Ich habe bei
Empire Earth jetzt erstmals die Kampagne der Deutschen abgeschlossen. So sehr ich dieses Spiel liebe, so sehr finde ich allerdings die Art und Weise der historischen Bearbeitung der Thematik befremdlich. Generell erlebe ich immer wieder, das Videospiele keinen guten Umgang mit der Verhandlung historischer Themen finden. Das wäre meiner Meinung nach aber wichtig, da nicht wenige ihr vermeintliches Wissen über Geschichte aus Spielen und Filmen beziehen. Wie viele glauben, etwas über den Zweiten Weltkrieg zu wissen, nur weil sie in x Call of Dutys das Dritte Reich bezwungen haben?
Speziell bei Empire Earth stört mich die Richtung, die die deutsche Kampagne einschlägt. Generell ist Empire Earth eine seltsame Mischung aus Fact & Fiction. Mit den alten Griechen folgt der Spieler Geschichten aus der Mythologie, die mal mehr, mal eher weniger belegt sind. Die englische Kampagne, die sich vom Mittelalter bis zu Napoleon erstreckt, bleibt recht nah an den bekannten Fakten und zeichnet ein einigermaßen akkurates Bild. Die russische Kampagne beginnt in der damaligen Zukunft des Jahres 2018 (übrigens sehr schlecht gealtert, wenn ein russischer Politiker mit Hilfe der Ukraine konkurrierende politische Kräfte in Russland ausschaltet

)
Die deutsche Kampagne beginnt im Jahr 1915 und folgt Manfred von Richthofen und seiner Staffel JaSta 11 - Von Richthofen und die Fliegerei werden hier recht unkritisch zum edlen Rittertum der Lüfte erhoben. Und nach von Richthofens Tod übernimmt auch ganz unkritisch Hermann Göring die Staffel (wie ja auch in der Realität). Der Erste Weltkrieg endet, und der Zweite beginnt. Jetzt steht (wenn auch etwas weniger prominent) Hermann Göring im Mittelpunkt der Kampagne. Laut Empire Earth soll Deutschland im Jahr 1939 dort erfolgreich sein, wo es 1918 scheiterte ... okay.
Es folgen drei Missionen:
1. Blitzkrieg gegen Polen, Dänemark und Norwegen und Frankreich.
2. Auslöschung der britischen Home Fleet als Vorbereitung der Invasion Großbritanniens
3. Operation Seelöwe - die Invasion Großbritanniens, die mit der Zerstörung des Buckingham Palace und der Vertreibung einer US-Flotte endet
Dass das Spiel ab der 2. Mission in die Fiktion abdriftet, dass die Vernichtung der Home Fleet nie stattgefunden hat und die Invasion von UK schon mal gar nicht, ist nicht sofort ersichtlich. Dafür muss man sich schon zum Historienteil durchklicken, wo man ganz unspannend lange Textblöcke lesen muss. Dort erfährt man dann, dass die Invasion Großbritanniens in Wirklichkeit "ein Traum bleiben sollte". Na gut!
Jedenfalls finde ich es bedenklich (so toll die Kampagne spielerisch auch gestaltet ist), dass man sich ausgerechnet eines der schlimmsten Terrorregime der Menschheitsgeschichte aussucht, um eine fiktionale Geschichte über dessen militärischen Erfolg zu erzählen. Als Sahnehäubchen wird nicht ein einziges Wort über deutsche Kriegsverbrechen, Umgang mit Minderheiten oder auch nur darüber verloren, wer den Krieg eigentlich begonnen hat. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, es sei halt einfach wieder Krieg. Das ist dann wirklich arg bedenklich - und ich will nicht wissen, wie viele Spieler ihr Geschichtsbild aus solchen Spielen ziehen.
Weil ich gerade dabei bin, noch ein anderes Beispiel:
Cossacks 3 wurde von einem ukrainischen Studio produziert. Und es fällt schon auf, wie in den historischen Begleittexten immer wieder die übermäßige Tapferkeit der ukrainischen Kosaken hervorgehoben wird - eine Behauptung, die sich wissenschaftlich nicht überprüfen lässt, denn was heißt schon Tapferkeit? Wie misst man das?
Gleichzeitig geht Cossacks 3 vollkommen unkritisch mit den Taten der Kosaken um. In einer Mission belagert der Spieler die Stadt auf der Krim Kafa. Als wäre es das Normalste von der Welt, besteht die Hälfte der Missionsziele aus Kriegsverbrechen (aus heutiger Sicht - ich glaube, den Entwicklern war das aber gar nicht bewusst): Man soll sich in tatarischen Uniformen in die Stadt schleichen (Kriegsverbrechen), die Wachen meucheln, die Tore öffnen und dann - und das denke ich mir nicht aus - besteht die restliche Mission bis zum Abzug nur noch daraus, die gesamte wehrlose Stadt in Brand zu stecken. Das MUSS man als Spieler machen, um die Mission abschließen zu können. Man muss also ganz Kafa niederbrennen.
Städte abzureißen ist jetzt in Strategiespielen nichts Ungewöhnliches, aber in dieser Mission wird so explizit auf die Zerstörung ziviler Infrastruktur abgehoben und es gleichzeitig irgendwie - ja - gefeiert, dass es mich verdutzt zurückließ.