Kanye West - The Life of Pablo
Kanye Reviews sind wie entgleisende Züge. Kein Kritiker Darling der letzten 10 Jahren (Joanna Newsom vielleicht mal ausgenommen) lädt mehr zu ausschweifenden Lobpreisungen oder eben dem absoluten Gegenteil ein. Viele lieben ihn, viele können ihn nicht ausstehen. Was jedoch alle vereint ist die Fassungslosigkeit die dahinter steckt.
So weit so fein, theoretisch. Intuitive Bestürzung ist zumindest interessant. Sobald ein Künstler unerschütterlich bestimmende Reaktionen auf beiden Seiten hervorruft macht er zumindest etwas gewichtiges. West's gröbsten Dislikewert muss man nicht lange suchen, das ist natürlich seine (öffentliche) Persönlichkeit. Diese macht sich teilweise auch in seinen Lyrics bemerkbar, jedoch nicht in seinem Sound. Selbst musikalisch aufgeklärte Schlaufüchse wollen deshalb oft das Talent nicht anerkennen das diese Samplerei erfordert. Er ist einfach der größte Arsch des Jahrzehnts & daran kann nichts etwas ändern.
Mein erster Kanye Kontakt war 2001. Jay-Z's
Blueprint. Diese Beats. Never Change, Heart of the City, Takeover, Izzo. Ich verstand kaum ein Wort, aber das war der Moment indem ich mich in das Genre verliebte & dachte jedes schwarze Baby wird mit Rhythmus im Blut geboren. 4 Jahre später folgte sein Debut. Großer Gott, ich liebe diese LP. 2004 war ein alptraumhaftes Jahr & dieses ausgeklügelte, schrullige Machwerk erschien wie ein Monolith zu dieser Zeit. Lyrisch war er stets der Typ des leichten Humors, auf
The College Dropout jedoch wurden reale Sachverhalte durchdacht & profund dargestellt, garniert durch atemberaubende Melodien. Sein Gesang flektierte Worte in einer Art die das Herz innerhalb eines Zuckens ergreifen konnte. Das Artwork zeigte einen auf der Bank sitzenden Bären und genau so klang auch die Musik. Quasi der Soundtrack meiner Jugend.
Seine Farbpalette stieg in der Folgezeit weiter an, sein textlicher Realbezug machte jedoch einen Schritt zurück & damit auch die Subtilität seiner Musik. 2010's My Beautiful Dark Twisted Fantasy bot immer noch die flüchtige Verletzbarkeit von "Family Business" oder "Hey Mama", jedoch stets zerrüttet durch Ego Schutzmaßnahmen.
@*runaway* 's (Ja, so heißt nunmal der Song) "i don't know how I'mma manage, if one day you just up and leave" folgte ein "I sent this bitch a picture of my dick".
In 2013 war dann schlußendlich keine Menschlichkeit mehr vorhanden.
West kalkuliert seine Produkte um ein Interesse zu bewahren. Die Schwaflerei darum wie er "Erwartungen erschüttert" ist nur Krach. Seine Alben folgen mit der Ausnahme von
Watch the Throne einer logischen Abfolge:
Bescheidenes Debut
Durchdachter Nachfolger
Der unambitionierte Schritt zur Seite
Das Warm-up für etwas was noch niemand kommen sieht
Ein Magnum so Opus wie das Leben
Der komplette Wechsel in die Grotesque
Welche Erwartungen kann man aber auch an jemanden stellen der zu Beginn Zugriff auf Typen wie Talib Kweli & Jay-Z hatte und kurz darauf mit Bon Iver und Andre 3000 anbandelte? Wenn einer mit
dieser Singstimme seine Karriere starte sollte er mindestens überlebensgroß werden oder gleich zuhause bleiben. Solche Typen regen per Definition keine untergrabenden Aussichten an. Das macht Taylor Swift. Haha.
Wie auch immer. Genug Vorgeplänkel. Wahrscheinlich habe ich eh nur wieder die unverständliche Hälfte von dem getippt was ich dachte. The Life of Pablo beschreitet durch die Verschmelzung seines frühen Gospel-Hop's mit der fokussierten Groteskheit von
Yeezus einen weiteren logischen Schritt. Dieses Ding ist sein am riskantesten arrangiertes Album. Das betrifft nichtmal die Abfolge. Das nutzlose "Low Lights" kickt das Momentum an dem die ersten fünf Songs so hart schufteten im Vorbeigehen um. Nein, ich meine die revolvierenden Klangtüren aus Sounds & Samples & Instrumenten & Beatwechseln. Ständig schlägt ein Haken den nächsten und verzwirbelt sich dabei irgendwo in der Abwärtsspirale. Dabei fühlt es sich nie nach einem Gimmick an. Selbst wenn die Strukturen oder Worte zu wünschen übrig lassen kann mann sich in dieser schieren Kollektion aus Klängen & Farben aalen.
In seinen besten Momenten fühlt sich TLoB dadurch "out of time" an, erweckt eine vertraute Atmosphäre und erreicht dadurch ein verblüffendes Level. Rihanna's Vortrag von
"i just wanted you to know, i loved you better than your own kin dearrrrr" sowie der Nina Simone Soundfetzen kurz nachdem Sisters Nancy's
"Bam Bam" zerfetzt wurde gehören wohl zu den schönsten Momenten der LP. Sobald Kanye Miss Simone samplet horcht man sowieso auf.
Weitere Ohrenschmauser: Die satanistische Stringline von Freestyle 4, das Highwaymomentum des ansonsten faden "Fade" (der mit Abstand schwächste Song). Irgendjemand sollte dem Track den Beat klauen und unter "I Love Kanye" werfen. Das rohrende Loop von "Feedback", lauter als jeder aktuelle Rock Song garniert durch die direkteste hier zu findende Hook. Der Aha-Effekt von "i know it's corny bitches you wish you could unfollow / i know it's corny niggas you wish you could unswallow" aus "Wolves". Ein sonisches Second-rate "On Sight" mit einer "New Slaves" Parallele. Frank Oceans Fey Outro wäre der PERFEKTE Closer. Oh, und der Madlib Schulterschluss. Fantastisch. Alles was man sich darunter vorstellen & wünschen kann steckt dahinter.
Manche Songs sind auf lyrischer Ebene ziemlich bescheiden. Banales Wordplay trifft zuweilen auf nichtsnützige Teases. Aber selbst die die Second-Tier Nummern bieten noble Versuche die Ohren zu unterhalten. Zu gut sind die Leute die sich hieran beteiligt haben um etwas richtig schlechtes abzuliefern.
Als Result steht ein Album das mit seiner besten Arbeit konkurrieren kann. Zumindest im Sound. Für die Songs gilt das nicht. Ultralight Beam erreicht zB. das Klimax in dem Moment als der Chor antritt und versucht das für Plateau für weitere 4 Minuten zu halten. Melodisch ist das so reich texturiert & melodisch beeindruckend wie das beste aus seinem restlichen Katalog. Inhaltlich jedoch nur bedingt spannend. Selbst wenn die Exekution seiner Ideen von 2004-2010 weitaus besser gelang als hier ist klar: Jeder der versucht die Barrieren populärer Musik zu brechen sollte salutiert werden.