Dieses Wochenende habe ich Rian Johnson zelebriert und mir seine drei guten bis grandiosen Filme angesehen.
Brick
Rian Johnsons nicht zu unterschätzendes Erstlingswerk aus dem Jahre 2005 ist eine spannende Mischung aus klassischer Detektivgeschichte und Film Noir im amerikanischen High School Setting. Erzählt wird hier eine an für sich recht unscheinbare Geschichte, in der Brendan (Joseph Gordon-Levitt) den Mord an seiner Ex-Freundin im Drogenmilieu der örtlichen High School aufklären möchte. Während die Storybausteine beileibe nicht sonderlich originell sind, ist es vor allem die gekonnte Inszenierung, die
Brick zu einem sehenswerten Genrefilm macht.
So beginnt der Film gleich mit dem Fund der Ex-Freundinnen-Leiche und setzt das Puzzle in einem ruhigen, aber nie langweiligen Tempo, Stück für Stück zusammen, bis schlussendlich alles einen Sinn ergibt und den Zuschauer befriedigt in den Abspann entlässt. Ohne irgendwelches Brimborium verlässt sich die Geschichte voll und ganz auf ihre starken Schauspieler und Johnsons Gespür für perfekte Bilder. Noch bevor er mit Filmen wie
Inception in die A-Liste der Hollywoodschauspieler aufgenommen wurde, erkannte Johnson bereits das Talent des jungen Joseph Gordon-Levitt, den er hier gekonnt als intelligenten Alleingänger inszeniert und den Film nahezu alleine schultern lässt - mit Erfolg.
Deutlich wird hier auch gleich Rian Johnsons superbe Bildsprache. Seine Aufnahmen wirken sehr ruhig und (erzählerisch) unverfälscht, rücken damit stets die wichtigen Elemente in den Mittelpunkt. Dazu filmt er meist aus einem niedrigen Blickwinkel, erhöht damit die Szenerie und lässt fast den Eindruck eines Theaterstücks entstehen, dem man aus den vorderen Reihen beiwohnt, etwas, das bei seinem zweiten Film,
Brothers Bloom, noch viel deutlicher wird. Er spielt mit Musik und Farben, mit Licht und Schatten und vermittelt damit gekonnt den Gefühlszustand seiner Figuren. Einfach ein unheimliches Regietalent, von dem man in Zukunft hoffentlich noch sehr viel mehr sehen wird.
Brick ist frei von Kitsch und Bombast. Es ist eine kleine, aber feine Detektivgeschichte, mit überzeichneten Charakteren, einigen einprägsamen Momenten und tollen Darstellern. In seinem Storykern mag er nicht wirklich neu sein und zeitweise übernimmt er sich vielleicht etwas, insgesamt ist Rian Johnson hier aber bereits zu Beginn seiner Karriere ein hervorragender Milieufilm gelungen, den man Neo-Noir-Fans nur ans Herz legen kann.
8/10 Telefonzellen
Brothers Bloom
Anscheinend liebt Rian Johnson es seine Geschichten zu verschleiern. War
Brick noch waschechte Film Noir in einem High School Gewand, ist
Brothers Bloom eine charmante Romanze im Kostüm eines Gaunerfilms. Eine höchst amüsante, exzentrische Story über zwei clevere Brüder und Trickbetrüger (Adrien Brody und Mark Ruffalo), die seit ihrer Kindheit Leute um ihr Geld bringen, indem sie ihre Opfer durch fiktive Geschichten manipulieren, so dass diese von dem eigentlichen Diebstahl gar nichts mitbekommen bzw. sogar mit ihm einverstanden sind. Das funktioniert auch hervorragend, bis einer der Brüder aussteigen möchte und sich zudem noch in ihr letztes Opfer (Rachel Weisz) verliebt.
Was folgt ist eine sympathische Romanze, die von einer undurchsichtigen Betrügerei gerahmt wird. So bleibt bis zum Ende unsicher was nun der tatsächlichen Wahrheit entspricht und was nur gespielte Realität der Brüder ist. Johnson, der auch hier wieder für das Drehbuch und Regie verantwortlich ist, spielt dabei geschickt mit dem thematischen Schwerpunkt des Plots - nämlich den Trickbetrug, das Verwirrung stiftende Schauspiel - und überträgt ihn sozusagen auf den Zuschauer, der sich ebenfalls nicht mehr sicher sein kann, was nun Sein und was Schein ist.
Dazu gibt es reichlich subtilen Humor, skurrile Figuren und unwirkliche Szenerien.
Brothers Bloom fühlt sich an wie ein leicht verschobenes Paralleluniversum, in dem einem zwar alles bekannt vorkommt, aber trotzdem irgendwie anders zu sein scheint und erinnert damit ein wenig an Wes Andersons eigenwillige Werke - ohne dabei deren Genialität zu erreichen. Auch
Brothers Bloom wirkt daher eher wie ein Theaterstück, wobei diese Illusion diesmal ganz bewusst erzeugt wird, passt sie doch hervorragend zur trügerischen Thematik. In Szenen, wie die auf dem Dampfer, wo das Umgebungslicht auf ein mal gedimmt wird, die Musik aufhört zu spielen und der vermeintliche Antagonist aus dem Schatten tritt, dürfte diese pointierte Symbolik dann auch dem Letzten auffallen. Ein fantastisches Spiel mit Farben, Kontrasten, Blickwinkeln und Erwartungen, das Johnson hier betreibt.
Brothers Bloom ist eine wohltuende Romanze vor leicht bizarrer Gaunerkulisse. Humorvoll, herzlich und irgendwie verrückt. Nicht wirklich herausragend, aber doch so eigenartig, dass er (gerne) im Gedächtnis bleibt. Nett ist übrigens, dass Johnson seinen geliebten Gordon-Levitt auch hier, nämlich im Hintergrund im Berliner Club, wieder untergebracht hat.
