ZEIT ONLINE: Es kommt also nicht unbedingt zu Geschlechtsverkehr – wohl aber zu sexuellen Handlungen. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass Politiker wie Karl Lauterbach von der SPD von "Prostitution" sprechen?
Paulsen: Für mich persönlich unterscheidet sich die Sexualassistenz von der Prostitution durch die Qualifikation der Kollegen. Sie haben sich auf Menschen mit körperlich-geistiger Behinderung oder Senioren spezialisiert. Außerdem ist die klassische Prostitution nicht auf die empathische Ebene ausgelegt.
Sexualität wird häufig tabuisiert, vor allem bei alleinstehenden alten und dementen Menschen. Es wird so getan, als ob es sie nicht gäbe. Das stimmt aber nicht. Bedürftige, Alten- und Pflegeheime könnten sich an Bordelle wenden, trauen sich das aber nicht. Ist das jetzt Förderung der Prostitution oder Zuhälterei? Hier fehlt es tatsächlich an klaren Regeln. Die Unsicherheit ist groß.
[...]
ZEIT ONLINE: Gibt es Belege – Studien oder belastbare Umfragen – dafür, dass sexuelle Assistenz den Kunden hilft, etwa der Gesundheit förderlich ist?
Paulsen: Auf jeden Fall. Die
Diplompsychologin Kirsten von Sydow hat mehrere Studien zu den Vorteilen von selbstbestimmtem Sex bei Pflegebedürftigen veröffentlicht. Ein weiteres Stichwort ist Inklusion: Das Recht auf Selbstbestimmung von Alten und Behinderten ist im Grundgesetz verankert. Wenn ältere Menschen an Mobilität verlieren und nicht mehr aus ihrer Wohnung kommen, halte ich Sexualassistenz für ein probates Mittel, um in Kontakt zu kommen und sich selbst zu bestimmen.