Mingo
wohnt mietfrei in deinem Kopf
So kann man das Thema natürlich auch komplett entpolitisieren.Wir sind es, die die Millionäre und Milliardäre erschaffen. Wer Produkte konsumiert, oder Dienstleistungen in Anspruch nimmt, deren Preis-/Realwertverhältnis nicht stimmen, fördert den Reichtum dieser Personen.
Man sieht es doch hier im Forum sehr gut. Wer an der goldenen jährlichen Apple (Google, Samsung…)-Nadel hängt, wer Neuwagen kauft, wer ein Sky-Abo für Sportübertragungen zahlt (die Millionen für Ablösen und Gehälter müssen ja irgendwo herkommen), wer Konzerttickets für 200€ oder mehr bezahlt, wer für Sportschuhe 100€ und mehr ausgibt, wer Immobilien zu schwindelerregenden Preisen erwirbt, wer…
Konsumkritik schön und gut (auf mich trifft z.B. kein einziges deiner aufgeführten Beispiele zu), aber mit dieser Argumentation liefert man doch nur den Persilschein zur politischen Untätigkeit. Das individuelle Kaufverhalten einer einzelnen Person ist die kleinste Stellschraube in einer riesigen, knarzenden Maschine, aber anstatt große Hebel umzulegen soll es die kleine Stellschraube sein, die es schafft ein historisch gewachsenes, Machtpositionen festigendes System zu reformieren? Viel Glück damit.
Man kann als Einzelperson versuchen, sich aus bestimmten Abläufen des Systems herauszuziehen, man kann vielleicht sogar einen auf Öff Öff machen (wer kennt ihn noch?) und ein Aussteigerleben führen. Dann hat man aber genau das gemacht: man steigt (vermeintlich) aus einem System aus, das dein Ausstieg aber nicht mal im Geringsten tangiert. Dadurch wird der Kapitalismus nicht besiegt, dadurch wird der Kapitalismus nicht mal im Ansatz irgendwie berührt, im Gegenteil: selbst Aussteigerleben werden am Ende doch noch der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen, einen Öff Öff kennt man ja nur deshalb, weil sein Lebensentwurf fürs Fernsehen konsumierbar gemacht wurde und dann als ulkiger Gegenentwurf herhalten durfte, den man in keinem Fall fürs eigene Leben anstrebt.
Es kann jeder gerne glauben, dass das Kernproblem der klaffenden Kluft zwischen arm und reich das individuelle Konsumverhalten ist und wir es nur schaffen müssen, Milliarden von Menschen ins Gewissen zu reden ihren Konsum zu überdenken. Dann kann man ja mal überlegen, wie realistisch dies ist.
Und da gehe ich noch nicht mal darauf ein, dass du für den "Realwert" offensichtlich ausbeuterische Produktionsverhältnisse ausklammerst; denn 100€ für Sportschuhe wäre nicht wirklich ein unsittlicher Preis, wenn man in der gesamten Produktionskette gerechte Löhne, klimafreundliche Produktion/Transport und menschliche Arbeitsbedingungen voraussetzt.

Das was Cale sagt.