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Ja, genau und deswegen steigen die Überlebenschancen bei immer mehr Krebsarten. Vieles, was in den 70ern noch ein sicheres TOdesurteil war, wird heute von der Mehrheit der Betroffenen überlebt.Tja. Krebs ist halt zu lukrativ für die Unternehmen.

Word.Rip Kofi Annan. Danke für die tolle Arbeit
https://www.sueddeutsche.de/politik/kofi-annan-der-menschheit-zu-diensten-1.4096657Der Menschheit zu Diensten
Es gibt nicht viele, die so sehr an eine bessere Welt geglaubt haben. Noch weniger, die so viel dafür getan haben - als UN-Generalsekretär, als Mensch. Zum Tod von Kofi Annan.
Nachruf von Stefan Kornelius
Es ist nicht üblich, dass sich ein verdienter und verehrter Staatsmann im Abendrot eines langen Lebens mit Schlangenbissen beschäftigt. Nicht, dass er selbst gebissen werden könnte, nein. Es geht um die bis zu 120 000 Menschen, die jedes Jahr sterben, weil sie irgendwo auf der Welt das Gift einer Schlange in die Blutgefäße gejagt bekommen.
"Schlangenbisse stellen die größte Krise der öffentlichen Gesundheit dar, von der Sie bisher vermutlich nichts gehört haben. Der Schlangenbiss ist im Kern eine Seuche für die Ärmsten", schreibt der Staatsmann. Und weil die Welt aufgerüttelt werden muss und viel getan werden kann gegen Schlangenbisse, verfasst er einen Artikel, aus dem man lernen kann, dass am Denguefieber viel weniger Menschen sterben, 20 000 nämlich, und dass mit Schuhen, Schutznetzen und modernen Antiseren viel getan werden könnte gegen diese erschreckend hohe Todesrate durch den Schlangenbiss.
Er hat jeden Blick und fast jeden Willen ausgehalten - ausgehalten, nicht unbedingt bezwungen
So viel also zu den Sorgen des sorgenden 80-jährigen Staatsmannes, des Mahners und Rüttlers Kofi Annan. Man darf, man muss Kofi Annan zugestehen, dass ihm die Schlangenbisse ein sehr ernstes Anliegen waren, als er vor acht Wochen seinen Namen unter den Artikel setzte. Genauso wie er sich mit sehr großer Ernsthaftigkeit um die Verrohung von Sprache und um den Umgang in den sozialen Netzwerken sorgte. Oder den Machtwechsel in Simbabwe. Oder das Schicksal der Rohingya. Oder die Einführung japanischer, für ihren geringen Wasserbedarf beachtenswerter Reispflanzen in Afrika.
Für alles, was Kofi Annan tat, gab es einen Grund. Und alles, was Kofi Annan tat, wurde plötzlich gewichtig, aufgeladen mit Bedeutung und Energie - wie der Akku einer flackernden Taschenlampe. Ein Mann wie ein Kraftwerk für alles Schwache und Flackernde auf der Welt.
Wenn man Kofi Annan gegenübersaß, in seinem schmalen Büro im UN-Quartier in Genf etwa, dann konnte man den Eindruck gewinnen, es flackerte auch in seinen Augen, wie in einem Anflug von Schüchternheit oder Demut gar. Aber das wäre ja unmöglich. Dieser Mann saß auf Augenhöhe mit dem japanischen Kaiser und dem König von Thailand, Göttern quasi. Er widerstand dem Präsidenten der USA und dem Schlächter von Damaskus. Dieser Mann hat jeden Blick und fast jeden Willen ausgehalten.
Wohlgemerkt: ausgehalten, nicht notwendigerweise bezwungen. Kofi Annan war kein Bezwinger, er war einer, der zuhörte und schaute und fragte. Und er war ein Meister der Taktik und der Menschenkenntnis, ein brillanter Jongleur der Gefühle, der seine Gesprächspartner in der Gewissheit wiegte, verstanden zu werden. Sein Bedürfnis war der Ausgleich und der Dienst. Eine fürchterlich altmodische und doch so lebensnotwendige Vorstellung von den kleinen und guten Taten. Vom Dienst an den Menschen, oder in diesem Fall: an der Menschheit.
