Ronaldo schießt die gefährlichsten Freistöße der Welt. So unberechenbar, so faszinierend, dass sie nicht nur Fußballfans, sondern auch Wissenschaftler inspirieren. Einer ist der Engländer Ken Bray, Physiker an der University of Bath. In einer Studie kam er zu dem Schluss, dass niemand den Ball so tritt wie Ronaldo. Seine Freistöße ließen die Torhüter unglücklich aussehen, sie seien aber chancenlos, sagt Bray: „Es ist nicht ihre Schuld, auch wenn Ronaldos Tore nichts mit Glück zu tun haben.“ Gängigerweise gibt es zwei Arten, einen erfolgreichen Freistoß zu treten: mit dem Vollspann an der Mauer vorbei. Ein sehr wuchtiger Schuss also, der den Torwart ob seiner Gewalt und Schnelligkeit überrascht. Oder aber angeschnitten mit dem Innenrist um die Mauer herum oder darüber hinweg. Dieser Schuss verläuft mit viel Drall auf einer hohen Flugkurve, die sich zum Tor hin absenkt. Er ist nicht sehr hart, sondern besticht durch seine Präzision.
Ronaldo hat die Mischung aus beidem gefunden. Er schießt den Ball mit dem Spann auf die Mauer zu. Im Normalfall gibt es nun zwei Möglichkeiten. Ein Mitglied jener Mauer wird sich gleich vor Schmerzen krümmen. Oder aber der Ball findet sich auf dem Stadionparkplatz wieder. Was bei Ronaldo passiert, zeigte sich bei seinem bislang berühmtesten Freistoß aus dem Jahr 2008 im englischen Ligaspiel zwischen Manchester United und dem FC Portsmouth: Obwohl der Ball damals raketengleich über die Mauer flog, senkte er sich kurz vor Ultimo ab. Torwart David J
ames, den sie auf der Insel ob seiner vielen Fehler auch „Calamity-James“ rufen, war diesmal einfach machtlos. Regungslos beobachtete er, wie der Ball in seinem Tor einschlug. „Den hätte
kein Torwart der Welt gehalten“, kommentierte Manchesters Trainers Alex Ferguson und verteilte das größte Lob, zu dem ein mittlerweile 68 Jahriger Veteran wie er fähig ist: „Das war der beste Freistoß, den ich je gesehen habe.“ Was aber ist das Geheimnis? Wie hebelt Ronaldo scheinbar die Gesetze der Physik aus? Physiker Bray hat herausgefunden, was Ronaldos Schüsse von anderen unterscheidet. Er schafft es, den Ball so zu treffen, dass sich dieser im Gegensatz zu normalen Schüssen nicht um die eigene Achse dreht. In diesem Fall wirkt der Magnus-Effekt: Der Ball wird von Luft umströmt, seitliche Kräfte wirken auf ihn, es kommt zu der typisch runden und meist hohen Flugkurve. Ronaldos Schuss schiebt hingegen die Luft vor sich her, sie drückt auf den Ball und sorgt an deren Seiten für Verwirblungen, die den Ball urplötzlich die Richtung ändern lassen. Er flattert. Verstärkt wird dieser Effekt durch die neuartigen Bälle, so Bray: „Die wenigen Nähte oder Klebestellen beeinflussen die Strömung. Die Flugbahn lässt sich nur schwer einschätzen, der Ball verhält sich wie ein Baseball.“ Im Baseball gibt es Werfer, die den 1906 erstmals gezeigten und gefürchteten Knuckleball werfen. Der Ball wird mit den Handknöcheln gehalten und verhält sich in der Flugbahn wie ein Schwerbetrunkener nachts um vier auf dem Heimweg. Der berühmte Trainer Charlie Lau sagte einmal, es gebe zwei Arten, einen Knuckleball zu erwischen: „Leider funktioniert keine von beiden.“ Dies können einige Fußball-Torhüter bestätigen, die es in ihrer Karriere mit den Freistößen von Cristiano Ronaldo zu tun bekamen.