Ich muss sagen, dass ich mich in der beschriebenen Situation von
@Fanatic auch irgendwie wiederfinde. Das erinnert mich alles sehr an meine erste längere Beziehung, ich weiß gar nicht so recht warum.
Das Problem damals war, dass wir eine extrem asynchrone Beziehung geführt haben: sie war sexuell erfahren, offen und direkt im Umgang mit (anderen) Menschen, risikofreudig (z.B. im Umgang mit Drogen) und spontan; für mich war sie die erste Frau mit der ich geschlafen habe, ich war (bzw. bin es immer noch ein wenig) eher verschlossen und zögerlich was den Kontakt mit fremden Menschen angeht, bedacht auf Sicherheit und eher weniger spontan.
Ich erinnere mich noch, dass es zu Anfang unserer Beziehung sogar ein großes Problem war dass es mir schwer fiel zu äußern, was meine Wünsche und Vorstellungen waren. Wenn sie mich bspw. gefragt hat, was wir denn heute Abend machen wollten habe ich immer nach dem Motto geantwortet "Weiß nicht, was willst du denn machen?"
Das hat sich zwar im Laufe der Jahre gebessert, aber insgesamt habe ich während unserer gesamten gemeinsamen Zeit das Gefühl gehabt, dass ich ihr nicht genügen würde und dass ich mich anstrengen müsste, um mit ihr mitzuhalten. Gerade auch weil ich wusste, dass sie meine Verunsicherung natürlich auch in gewisser Weise immer gestört hat und sie sich gewünscht hätte, dass ich selbstsicherer wäre. Auch fiel es mir nie wirklich leicht meine Ängste und Sorgen offen und direkt zu kommunizieren; auch dies aus der Angst und der Unsicherheit, dass ich damit erst zu erkennen geben würde, dass ich ihr eigentlich nicht genügen kann.
In manchen Bereichen habe ich meine Verunsicherung und Zweifel aber nie verloren, bspw. was unsere bzw. meine Sexualität betraf. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihr sexuell nicht genügen würde und habe mich stets mit ihren vorherigen Sexualpartnern verglichen bzw. hatte das Gefühl, dass ich sexuell auf einem bestimmten Level "performen" muss, damit sie mich nicht verlässt oder fremd geht.
Paradoxerweise stand mir die Angst, sie sexuell nicht "ausreichend" zu befriedigen, natürlich immer im Weg darin eine gefestigte Sexualität und ein eigenes sexuelles Begehren zu entwickeln, dass nicht im negativen von ihrer Sexualität und ihrer Befriedigung abhing.
Die bittere Ironie des Ganzen war dann, dass meine größte Sorge dann tatsächlich zur Realität wurde und ich eines Tages rausgefunden habe, dass sie mich mit jemand anderem betrügt.
Erfahren habe ich dies, als ich durch ihr Handy geschaut habe (etwas, das ich heute niemals machen würde, was damals aber einfach auch Ausdruck meiner Verunsicherung war) und den SMS-Verkehr mit ihr und dem Anderen entdeckt habe.
Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke geht mir das immer noch durch Mark und Bein, mir wurde noch nie so sehr der Boden unter den Füßen weggezogen.
Noch eine bittere Ironie: sie hat mir damals erzählt, dass sie natürlich das schlechte Gewissen geplagt hätte und sie es mir eigentlich irgendwann beichten wollte, aber sie hat sich nicht getraut, weil ich ja ohnehin schon so ein schwaches (sexuelles) Ego gehabt hätte.
In der Folge habe ich einen der größten Fehler meines Lebens begangen und anstatt die Beziehung zu beenden haben wir es nochmal probiert. Ein halbes Jahr später hat sie mich dann verlassen und mir hat es ein zweites Mal den Boden unter den Füßen weggezogen.
Sie hatte zwei Monate später einen neuen Freund, mit dem sie dann auch über fünf Jahre zusammen war, während ich Jahre gebraucht habe, um über sie und die Beziehung hinwegzukommen.
Ich habe damals immer den Fehler gemacht, dass ich die Schuld für alles, was in der Beziehung falsch lief bei mir gesucht habe. Schließlich war ich es in meiner Vorstellung ja, der sich anstrengen müsste um mit ihr mitzuhalten. In gewisser Weise war es das Hochstapler-Symptom, dass mich so handeln ließ: sie darf ja nicht bemerken, dass ich eigentlich gar nicht der richtige für sie bin und ich muss alles dafür tun, damit ich nicht auffliege.
In dem Kontext fällt mir immer das Zitat aus
Harry und Sally ein:
"Die meisten Ehen zerbrechen nicht an Untreue. Sie ist nur das Symptom, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist..." - "Was Du nicht sagst. Dieses Symptom vögelt gerade meine Frau!"
Sobald es in einer Beziehung nicht (mehr) möglich ist, offen und ehrlich zu kommunizieren, wenn man das Gefühl hat man kann gewisse Dinge nicht aus- oder ansprechen aus Angst vor der Reaktion des Partners oder der Partnerin, dann wird es ungesund für die Beziehung. Zumindest ist das meine Erfahrung und meine Lehre aus meiner eigenen verkorksten Beziehung. Und das war eine Lektion, die ich wirklich, wirklich hart lernen musste.
@Fanatic Ich weiß nicht, ob du daraus irgendwas ziehen kannst und ich will auch gar nicht suggerieren, dass deine Freundin dich betrügt; das will ich mir gar nicht anmaßen aus der Ferne, ohne euch beide zu kennen.
Aber deine Verunsicherung, auch das Gefühl gewisse Dinge der Freundin gegenüber einfach nicht ansprechen
zu können, kenne ich nur sehr gut.
Edit: Ich muss dazu sagen, dass ich damals zwischen 19 und 21 war.