Das stille Mäuschen im Schafswolle-Pulli und Birkenstocks (überspitzt) in der Studentenkneipe ist anders als drauf als eine Frau im Billiard-Café, im Tanktop, tiefes Dekolleté, Tattoos und/oder Piercings, die am Whisky nippt.
Aus meiner Erfahrung heraus - und ich date als Single viel zu viel - macht das gar keinen Unterschied in Sachen Sexismus. Aber man muss auch klar sagen, dass wir da eine ganz andere Generation sind. Du bist über 40, verheiratet, und lebst im Saarland und ich bin 30, Single, und lebe in Berlin. Das ist natürlich eine andere Gesellschaft.
Noch deutlich wird es bei einer anderen großen Dating-App (OKC), wo das Profil umfangreicher ist und wo teilweise gezielt app-seitig danach gefragt wird. Das ist nicht so, dass man da ein paar studentische Feministinnen hat, so wie du es dir vorstellst. Egal, ob Bankkauffrau, Barkeeperin, Zirkusartistin, Ärztin, Flugbegleiterin, Köchin, egal, ob Deutsche, Türkin, Polin, Amerikanerin oder Chinesin, egal, wie viele Tattoos sie hat und wie viel sie raucht, kifft, schmeißt und trinkt - Feminismus, völlig ohne stereotypische Abbildungen - dominiert in dieser Gruppe Frauen (Online-Dating (und ganz ehrlich, Tinder o.Ä. nutzt fast jeder Single heutzutage), Berlin/Großstadt, bis ~30 Jahre) extrem.
Ich bin absolut begeistert davon. Ich kann auch nur von meiner Erfahrung sprechen und mir geht's auch gar nicht, um deine Erfahrungen, sondern ich wollte das einfach mitteilen.
Was mich auch extrem positiv überrascht hat: Ich habe schon mehrere Frauen kennengelernt, die aus dem Balkan oder der Türkei nach Berlin gekommen sind, weil sie keinen Bock auf sexistische Machos haben. Und das heißt nicht, dass sie stille Mäuschen sind oder einen stillen Typen wollen; ganz im Gegenteil, aus meiner Erfahrung heraus, wollen die meisten Frauen, egal wie "hart" sie sind, einen dominanten Kerl, aber sie wollen ebenso Empathie und Respekt und davon so viel, dass ein Mann sich mit dem Feminismus identifizieren kann. Und während Frauen Sexismus lange geduldet und ertragen haben, fordern sie den Feminismus ohne Kompromisse auf dieser Ebene des Dialogs, der Zweisamkeit, stolz und selbstbewusst ein.
Und das alles geschieht ohne Aktivismus, ohne Teil irgendeiner feministischen Kultur zu sein. Das ist für viele Frauen einfach mittlerweile eine Selbstverständlichkeit und ich schäme mich etwas dafür, dass es für mich keine Selbstverständlichkeit war, sondern es mich tatsächlich sehr überraschen konnte, wie junge Frauen heutzutage hier ticken.


