haltung heraus, die ich vor dem Fernseher einnehme, ohne jegliches Risiko. Und ohne einen Entwickler, der mir ständig mit erhobenen Zeigefinger über die Story eine moralische Predigt hält.
Um den oft wiederholten Filmvergleich zu bringen: Die besten Filme über den Terrorismus sind nicht die moralschwangeren Hollywooddramen der letzten Jahre, sondern hochinteressante, differenzierte Indie-Produktionen mit offenem Ende/ ohne ausufernden Kommentar. Filme, die den Zuschauer denken lassen. Analog dazu möchte ich Spiele, die den Spieler erleben lassen. Und die ihn entscheiden lassen. Ja, dafür brauche ich auch Konsequenzen. Aber nein, dafür brauche ich keine lebenslang simulierte Haft als Konsequenz ins Spiel integrieren. Denn wenn ich die erleben wollte könnte ich auch gleich in echt auf die Straße rennen und ein Blutbad anrichten. Das will ich aber nicht (natürlich auch aus anderen Gründen als dem Knast).
Six Days in Fallujah war im Gegensatz zu MW2 ein interessanter Ansatz eines Spiels, in dem man auch Terroristen spielt. Dieses Spiel wurde genauso kaputt diskutiert wie Modern Warfare 2 jetzt. Six Days in Fallujah wird nun nie erscheinen. Ich werde es nie spielen können.
Bei Spielen wie Assassins Creed, GTA oder Kane & Lynch dagegen kann ich mich nicht daran erinnern auch nur mehr als 2-3 kritische Kommentare in diesem Forum oder auf AG gelesen zu haben. Diese Spiele dürfen munter weiter erscheinen, verkaufen sich millionenfach und werden auch dieses Jahr von Mama und Papa allerorts unter den Weihnachtsbaum gelegt. DAS ist die verlogene Realität in Bezug auf Moral in Videospielen. Jeder zaghafte Ansatz einer seriösen Auseinandersetzung mit ernsten Themen wird im Keim erstickt, während jede noch so pubertäre Gewaltverherrlichung selbst von New York Times, Tagesschau und Spiegel hochgelobt wird. Und die Spieler selbst machen munter mit.