Er hatte einen nicht zu schlagenden Sinn für den richtigen Zeitpunkt und die beste Taktik
Als Annan eines Tages von der Unabhängigkeitsfeier Südsudans nach Hause flog, empörte sich sein deutscher Mitarbeiter Benedikt Franke über die geringe Präsenz ausländischer Staatsvertreter bei der großen Feier. Zwar gab die Welt viel Geld, in der Hoffnung auf ein Ende des Bürgerkriegs, aber sie schien ihren Anspruch nicht einfordern zu wollen. Annan dämpfte die Empörung und lieferte seine Arbeitsphilosophie in einem Satz: Einfordern könne man nur, was man selbst besser zu machen versuche. Wer sich nicht einbringe, verliere sein Beschwerderecht. Wer es also besser machen wolle, der solle in die Politik gehen und handeln.
Zwei Voraussetzungen brachte Kofi Annan mit, um die Dinge besser zu machen: Er konnte seinen Gesprächspartnern sofort den Eindruck vermitteln, dass er ihre Argumente aufsaugt, dass er zuhört. Und er hatte einen nicht zu schlagenden Sinn für den richtigen Zeitpunkt und die beste Taktik. Hinter der ruhigen Fassade war stets: die nächste ruhige Fassade. Annan verlor nie die Fassung und vor allem nicht den Charme, von dem er viel zu verteilen wusste. Er kommandierte mit präzisen Anweisungen ein Heer von Mitarbeitern, immer auf der Suche nach dem besten Augenblick für einen Anruf, eine Bitte, eine Forderung, einen öffentlichen Auftritt.
Im Vermittlungsgeschäft kann es entscheidend sein, welche der Streitparteien man zuerst besucht, wem man das erste Zugeständnis abringt, welche Mittelsmänner man benutzt, um die entscheidende Tür zu öffnen. Diplomatie nennt man das, und Kofi Annan wurde schnell der Diplomat der Diplomaten genannt.
Selbst als er sich nach seiner Zeit als Generalsekretär in der nach ihm benannten Stiftung engagierte, steuerten ein Büroleiter, ein Stabschef, drei Sekretäre und zwei Assistenten den innersten Betrieb, organisierten einen Kalender, in dem im Zehn-Minuten-Takt Termine vorgesehen waren und dessen ausgedruckte Fassung nicht selten drei Seiten füllte - täglich. Noch in dieser Zeit erreichten ihn bis zu 600 Briefe und 60 Einladungen zu Veranstaltungen am Tag, die Annan mit hohem Gespür für Wirkung und Wert absagte oder annahm.
Es kommt nicht oft vor, dass ein Politiker in den Stand des globalen Superhelden erhoben wird. Dass er eine Verehrung erfährt wie - man muss das Wort benutzen - ein Heiliger. "Der heilige Kofi", haben sie hinter seinem Rücken gewitzelt, oder "Der weltliche Papst". Aber da steckte mehr als nur ein Witz drin. Nelson Mandela wurde solch eine immense Verehrung zuteil. Oder Johannes Paul II.
Kofi Annan, von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen, gemeinsam mit der Organisation Träger des Friedensnobelpreises, sein Leben lang ein Diener der Völkergemeinschaft, gehörte zu dieser Liga der Polit-Heiligen. Er war ein Symbolträger für das Wahrhaftige und Erstrebenswerte, der mit der Kraft seiner Worte und der Wucht seiner Präsenz Dinge zum Besseren wenden konnte. Eine seltene Form der Macht wohnt diesem Typus inne: die Autorität des Guten.
Woher diese Autorität kommt? Charakter, Biografie, glückliche Umstände. Kofi Annan jedenfalls hatte nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine Karriere in der Welt der Diplomatie und der Staatskunst, als er nach einer Jugend in der britischen Kronkolonie Goldküste den gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Staat Ghana verließ, um in den USA zu studieren.
Als Student in den USA erlebte er das erste Mal Rassismus. Er war eher irritiert als betroffen
Kofi Atta Annan und seine Schwester Efua Atta wurden am 8. April 1938 in der Stadt Kumasi geboren, als Zwillinge, wie der Mittelname Atta bedeutet, und an einem Freitag, wie der Vorname des Jungen besagt. Die Familie zählte zur Stammes-aristokratie, seit Generationen bekleidete sie führende Positionen. Noblesse und eine gehörige Portion kolonialer Habitus, britische Weltläufigkeit und Etikette wurden ihm quasi mit auf den Weg gegeben. Dazu kam das Selbstbewusstsein, das die Menschen im ersten aus der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassenen Staat Afrikas entwickelten. Afrikas Selbstbestimmung, die gute Regierungsführung auf dem Kontinent, wurde zum Lebensthema für Kofi Annan.
