Dogtooth
Inhaltsangabe schrieb:
Abgeschottet von der Außenwelt werden die beiden Töchter und der Sohn ganz im Sinne der reichen Eltern erzogen. Den pubertierenden Jugendlichen wird dabei ein verqueres Weltbild voller Lügengeschichten vermittelt: Die Welt hinter der Gartenhecke ist angeblich ein böser und gefährlicher Ort und gewohnten Begriffen des Alltages werden neue Bedeutungen zugesprochen. Das Familienleben ist geprägt von emotionsloser Disziplin und den unschuldig-perversen Spielen der drei Geschwister, die sich damit die Zeit vertreiben.
Nominiert für den Fremdsprachigen Oscar, Aufreger von Cannes 2009 und leider keinen Verleger fürs deutschsprachige Kino gefunden.
Störkanal hat jedoch einen deutschen Release für diesen Brocken von Film ermöglicht. Lässt sich ungefähr so einfach verdauen wie eine verzehrte Plastiktüte.
Kein roter Faden, kein direkter Handlungsstrang, kein Spannungsbogen, keine schnellen Schnitte, keine Action, keine Aufklärung über die Motive der Protagonisten, ein Minimum an Darstellern, ein diffuses, plötzlich kommendes Ende, vollkommen ohne Auflösung oder größeren Andeutungen...man könnte die Liste, an gängigen Film-Konventionen, die dieser Streifen bricht, nun beliebig fortführen. Hinzu kommt eine äußerst seltsame, extreme Kameraführung, die teilweise Minutenlang auf ein und derselben Szene hängen bleibt, das Geschehen dabei nur teilweise oder seltsam anmutend abbildet. Musik, es sei den die Protagonisten sind dafür selbst verantwortlich, gibt es überhaupt nicht.
Kurzum, der Film entzieht sich von der erste Minute an jeder Vereindeutung und Kategorisierung.
Dadurch, der Thematik und der unglaublich ruhigen Art, die immer wieder von explosionsartigen, gewalttätigen oder sexuellen Spitzen durchbrochen wird, die jedoch niemals zum bloßen Exzess verkommen und stets den tiefschwarzen, satirischen Galgenhumor von Dogtooth untermalen, gibt sich der Film extrem unbequem für den Zuseher (auch für mich, obwohl ich mich doch eigentlich sehr viel abseits von Hollywood herumtreibe und so einiges gewohnt bin).
Man kann ihn zu keinem Moment einreihen oder in irgendeine Schublade packen. Er fühlt sich insgesamt einfach verdammt sperrig an und man weiß nicht so recht, was man nun mit ihm anfangen soll.
Auf alle Fälle sollte man eine gute Abstraktionsgabe mitbringen, da einem hier kaum etwas vorgekaut wird. Interpretieren und darüber reden/diskutieren kann man on-mass: Von Zensur, über unsere Medienlandschaften, die perfekte, spießbürgerliche Gesellschaft, menschliche Triebe, Prägungsphase, Dogmatisierung und Domestizierung,...bis hin zur Identitätsfindung, wie sehr wir doch Opfer unserer eigenen Umwelt sind bzw. uns von ihr wie ein Hund an die Leine nehmen lassen.
Visuell zeigt sich eine verdammt ruhig, sterile und unterkühlte, jedoch sehr durchdachte und stilisierte Bildsprache. Ein in sich abgeschlossenes, surreales, ruhiges, beklemmendes und zeitweise verstörendes Stillleben.
Insgesamt ein sehr eigenwilliger Film, der oft an der Grenze zur Perversion aneckt, zum Nachdenken anregt und sollte man ihn durchstehen, bestimmt länger im Kopf bleibt.
Sollte aber im Vorhinein klar sein, dass damit niemand glücklich werden wird, der Kunstfilme nicht einmal riechen kann. Für Hollywood Cineasten prophezeie ich max. 15 Minuten, bevor die DVD/Blu-ray aus dem Fenster fliegt.
9/10