Also bevor ich auf Jörgs Meinung was geben würde, würde ich eher dem Test vom Osterhasen was abgewinnen - und das sag ich übrigens nicht, weil ich bei der Konkurrenz arbeite, sondern weil die Tests alles andere als objektiv sind. Dazu übrigens ein sehr sehr passender Kommentar, der bei 4Players im Mass Effect Thread gepostet wurde:
Ich halte es als Gelegenheitsleser für immer fragwürdiger, ob ein e-Narzisst vom Kaliber Jörg Luibl, ausgestattet mit einem Ego 2.0, wirklich die geeignete Person für ein Medium wie 4Players ist. Seine stets übersubjektiv eingefärbten, tendenziösen Tests, die je nach seiner Tageslaune auch mal zur Hetze werden können, haben bei mir immer den faden Beigeschmack des Selbstdarstellens und des Produzierens - selbst wenn ich inhaltlich mit ihm über ein Spiel komplett konform gehe. Manchmal frage ich mich auch, ob das nun wirklich exakt so seine ungefilterte Meinung darstellt, oder ob es ihn doch insgeheim ein wenig juckt, dem Reiz der Provokation nachzugehen und gewisse Dinge zu überspitzen oder etwas aus einem vorhandenen Kontext zu ziehn. Nicht einmal aus bösem Willen, sondern als rhetorisches Stilmittel.
Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich möchte Herrn Luibl mitnichten seine Fähigkeiten und Talente streitig machen. Im Gegenteil, seine Schreibfreude merkt man immer wieder, besonders in seinen Kolumnen; doch frage ich mich, ob er mit seinem Stil, seinem virtuellen Ton und seiner Herangehensweise als purer Blogger, Kolumnist und Gaming-Feuilletonist nicht besser aufgehoben wäre. Nicht wegen ihm selber, sondern auch für den Nutzen des Lesers.
Das Problem das ich sehe ist, dass es teilweise relativ offensichtlich scheint, dass Herr Luibl eine gewisse Agenda bei manchen Spielen, Genres oder Publishern/Producern verfolgt, die dann häufig in Trotzbewertungen gipfeln, die mit dem eigentlichen Produkt nur bedingt zu tun haben; er bewertet teilweise Aspekte als sehr positiv oder negativ, die nur indirekt oder gar nicht mit dem vorliegenden Produkt zu tun haben. Ich spekuliere er hat sich gedanklich seine persönliche Ideal-Vorstellung der Gaming-Welt geschustert und alles was nicht in sein ganz persönliches Raster passt, wird abgestraft.
Nun mag man meinen: "Na klar! Subjektivität gehört zu einem Test dazu - anders geht's nicht." Dem stimme ich so prinzipiell zu, doch mit Einschränkungen. Für mich gibt es bei dieser Thematik zwei Arten von Subjektivität, die offensive und die passive. Herr Luibl wählt regelmäßig die offensive Form, wohingegen ich die passive als die praktikablere und für den Leser gewinnbringendere erachte.
Wo sehe ich den Unterschied? Als offensiv betrachte ich, wenn man schon mit einer aufgebauschten und im Vorfeld zu fixierten Grundvorstellung an ein Spiel herangeht. Wenn man sich schon im Vorfeld vornimmt dies oder jenes besonders gründlich abzuklopfen, weil man aus irgend einem Grund dort besondere Mängel vermutet - unabhängig ob diese Befürchtungen faktisch Hand und Fuß haben. Wenn man eventuell schon beinflusst wurde durch Diskrepanzen mit dem Vertrieb, dem Produzenten oder dem Marketing. Diese Instanzen sind Eltern, das Spiel ist ihr Kind. Wenn ich mich mit den Eltern im Streit befinde, soll ich das "arme" Kind, ohne es zu kennen, auch direkt verteufeln und ihm vorweg Dinge unterstellen, die ich auch finden werde wenn ich nur verbissen und blindwütig genug danach Suche? Als offensiv betrachte ich auch, wenn man über ein sehr festgelegtes Blickfeld verfügt, zu stark und verbissen an Klassikern hängt, sich zu sehr eingeschossen hat auf das, was man selber als das Optimum erachtet. Offensiv ist, wenn man den Blick für das Ganze zu verlieren droht, da man sich an irgend einem Reizpunkt verfangen hat und ihn abarbeitet als gäbe es kein Morgen mehr. Offensiv ist, wenn man die Fähigkeit zu relativieren verliert; einen Kontext ignoriert oder verzerrt wahrnimmt/wiedergibt.