Als Student in den USA erlebte er dann das erste Mal Rassismus, allerdings mehr als Zuschauer denn als Betroffener, als er im Süden aus einem Restaurant verwiesen wurde. "Ich war eher irritiert darüber. Ich war doch ein Afrikaner zu Gast in den USA, der bisher nie in der Minderheit gewesen war. In unserer Gesellschaft waren die Weißen, die Kolonialherren, in der Minderheit gewesen", sagte er in einem SZ-Interview, "es war ein seltsames Gefühl, auf einmal in der Minderheit zu sein."
Minderheit, Mehrheit - Annan gehörte in keine der Kategorien, sondern folgte einem sehr eigenen Pfad. In der isolierten Welt der Vereinten Nationen legte Kofi Annan eine Lebenskarriere hin, vom einfachen Beamten bis zum Generalsekretär, er war der Erste, der es aus dem internen Geflecht der Mitarbeiter an die Spitze schaffte. Vor der Krönung aber stand der Tiefpunkt der Karriere, als Annan unter Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali verantwortlich für die Friedenseinsätze der Vereinten Nationen zeichnete. Unter seiner Ägide ließen die Blauhelme in Ruanda und auf dem Balkan schlimme Massaker geschehen. In Ruanda kamen 1994 bei Spannungen zwischen den Hutu und Tutsi 800 000 Menschen um, in Srebrenica wurden 1995 8000Muslime massakriert.
Plötzlich hatte es einen Wert, sich mit dem UN-Generalsekretär fotografieren zu lassen
Annan hat sich später immer wieder für diese schwarze Phase entschuldigt - er hätte lauter schreien müssen. Tatsächlich aber war es die Weltgemeinschaft selbst, die durch die erste Selbstfindungskrise nach dem Zusammenbruch der Ost-West-Konfrontation ging und neue Regeln für das Zusammenleben suchte. Darf man eingreifen, wenn ein Staat seine Bürger abschlachtet? Gibt es ein Weltgewissen, und wenn ja: Spielt es nach den Regeln der USA, jener Supermacht, die nun keinen Rivalen mehr hatte?
Der Ägypter Boutros Boutros-Ghali jedenfalls war der falsche Mann, um die Vorstellungen der Regierung Clinton von einer effektiven Weltorganisation umzusetzen. Er präsidierte selbstherrlich einem dysfunktionalen und nahezu zahlungsunfähigen Apparat. Ein Fahrstuhl im UN-Hochhaus am East River in New York musste immer für ihn reserviert sein, Mitfahrer nicht erwünscht. Ein Neuer sollte also ran, Kofi Annans Stunde schlug.
In den zehn Jahren, in denen Annan an der Spitze der UN war, ging die Welt durch so etwas wie einen politischen Schleudergang. Nicht, dass die Tage heute weniger turbulent anmuten. Aber kurz nach der Millenniumsfeier prägte Annan nicht zu Unrecht den denkwürdigen Satz, man habe das dritte Jahrtausend durch ein Tor des Feuers betreten. Das war kurz nach den Terrorflügen auf das World Trade Center am 11. September 2001 und vor dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003, den Annan zu verhindern suchte und der zu spektakulären Debatten im Sicherheitsrat führte.
Nach einer kurzen Atempause nach dem Ende der Bipolarität wandte sich die Welt den neuen Schrecken zu: der Globalisierung mit ihrer ökonomischen Ungleichheit und dem religiösen Furor, dessen Markenkern zunächst al-Qaida abgab.
Überhaupt die UN und ihr Sicherheitsrat mit ihren Gesetzen von Macht und Ohnmacht. Natürlich hat der Generalsekretär keine Macht, und die Mächtigen im Sicherheitsrat bestimmen über die Dehnbarkeit des Rechts. Aber unter Annans Führung schien sich das System zu öffnen. Russland war mit sich und seinen inneren Problemen beschäftigt, China zu schwach. Die USA waren - wenn auch widerwillig - an Gefolgschaft in der Welt interessiert. Also wurde unter Kofi Annan das Recht auf humanitäre Intervention diskutiert und kodifiziert, die wohl größte Revolution in der völkerrechtlichen Praxis der jüngeren Zeit.
Selbst eine Reform des Sicherheitsrats schien nicht mehr unmöglich zu sein. Der UN-Apparat wurde schlanker und schlagfertiger, nach Irak wurden viele Krisen vor allem in Afrika schneller ernst genommen und entschärft, das Blauhelm-System bewährte sich, und Prominente wie Bono, Angelina Jolie oder Bob Geldof suchten die Nähe der UN und ihres Generalsekretärs, weil es plötzlich einen Wert hatte, wenn man sich für die gute Sache und mit ihm fotografieren ließ.
