Wie Unternehmen für Flüchtlinge kämpfen
- Die aktuelle Flüchtlingsdebatte wird dominiert von Härte, überlagert von Problemfällen und Schwierigkeiten.
- Das ist allerdings nicht das ganze Bild. Viele Menschen bemühen sich um Solidarität und Gemeinsinn und versuchen, Geflüchtete hierzulande zu integrieren. Darunter auch viele Unternehmer.
- Die SZ hat mit einigen von ihnen über ihre Erfahrungen und Probleme gesprochen und erfragt, warum und wie sie sich jetzt organisieren.
Betrüger, Straftäter, Gefährder - in der aktuellen Diskussion um die deutsche Flüchtlingspolitik dominieren die Problemfälle und der Ärger über die Schwierigkeiten. Gelungene Integration, kleinere und größere Erfolge - darüber spricht kaum noch jemand. Stattdessen dominierte ein Streit in der Bundesregierung über Zurückweisungen an der Grenze wochenlang alle anderen Fragen.
Die Wirklichkeit in Deutschland ist damit aber nicht komplett abgebildet. Zu ihr gehören auch Erlebnisse, Erfahrungen und Geschichten, die nicht von Verbrechen erzählen, sondern von Solidarität, von Gemeinsinn und dem sehr pragmatischen Bemühen, Geflüchtete aufzunehmen.
Für solche Geschichten sorgen nicht nur Flüchtlingshelfer und Nichtregierungsorganisationen. In Baden-Württemberg sind es derzeit vor allem größere und kleinere Unternehmer, die mit einer außergewöhnlichen Initiative ein anderes Bild der Gesellschaft zeichnen.
Es sind Hoteliers und Brauereibesitzer, Textilunternehmerinnen und Friseurinnen, die sich für Geflüchtete einsetzen. Sie alle haben einst den Ruf der Politik, den Ruf der Kanzlerin ernst genommen und Flüchtlinge in ihre Betriebe geholt. Jetzt wollen sie mit einer Kampagne und offenen Briefen verhindern, dass diese Menschen wieder gehen müssen.
Mehr als achtzig Unternehmen haben sich dem Aufruf angeschlossen, darunter Familienbetriebe mit Hunderten Mitarbeitern, aber auch Selbständige, die nur drei bis fünf Menschen Arbeit geben.
In einem Brief an den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) rufen sie dazu auf, diesen Mitarbeitern ein Bleiberecht zu gewähren, statt sie ausgerechnet jetzt einfach abzuschieben. Letzteres erleben sie nicht selten als Provokation: "Wir verurteilen es, dass Auszubildende auf Anweisung der Behörden von der Polizei in der Berufsschule oder beim Arbeitgeber abgeholt und in Abschiebehaft genommen werden."
Die Autoren betonen, dass sie dem Ruf der Politik gerne gefolgt seien, auch wenn das oft mit einem "hohen bürokratischen Aufwand" verbunden sei. Nichts helfe bei der Integration aber mehr als ein sicherer Arbeitsplatz. Außerdem sei die Schaffung von Arbeitsplätzen ein wichtiger Beitrag, um "dem Anstieg der Kriminalität und der Ausländerfeindlichkeit entgegenzuwirken".
Die Unternehmer werden nicht nur von einem großen Herzen angetrieben, sondern auch von ihrem nüchternen ökonomischen Verstand geleitet. Im Südwesten Deutschlands herrscht wie in Bayern in vielen Regionen Vollbeschäftigung; deshalb sind sie der Überzeugung, dass ein kluges Bleiberecht für ihre Mitarbeiter auch gegen einen dramatischen Arbeitskräftemangel helfen kann. "Die eingestellten Geflüchteten stellen genau die anzulernenden, angelernten und auszubildenden Arbeitskräfte dar, die wir benötigen."
[...]