7/10 Kartentricks
Zuletzt gab es noch Johnsons letzten Film, Looper. Da mache ich es mir einfach und kopiere meine alte Kinokritik, da sich meine Meinung seitdem eh nicht geändert hat. Finde den Film immer noch genial.
Looper
Zeitreisen: Ein hochspannendes Thema, das nicht nur in der Realtität die klugen Köpfe unseres Planeten, sondern seit jeher auch Kinogänger begeistert. Leider kranken Zeitreisefilme nicht selten an monströsen Logiklöchern, verlieren sich irgendwo in ihrem eigenen Zeitlinien-Wust oder nutzen die Thematik dann schlussendlich doch nur dazu, um eine ausgelutsche Story in ein ansprechenderes Setting bzw. eine ansprechendere Epoche zu verlegen.
Looper ist da glücklicherweise anders. Er nimmt die Zeitreise nicht nur als simplen Storyaufhänger, sondern beschäftigt sich doch tatsächlich mit der Zeit, mit den Auswirkungen, wenn man diese durchbricht und daraus resultierenden Paradoxien. Ein Film, der den Titel Zeitreise-Thriller verdient wie kein anderer in den letzten Jahren. Vergesst "Zeitreise"-Filme
Frequently Asked Questions About Time Travel oder
Hot Tub Time Machine, die ich zwar allesamt durchaus gelungen finde, in denen die Zeit schlussendlich aber doch nur eine Nebenrolle spielt.
Looper hat, in Bezug auf das Spiel mit der Zeit, eher das Kaliber eines
Zurück in die Zukunft. Wobei es sich hier natürlich um gänzlich andere Genre handelt.
Die Handlung ist dabei zunächst relativ simpel und beginnt mit einem cleveren, aber wenig beeindruckendem Zeitreisespielchen. Dieses entwickelt sich dann aber rasend schnell zum packenden Thriller, der grandios mit dem schwierigen Thema Zeit umgeht, es intelligent und spannend verarbeitet und schließlich sogar noch eine überraschende Entwicklung hin zum ... naja, ich nenne es mal "Übernatürlichen" macht. Das ist hochgeradig mitreißend und bietet verhältnismäßig viel fürs Köpfchen. Zum Glück belässt es
Looper aber nicht nur bei seinem guten Zeitreiseplot, sondern beschäftigt sich zudem noch mit seinen tollen Figuren. Ja, zwischenzeitlich haben wir es hier eher mit einem Charakterdrama als einem Thriller zu tun. Dass das funktioniert, ist natürlich auch den grandiosen Darstellern zu verdanken. Joseph Gordon-Levitt (Fabelhafte Maskenarbeit, er sieht tatsächlich aus wie ein junger Bruce.) spielt genial wie eh und je, Bruce Willis liefert endlich noch mal eine sehenswerte Leistung ab, anstatt sich durch irgendwelche Direct-to-DVD-Releases zu "cameoen", Emily Blunt (Von der würde ich mich auch mal gerne an"froschen" lassen.

) sorgt für die nötige Portion "Gute Seele" und Pierce Gagnon, verdammt, der Junge ist wie alt? 10? Und er rockt hier die Farm! Großes Schauspiel, dem im übrigen auch zu verdanken ist, dass man bis zum Ende mitfiebert, da sie es schaffen jeden ihrer Beweggründe plausibel darzustellen und es einem so sehr schwer fällt eine Position einzunehmen. Ich konnte mich bis zum Schluss jedenfalls nicht zwischen dem alten und jungen Joe "entscheiden".
Wo wir gerade beim Ende sind: Das ist für mich der einzige kleine Kritikpunkt. Wobei Kritikpunkt schon fast zu negativ klingt. Schließlich wurde die vielschichtige Story damit nachvollziehbar, rund und konsequent zu Ende gebracht. Aber wahrscheinlich ist es gerade diese konsequente Herangehensweise, die das Finale merkwürdig ... vorhersehbar macht. Anders hätte man die Geschichte einfach nicht beenden können. Jedenfalls nicht, ohne gigantische Logiklöcher zurückzulassen, von denen
Looper nämlich überraschend wenige vorzuweisen hat.
Hach, was soll ich groß sagen? Mit gerade mal 30 Millionen Dollar inszeniert Rian Johnson einen grandiosen Zeitreise-Thriller, der seine Genrebezeichnung ausnahmsweise auch zu Recht trägt. Er ist intelligenter Zeitreisefilm, actionreicher Thriller und emotionales Drama in einem. Weniger imposant als ein
Inception, dafür aber cleverer im Detail und mit viel Liebe zur Thematik erzählt. Dazu gibts schöne Bilder, tolle Schauspieler und eine Prise handgemachter Action. Aber bitte kein Bombast-Blockbusterkino erwarten.
Looper ist, anders als es sein Genre, die Science Fiction, vermuten lassen könnte, nämlich ein eher ruhiger Vertreter, fast schon Film noir. Punktabzug gibts für das logische, dafür aber leider wenig überraschende Ende und die Tatsache, dass die übergeordnete Bedrohung (aus der Zukunft) nicht wirklich greifbar ist.
9/10 Schleifen
Ist schon ein verdammt talentierter Kerl, der Johnson. Drei Filme und drei Punktlandungen. Sind jetzt zwar nicht unbedingt neue Genreklassiker, aber doch so gelungen und einzigartig, dass man sie auf jeden Fall positiv in Erinnerung behält. Bin gespannt, was uns der gute Mann in Zukunft sonst noch so vorsetzten wird - hoffentlich so einiges.