Zu diesem Zeitpunkt begann Kofi Annans Aufstieg zur moralischen Institution. Seine Entwicklungsagenda, gebündelt unter dem Schlagwort "Millenniumsziele", und die Anti-Aids-Kampagne der UN zeitigten erste Erfolge. Die Reform des Apparats wirkte. Und der Mann mit seiner unermesslichen Schaffenskraft näherte sich dem in Deutschland nicht selten ersehnten Idealbild eines benevolenten Weltenherrschers.
Den Nimbus gestärkt hat auch die Wahl des Nachfolgers, des blassen und wenig effizienten Koreaners Ban Ki-moon. Annans Stern schien plötzlich noch heller. Wenn sich Besucher in seinem Büro dem stets perfekt gekleideten und distinguierten Annan näherten, musste er immer häufiger das Eis brechen - zu groß wurde die Ehrfurcht. "Nein, ich bin nicht Morgan Freeman", versicherte er dann seinen Gästen, man könne ganz entspannt bleiben. Die Ähnlichkeit mit dem Schauspieler war tatsächlich frappierend. Kurz nach Ende seiner Amtszeit bei den UN verlangte ein italienischer Barmann nach einem Autogramm, er war überzeugt davon, dass es sich um Morgan Freeman handele. Annan wollte ihn nicht enttäuschen und unterschrieb mit Kofi Freeman. "Immerhin, keine Lüge", sagte er hinterher trocken.
Auf die Frage, ob er nicht müde werde, den Sisyphos zu spielen, sagte er: Einer muss es versuchen
Ein freier Mann aber wollte Annan nie werden. Als er aus dem Amt schied und bald darauf die nach ihm benannte Stiftung ins Leben rief, war seine Bestimmung vorgegeben: Die Welt brauchte einen Advokaten für das Gute, den Don Quichotte im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Missbrauch. Denn davon gab es leider genug. Rastlos umrundete er die Welt, zu Hause war er mehr im Flugzeug als in seiner Genfer Wahlheimat.
Eines Tages schlenderte er samt Entourage durch Stockholm auf dem Weg zu einem Festakt beim schwedischen König, als eine große Reisegruppe aus Asien Annan entdeckte und wild belagerte. Annan wich zurück, man flüchtete in ein Gebäude, das sich als Museum der Nobelpreisträger entpuppte. Es war ein Zufall. Der Kassierer war nicht weiter beeindruckt und klärte Annan über die Regeln auf: Preisträger und deren Ehegatten haben freien Eintritt, der Mitarbeiter aber müsse zahlen. Annan ging hinein, man schaute sich eine seiner alten Reden auf Video an, trank einen Kaffee, als die Museumsdirektorin erschien, in der Hand einen dicken Filzstift. Ob Kofi Annan wohl auf einem Stuhl unterschreiben könne? Annan war verdutzt, aber die Frau drehte ein Möbelstück auf den Kopf. Tatsächlich haben fast alle Friedensnobelpreisträger auf der Unterseite der Sitzfläche ihr Autogramm hinterlassen.
Benedikt Franke war damals der Mitarbeiter, der zusammen mit Annan im Museum der Nobelpreisträger strandete. So wie alle Mitarbeiter aus dem Kosmos Annans ist er voller Geschichten und Bewunderung für den Chef von einst. Ein gewaltiges Netzwerk ist so entstanden, Kofiisiten, zu Hause auf der ganzen Welt.
Franke, der heute die Arbeit der Münchner Sicherheitskonferenz steuert, konnte sich umgekehrt immer der Loyalität Annans sicher sein. Noch im Februar redete Annan auf der Münchner Tagung, so wie er Dutzenden anderen Initiativen mit seiner Präsenz Glanz verlieh, Anschub gab oder überhaupt erst zum Leben verhalf. Bewässerungssysteme in Afrika, Mikrokredite, Frauenrechte, Menschenrechte oder der Vorsitz bei "The Elders", einem losen Zusammenschluss altgedienter Staatsfrauen und -männer, den man mit einem Komitee der Weisen vergleichen kann. Annan war ihr Sprecher.
Ob er denn jemals müde werde, den Sisyphos zu spielen, wurde Annan vor wenigen Jahren gefragt? "Ich liebe es nicht, aber einer muss es versuchen. Denn wenn man aufgibt, dann ist alles verloren." Ein andermal sagte er: "Wenn du ein Träumer bist, musst du eine Sache wissen: Wann bist du wach, und wann schläfst du." Am Samstag ist Kofi Annan nach kurzer Krankheit in der Schweiz gestorben.
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