So kann man das Thema natürlich auch komplett entpolitisieren.
Konsumkritik schön und gut (auf mich trifft z.B. kein einziges deiner aufgeführten Beispiele zu), aber mit dieser Argumentation liefert man doch nur den Persilschein zur politischen Untätigkeit. Das individuelle Kaufverhalten einer einzelnen Person ist die kleinste Stellschraube in einer riesigen, knarzenden Maschine, aber anstatt große Hebel umzulegen soll es die kleine Stellschraube sein, die es schafft ein historisch gewachsenes, Machtpositionen festigendes System zu reformieren? Viel Glück damit.
Man kann als Einzelperson versuchen, sich aus bestimmten Abläufen des Systems herauszuziehen, man kann vielleicht sogar einen auf Öff Öff machen (wer kennt ihn noch?) und ein Aussteigerleben führen. Dann hat man aber genau das gemacht: man steigt (vermeintlich) aus einem System aus, das dein Ausstieg aber nicht mal im Geringsten tangiert. Dadurch wird der Kapitalismus nicht besiegt, dadurch wird der Kapitalismus nicht mal im Ansatz irgendwie berührt, im Gegenteil: selbst Aussteigerleben werden am Ende doch noch der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen, einen Öff Öff kennt man ja nur deshalb, weil sein Lebensentwurf fürs Fernsehen konsumierbar gemacht wurde und dann als ulkiger Gegenentwurf herhalten durfte, den man in keinem Fall fürs eigene Leben anstrebt.
Es kann jeder gerne glauben, dass das Kernproblem der klaffenden Kluft zwischen arm und reich das individuelle Konsumverhalten ist und wir es nur schaffen müssen, Milliarden von Menschen ins Gewissen zu reden ihren Konsum zu überdenken. Dann kann man ja mal überlegen, wie realistisch dies ist.
Und da gehe ich noch nicht mal darauf ein, dass du für den "Realwert" offensichtlich ausbeuterische Produktionsverhältnisse ausklammerst; denn 100€ für Sportschuhe wäre nicht wirklich ein unsittlicher Preis, wenn man in der gesamten Produktionskette gerechte Löhne, klimafreundliche Produktion/Transport und menschliche Arbeitsbedingungen voraussetzt.