Postapokalyptischer Herzensbrecher
Dieses Buch hat mich ziemlich unvorbereitet erwischt. Ich hatte es mir lediglich bestellt, weil bald die Verfilmung in die deutschen Kinos kommt und hatte dennoch kaum eine Vorstellung davon, was mich da erwarten würde. Eine gewisse Endzeit-Thematik, klar, ein Vater der mit seinem Sohn durch eine postapokalyptische Landschaft zieht, gut, das wusste ich schon. Aber das es sich bei Die Straße um ein literarisches Kleinod handelt, das mit minimalem Aufwand, stilistischer Zurückhaltung und poetischer Schönheit eine geradezu biblisch anmutende und herzzerreissende Tragödie entwickelt, die weit über sich hinausweist, damit hatte ich absolut nicht gerechnet.
Über die Geschichte an sich sollte man eigentlich nicht viele Worte verlieren, da es sich dabei um eine klassische Road-Movie-Geschichte handelt, die davon lebt, dass man halt nicht weiß, was als nächstes passiert.
Nur soviel: Ein Vater durchquert mit seinem ca. 8-10jährigen Sohn die Hölle auf Erden, irgendwo in einem amerikanischen Bundesstaat. Der Junge hat die Welt, wie wir sie kennen, nie selbst erlebt. Er ist wohl kurz nach der Katastrophe auf die Welt gekommen.
Mittlerweile haben die letzten Überlebenden nahezu alles verwertbare aufgebraucht, sodass die Suche nach Nahrungsmitteln eine unglaublich schwierige Angelegenheit geworden ist, für die man mitunter viel Köpfchen benötigt. Die beiden sind deswegen auch ziemlich abgemagert und müssen oft tagelang hungern.
So ziehen sie durch diese düstere Welt, in der es keine Tiere und Pflanzen mehr gibt und in der sich die Sonne von Jahr zu Jahr stärker hinter einer Schicht von Asche verdunkelt. Zudem sinkt die Temperatur stetig; in den bitterkalten, oft verregneten Nächten haben sie nur einige stinkende Decken und eine Plastikplane zum Schutz. Die wenigen anderen Menschen denen sie begegnen, meiden sie lieber, da sie sie als potentielle Gefahr wahrnehmen. Eine weitere schwache Person durchzufüttern wäre zudem eine Zumutung und nicht selten sind diese Geschöpfe schon so tief gefallen, dass sie nicht davor zurückschrecken, sogar Menschen zu essen.
Das Ziel der beiden ist das Meer. Was sie dort erwartet, wissen sie nicht.
Was das Buch so besonders macht, sind keine detaillierten Beschreibungen dieser gottverlassenen Welt. Hier beschränkt sich der Autor auf das Wesentliche und überlässt vieles der Fantasie des Lesers. Stattdessen hebt er auf behutsame Weise die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Sohn hervor. Ihre Dialoge mögen zwar so karg und erschöpft klingen, wie ihr kaum fassbarer Überlebenskampf es ohnehin ist. Dennoch schimmert jederzeit darin hervor, wie die beiden sich aneinander klammern und gegenseitig Hoffnung schenken. Darüber schwebt allgegenwärtig der Tod, wie ein grausamer Verführer, der die beiden zum Stehenbleiben und Aufgeben verleiten will. Für den Vater scheint die Sinnfrage besonders quälend zu sein, da von der Welt wie er sie kannte, nur noch ein kaltes Gerippe übrig geblieben ist, das er nun schon seit Jahren durchwandert. Aber auch für den Jungen scheint die innere Frage nach seiner Existenzberechtigung in dieser feindlichen Welt ein quälendes Ausmaß anzunehmen, die sich zunehmend auch an seiner seelischen Unversehrtheit zu schaffen macht. Die Liebe zueinander lässt sie dennoch jeden Tag aufs Neue weiterlaufen, einer Zukunft entgegen, die kaum hoffen lässt.
Mich hat die Lektüre von der ersten Seite an völlig mitgerissen. Trotz des distanzierten Stils baut sich eine enorme Atmosphäre auf, deren Glaubwürdigkeit geradezu erdrückend ist. Zwar lässt sich die recht kurze Geschichte an einem Tag ganz gut durchlesen, dennoch ist sie so sehr auf sich selbst konzentriert und verzichtet dabei auf jeglichen Ballast, dass jede Zeile sitzt und die Länge genau richtig gewählt ist.
Über die gesamte Lesezeit baute sich dadurch bei mir eine gewisse Anspannung auf, die sich auf den herzzerreissenden letzten Seiten dann tatsächlich (ich konnte es selbst nicht fassen) dadurch löste, dass ich beim Lesen anfing zu heulen. Das ist mir bisher so noch nicht passiert und es fühlte sich auch tatsächlich so an, als würde das jetzt passgenau dazugehören, um eben diese übertragene Anspannung zu lösen. So, als hätte der Autor das exakt so geplant. Der Mistkerl! ;-D
Ich bin der Meinung, dass es sich hierbei bereits jetzt schon um einen Klassiker handelt, der durchaus auch das Zeug zur Schullektüre hat. Besonders, weil er ein potentielles Schreckensszenario entwirft, mit deren realen Bedrohung Jugendliche heute quasi aufwachsen.
Auf den Film bin ich ziemlich gespannt, auch weil Viggo Mortensen die Hauptrolle spielt. Der Film hat auch schon ne Menge guter Kritiken im Ausland bekommen, aber ob er an die Intensität des Buches herankommen wird, wage ich zu bezweifeln. Insofern bin ich natürlich froh, mir die Lektüre bereits vorab gegeben zu haben, was ich auch jedem Interessierten empfehlen würde.
Mittlerweile lese ich ein weiteres Buch von Cormac McCarthy. All die schönen Pferde. Auch sehr schön, aber gaanz anders.