Theodor Heuss sprach von "Erlösung und Vernichtung in einem"
Der 8. Mai 1945 hatte im kollektiven Gedächtnis als
Interner Link:"Stunde-Null" bzw. historische Zäsur schon früh eine symbolische Bedeutung. So wurde das
Interner Link:Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland am 8. Mai 1949, dem vierten Jahrestag der deutschen Kapitulation,
Interner Link:im parlamentarischen Rat verabschiedet. Zuvor hatte der spätere Bundespräsident
Interner Link:Theodor Heuss (FDP) vor dem parlamentarischen Rat jedoch Bedenken darüber geäußert, "ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann". Denn der 8. Mai 1945 bliebe für Deutschland die "tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte", weil "wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind".
Langsamer Wandel der Erinnerungskultur
In der westdeutschen Erinnerungskultur galt der 8. Mai mehrheitlich als Datum der eigenen Niederlage und war vor allem mit den negativen Folgen assoziiert: Zusammenbruch, Vertreibung, Besatzung, deutsche Teilung und Verlust von Heimat. Dies begann sich seit den 1960er- und 1970er-Jahren langsam zu wandeln, als politische Reden anlässlich des 8. Mais zunehmend differenziertere Perspektiven, auf dieses historische Datum erkennen ließen.
Gustav Heinemann (SPD) hielt 1970 als erster Bundespräsident eine Rede zum 8. Mai. Als erste Bundesregierung äußerte sich 1970 auch die sozial-liberale Koalition unter Bundekanzler Willy Brandt (SPD) mit einer offiziellen Regierungserklärung zum Jahrestag. Den Begriff der Befreiung bezog er dabei jedoch explizit auf andere Völker. Gleichzeitig hob er jedoch hervor, dass auch für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die "Chance zum Neubeginn, zur Schaffung rechtsstaatlicher und demokratischer Verhältnisse" erwuchs.
Von Weizsäckers Rede im Bundestag 1985
Zu einem erinnerungspolitischen Wendepunkt wurde die
Externer Link: Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) im Jahr 1985. Der 8. Mai, so führte von Weizsäcker im Deutschen Bundestag aus, sei für jene, die ihn erlebt haben, mit unterschiedlichen Erfahrungen verknüpft. Doch mit der Zeit sei der Blick klarer geworden auf das, was der Tag für die Gesellschaft als Ganzes bedeute: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."
Von Weizsäcker entband die Deutschen jedoch nicht von ihrer individuellen Verantwortung. "Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für die Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte". Er betonte daher, dass das Gedenken an den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933, dem Tag von
Interner Link:Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, getrennt werden könne. Auch die Verbrechen des
Interner Link:Holocaust dürften nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt werden.
Weizsäckers Rede fand nicht nur Zustimmung: So beschwerte sich etwa der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß über die "ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe".