Das ist ja ein schöner Euphemismus, der hier konstruiert wird:
Es gibt gar keine intoleranten Menschen, sie sind halt nur noch nicht tolerant genug.
Die AfD ist gar keine menschenfeindliche Partei, sie ist nur noch nicht menschenfreundlich genug.
Scheiße stinkt gar nicht, sie riecht nur noch nicht gut genug.
Und so weiter und so fort.
Die selbst attestierte Toleranz ist doch nicht mehr als ein Gemeinplatz, kaum jemand würde von sich selber sagen er oder sie wäre intolerant - außer vielleicht gegen Laktose.
Grundsätzliches dazu: wir alle leben in einer Gesellschaft, die strukturellen Sexismus, Rassismus, Diskriminierung und dergleichen (noch) nicht überwunden hat. Unsere gesellschaftlichen Strukturen sind dabei jedoch nichts Abstraktes, nichts unserem alltäglichen Leben Gegenüberstehendes. Vielmehr sind gesellschaftliche Strukturen und alltägliche Praktiken interdependent, d.h. sie sind voneinander abhängig und prägen einander gleichermaßen. Das heißt durch unsere alltäglichen Praktiken prägen wir Strukturen und diese Strukturen wiederum prägen unsere alltäglichen Praktiken.
Wenn wir uns also mit Rassismus, mit Sexismus und dergleichen beschäftigen, ist es erst mal wichtig zu verstehen und zu akzeptieren, dass dieser strukturell ist; und damit auch Einfluss nimmt auf unsere eigenen alltäglichen Praktiken - und damit auf unser Leben und uns selbst.
Durch diese Verschränkung von individuellen Praktiken und systemischen/gesellschaftlichen Strukturen ist es zwangsläufig so, dass wir alle, die wir uns logischerweise nicht außerhalb von Strukturen befinden können, Rassismus, Sexismus und so weiter
internalisiert haben. Sprich: wir haben die Strukturen unwillentlich aber unweigerlich verinnerlicht und reproduzieren diese unbewusst.
Das machst du, das macht er und sie, und das mache natürlich auch ich.
Und das ist der entscheidende Punkt. Erst wenn man das akzeptiert und bereit ist sich selbst zu hinterfragen, eigenes Verhalten in Frage zu stellen, mit Gewohnheiten zu brechen: nur so können strukturell wirksame -ismen und Diskriminierungsformen wirklich verändert und transformiert werden.
Das beutet natürlich, dass man Sexismus, Rassismus und dergleichen nicht als randständiges Problem deklarieren kann. Das ist ja auch der Vorwurf, der hier allzu gerne mitschwingt: Ja, natürlich gibt es ein Problem mit Sexismus - und zwar mit offensichtlichen Machos, Vergewaltigern und so weiter und so fort - aber wenn dieses und jenes jetzt auch schon Sexismus genannt wird, wie soll man dann den 'wirklichen' Sexismus benennen?
Ja klar, es gibt Rassismus in Deutschland - den finden wir bei hängengebliebenen Ewiggestrigen und in der AfD (aber wiederum: nicht alle, die AfD wählen, sind Rassist*innen. Ganz wichtig!) - aber doch nicht bei mir oder bei ihr oder bei ihm; denn wir sind bestimmt keine Rassist*innen!
In der Selbstgewissheit, selbst keine Rassistin zu sein, selbst kein Sexist zu sein und in jedem Fall tolerant zu sein, verschließen sich sehr viele Menschen einer - in meinen Augen notwendigen - Selbstreflexion.
Vor ein paar Beiträgen habe ich diese in einem besonderen Maße ausgeprägte Selbstgewissheit 'ignorante Selbstgefälligkeit' (oder 'selbstgefällige Ignoranz'?) genannt, auch wenn ich die fehlende Bereitschaft eigene Privilegien zu reflektieren moniere meine ich genau diese Einstellung.
Am augenscheinlichsten und sinnbildlichsten tritt eine solche Einstellung zu tage, wenn Leute darauf bestehen weiterhin M...kopf oder N...kuss zu sagen,
weil sie meinen es ja nicht rassistisch.
So argumentiert zum Beispiel der Tübinger OB Boris Palmer im Dezember 2012:
Rassismus lebt auch von Ignoranz (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland). Dieses Beispiel ist auch deshalb besonders interessant, weil wir inzwischen im Jahr 2019 mit Gewissheit sagen können, dass Boris Palmer Rassist ist. Zum Zeitpunkt des oben verlinkten Briefwechsels "wusste" man das noch nicht und genau hieran erkennt man ja, was ich gerade ausgeführt habe: dass Rassismus maßgeblich von Ignoranz gefüttert wird.
Und ähnliches gilt dann eben auch für die Toleranz.
Möglicherweise sind hier im KT manche User nicht nur
noch nicht tolerant genug, sondern in gewissen Punkten schlichtweg intolerant.