Ein sehr charmantes RPG. Vorzüglich geschrieben. Bereits nach zwei Stunden habe ich mehr glaubwürdige und interessante Charaktere kennengelernt und wortwitzige Gespräche mit ihnen geführt als ... als wahrscheinlich in allen von mir gezockten Spielen dieses Jahres zusammen.
Hier wird kein Dialog übersprungen, sondern gerne jegliche Gesprächsoption mitgenommen. Wirklich ausgezeichnet getextet und aufgebaut (auch top englisch vertont). Wenn dich bereits der erste (naja, fast der erste) NPC auf eine fetch-mäßig klingende Quest schickt, du dabei jedoch herrlich verschrobene Charaktere entdeckst, für die du überraschende Aufgaben nach eigenem Gusto erfüllst, um am Ende auch noch ordentlich belohnt zu werden, dann hat das Spiel alles (was das Genre meiner Meinung nach ausmacht) richtig gemacht. Es entführt dich in eine fremde Welt voller spannender Geschichten und lässt dich dabei auch noch frei entscheiden, also das titelgebende Rollenspiel betreiben.
Auch die Spielwelt erscheint (inhaltlich) clever designt. Das Leitthema wird jedenfalls sofort exzellent verarbeitet (humorvoll und graustufig, nicht nur plakativ schwarz-weiß).
Schießereien sind ein bisschen fummelig. Ist eben kein Ego-Shooter. Funktioniert insgesamt aber ordentlich. Texte eventuell etwas klein. Vor allem die in-game Untertitel. RPG Elemente sind hingegen spitze. Leichter Einstieg, aber hinten raus wohl eine angenehme Tiefe. Cool beispielsweise, dass sich auch eine verbesserte Dialogfähigkeit auf die Kämpfe auswirkt, weil ein wortgewandter Charakter seine Gegner eben auch verbal mürbe macht. Da kann man sich definitiv interessante und vielschichtige Charaktere bauen.
Mehr als positiv überrascht bin ich aktuell von der Technik. Gar nicht so altbacken wie befürchtet. Natürlich kein AAA, aber doch sehr sauber, farben- und effektfroh und ohne größere Bugs. (Bewusst) "altbacken" ist eigentlich nur die Präsentation mit ihren "statischen" Dialogen und ähnlichen, weniger modern-cineastischen Elementen. Ansonsten ist die Technik aber gut. Einige sich später reinschleichende UE4 Texturen und bisschen leblos erscheinende Straßenzüge, aber insgesamt mehr als ich erwartet hatte. Gerade für ein Obsidian 3D Rollenspiel mit übersichtlichem Budget. Da hatte ich ehrlich gesagt schlimmeres befürchtet.
Writing und RPG-Gameplay machen eh alles wett. Die sind nämlich erstklassig, spaßig und mitreißend. Glaube ich habe seit dem Witcher (und einige Zeit vor diesem) kein so kompetentes (nicht-C)RPG mehr gesehen.
Meine Captain Chri... äh, Alex Hawthorne.

Noch in Kryo-Kluft.