Nasenhaarzupfer
Half-man, half-amazing
Radiohead - A Moon Shaped Pool
Jede überlebensgroße Kombo hatte einst eine goldene Hochphase die irgendwann endete. Led Zep's Herrschaft war nach Physical Graffiti Geschichte & eine neue Ära begann mit Presence. 6 Jahre lang produzierten Page & Co. Diamanten, danach kam nicht mehr so viel. Black Sabbath's Zenit deutete die Mob Rules in 83' an, Queen's Ende war irgendwann in den 80ern mit LP's wie Hot Space & Flash Gordon. Stones = Exile. Ramones = It's Alive. Und so weiter. Die nachfolgenden Veröffentlichungen erreichten nie das bereits dargebotene.
Ich höre Radiohead mein halbes Leben. Das ich damit keine einzigartige Schneeflocke bin ist mir klar. In dieser langen Zeit veröffentlichten sie bis auf The King of Limbs ausschließlich fantastische LP's. Sachen wie Ok Computer & Kid A führen seit gefühlt zwei Dekaden die willkürlichsten Ranglisten an. Noel Gallagher meinte mal vor ein paar Jahren das Yorke in eine Glühbirne scheißen könnte und es dafür 9/10er regnen würde. Sehen mit Sicherheit einige so. Trotzdem bleibt der Output von 95'-07' für mich der qualitativ durchgehend hochwertigste Lauf der Musikgeschichte. Auch weil die Band stets bewies das man spät im Karriereverlauf noch kreative & fesselnde Soundlandschaften kreeiren kann.
So bietet auch A Moon Shaped Pool wieder seinen ganz eigenen, andersgearteten Kosmos. Ein beruhigende, fast ambient anmutende, pop orientierte Abhandlung vorheriger Werke.
Bevor ich dem neuesten Machwerk lauschte musste ich mich nochmal durch den bisherigen Backkatalog reinpfeffern. Begonnen bei Pablo Honey, dem generischen Alternative Verschnitt der so verzweifelt versuchte in den frühen 90ern Fuß in der Szene zu fassen. The Bends, der warmherzige Nachfolger der es einen leicht machte ihn zu mögen. Schon ein Kunstwerk bei diesem Sound. Danach reifte die Band wie Wein. Evolution durch OK - Kid A - Amnesiac. Die Abfolge wird schon mal gerne als die größte menschliche Errungenschaft seit der Elektrizität abgefeiert. Ok Computer bot einen hohen künstlerischen Anspruch der durch eine atmosphärische Produktion getragen wurde & hatte dennoch eine mutierte Form der Radiofreundlichkeit die delektabel war, jedoch nichts ähnelte was man im Radio tatsächlich hörte. Kid A/mnesiac zementierten anschließend Radioheads Reputation als Musiker & Magier indem man das eperimentelle von OKC mit elektronischer Musik paarte. Mit Hail to the Thief dann der Blick in den Rückspiegel, nahm von jeder Biegung ein paar Momentaufnahmen mit. In Rainbows wurde ähnlich konstruiert, jedoch mit mehr Anleihen an die alternativen Ursprünge. Quasi ein gespannter Bogen auf The Bends. The King of Limbs betrat weiter den zuvor eingeschlagenen IDM Pfad. Und nun also A Moon Shaped Pool, das die goldene Ära weiterführt die vor über 20 Jahren begann.
Die Aura unterscheidet sich grundsätzlich von den bisherigen Werken, hat aber immer noch genug Radiohead Mojo intus um es als solches zu erkennen. Es wird eröffnet durch die altbekannte elektronische Produktion und wird getragen durch die selbe einnehmende kryptische Präsenz die bereits vor so vielen Äonen fesseln konnte. Yorke ist immer noch so wandlungsfähig wie zu Paranoid Android Zeiten. Radiohead drehen hier jedoch von jedem Genre ab das sie bisher kannten und zeigen eine ambiente Form des Art Pop, untermauert durch eine emotionale Atmosphäre & einer neuen Seite der Münze. Es ist als würden sie eine neue Ära einleuten, eine zweite, goldene Ära. Wie bereits erwähnt behalten sie jedoch einige Elemente bei die sie so ungewöhnlich machten. Es war eigentlich nie das Genre das diese Band zu dem machte was sie heute ist sondern vielmehr die Mentalität.
All das kann gefunden werden in dem sehr soften Daydreaming oder dem noisigen Burn the Witch. Decks Dark verkörpert alternative Eigenschaften der Konventionalität ohne dabei überhaupt alternative zu wirken. Diese Typen sind Experten der Aura. Allein anhand der ersten drei Tracks erkennt man viele Eigenschaften einer perfekten LP. Ich dachte mir schon nach 3 Durchläufen "das ist meine bevorzugte Radiohead Form". Desert Island Disk ist einer meiner Fave's wegen des Acoustic Sounds. Ful Stop bietet den Elektro der frühen 2000er & klingt dabei doch so ganz anders. Ziemlich bowieesque sogar. Glass Eyes ist ein weiteres produktionelles Schwergewicht das mit einem Piano auf die wundervollste Art umher tollt bis es umkippt. Sehr viel low-tuniger ist Identikit ausgefallen das durch einen Yorke Vocal Choir fantastisch abhebt. Jeder Song unterscheidet sich von dem vorherigen. Das Sombre/Lush Thema wird jedoch nie aufgebrochen. Und alles fügt sich so. gut. ein. Eine Verschmelzung der Schönheit. Gitarren, Stimmen, Produktion, Songs, alle Zutaten schweben mal wieder in den höchsten Gefilden & flowen makellos auf ein malerisches, nahezu perfektes Ende zu.
Am Ende könnte das 9. Studioalbum von Radiohead eins meiner Lieblinge werden. Mir gefällt dieser partielle Atmo-Pop sehr, vielleicht auch weil er so überraschend kam. Ich kann ebenfalls kaum abwarten was als nächstes kommt. Es ist erstaunlich wie eine so alte Band noch Platten veröffentlichen kann die dem Zeitgeist entsprechen & den Sound der Zeitlosigkeit gepachtet haben. Jedenfalls hoffe ich das diese goldene Ära noch nicht zuende ist.