Passive Subjektivität dagegen stellt so ziemlich das Gegenteil da. Ersteinmal nimmt man jedes neue Spiel neutral unter seine Fittiche. In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Man schaltet erstmal Hype-Gedöhns, Marketing-Gewäsch und Flame-Wars aus Wochen und Monaten zuvor aus und freut sich was neues spielen zu können. Und dann schaut man wie das Spiel wirkt, was setzt es für Spannungen frei, wo nervt einen was? Wo funktioniert etwas super und macht Spaß, wo ist etwas verbuggt oder in die Hose gegangen? Etc. Und dabei sollte man sich in Acht nehmen, nicht zu sehr über einen Aspekt zu brüten, wenn man dadurch andere schlith nicht konzentriert wahrnimmt. Dann kommt das wichtigste: Man setzt sich nicht umgehend an den Text um irgendwelchen künstlichen Deadlines ins Rektum zu kriechen, sondern man lässt das ganze ein paar Tage sacken, geht drei Schritte zurück und betrachtet das Gesamter(g/l)ebnis. Und dann legt man seine Erlebnisse nieder - im Guten wie im Schlechten. Ausführlich, aber ausgewogen. Ein 80, 85, 90% Spiel mit einigen Macken, kann in einem Test nicht zu 3/4 nur über diese negativen Aspekte kommuniziert werden. Denn der durschnittliche User erkennt nur bedingt, dass das Spiel echt toll ist, aber pro forma die negativen Aspekte besonders erläutert werden - der durschnittliche User liest den Test, überfliegt ihn gar nur, und denkt schlicht: "Bah! Das ist alles schlecht? Scheiß Spiel! Scheiß Producer! Scheiß Publisher! Dreck!" Dieser Seifenblasen-Anti-Hype ist ja gänzlich schlimmer und nerviger, als der Pro-Hype im Vorfeld eines Spiels. Der pro-Hype (so sehr ich auch diesen ablehne) ist wenigstens von positiver, optimistischer Natur. Der Anti-Hype jedoch ist geprägt von Missgunst, Oberflächlichkeit, Egomanie, Wichtigtuerei und Motzigkeit. Da sagt einer ihm gefällt ein Spiel nicht und das nimmt ein anderer (ohne das Spiel zu kennen) zum Anlass, es (und seine Anhänger) zu diskreditieren. Man kann es ja kaum wagen öffentlich ein Spiel zu mögen, dass Herr Luibl stark kritisiert hat. Darauf werden hier einige Leute von den "Antis" behandelt, als würden sie Crack im Kindergarten verkaufen - Gott Luibl hat ja gesprochen! Dies ist jedoch ein Randaspekt, den ich Herrn Luibl sicherlich nicht anlaste; er hat Flamer, Trolle und Kiddies nicht erfunden.
Ein Medium wie 4Players soll den generellen Leser informieren und nicht nur die wenigen, die EXAKT den selben Geschmack wie der Tester besitzen. Eigene Meinung gehört zu jedem Spiel-Test dazu, aber sie ist nur ein Hilfsmittel. Exzessiv gehört sie ins Fazit, nicht über 10 Seiten. Die unentwegte Schilderung wie der Tester persönlich das Spiel besser gefunden oder gemacht hätte, gehört ebenso ins Fazit. In einem Test mag man lesen wie das Spiel ist, man mag nicht lesen was der tester mti dem Spiel gemacht HÄTTE. In einem Test mag man lesen wie das Spiel ist, man mag nicht NUR lesen was alels so mies oder im gegenteiligen, was alles so ultra toll ist. Eine Medaille hat stets zwei Seiten, man kann nicht eine von beiden ignorieren oder gezielt Stiefmütterlich behandeln.
Die Besserwisser-Art einen Test zu schreiben, die Jörg Luibl sicherlich nicht mehr ablegen wird/kann, will ich dabei gar nicht ankreiden. Solch eine Meinungsschilderung soll und muss genauso erlaubt sein; ist in einer freien Gesellschaft auch von Nöten. Aber sie muss dann auch dementsprechend besonders als private, ultrasubjektive Entität herausgestellt werden. Und das ist in Form eines Tests für die Allgemeinheit, auf einem Portal für jedermann in meinen Augen nicht möglich. So etwas gehört wie bereits erwähnt in Blogs, Kolumnen oder Genre-Webseiten. Eine alternative wäre vielleicht eine "Jörg's Rant Corner"-Sektion auf 4Players; ein Jörg Luibl Blog für all seine absoluten Ansichten. Und das sage ich ohne Sarkasmus. Auch ein Gedanke wäre eventuell kleine Infokästen innerhalb des Textes für persönlichere Auseinandersetzung mit einem Aspekt zu nutzen und dafür den eigentlichen Text-Körper sachlicher und fokusierter zu halten.
Jedoch möchte ich sagen, dass ich zumindest dafür meinen Hut vor Herrn Luibl ziehe, dass er sich in seiner eigenen Art nicht beirren lässt und sein Ding durchzieht, so kritisch ich dies wiederum auch betrachte.
P.S.: Diesen Etappen-Test-Trend finde ich übrigens furchtbar. Lieber warte ich 4, 5 Tage länger und habe dann etwas richtiges, als dieses halbgaare Zerstückeln, bei dem man die Linie kaum erkennt.