http://www.amazon.de/Kastelau-Roman-Charles-Lewinsky/dp/3312006309
Habe letzte Woche „Kastelau“ von Charles Lewinsky gelesen. In diesem Buch geht es um eine UFA-Filmcrew die gegen Ende des zweiten Weltkrieges unbedingt aus Berlin raus will und bis zum Ende des Krieges in einem abgelegenen Bayerischen Bergdorf ausharren wollen. Klingt jetzt nicht sonderlich spannend oder unterhaltsam, aber die Kritiken (Buch kam vor ca. 1 Jahr raus) lobten die Geschichte. Jedenfalls habe ich es mal gekauft.
Während man vom Buchrücken von einem normalen Roman ausgehen kann (beginnt in den 40ern in Berlin und endet mit dem zweiten Weltkrieg in Kastelau), hat sich der Autor einen kleinen Kniff einfallen lassen: Es gibt insgesamt drei Zeitebenen: Zum einen geht es um den jungen Amerikaner Samuel A. Saunders, welcher in den 80ern Jahren seine Dissertation über die letzten - nie mehr vollendeten - Filme des Naziregimes schreiben will. Dieser kommt dann in einer Bar mit der Besitzerin „Titi“ in Kontakt. Tiziana Adam hatte zu Zeiten des Naziregimes einige kleinere Rollen inne. Und sie erzählt Saunders dann von den fiktiven Dreharbeiten in Kastelau. Im damaligen Ensemble war auch Werner Arnold dabei. Dieser wurde nach dem zweiten Weltkrieg in Hollywood berühmt (dann allerdings unter dem Namen Arnie Walton) und erhielt sogar einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk sowie seiner Rolle im Widerstand gegen die Nazis plus einen Stern auf dem Walk of Fame. In seiner Biografie „From Berlin to Hollywood“ hat er sich zum Helden des Widerstand gegen das Hitler-Regimes geschrieben und wurde zu einem Star. Allerdings war in den letzten Monaten einiges anders, als Arnie Walton dies sich schön geschrieben hat…
Der Filmhistoriker Saunders entdeckt schon früh einige Ungereimtheiten und stösst auf einen Skandal, kann mit den Erkenntnissen aber nichts anfangen, weil der berühmte Walton mit seinen Anwälten die Publikation der Dissertation verhindert. Nach vielen Entbehrungen und kurz vor seinem finanziellen Ruin, geht er gleich zu Beginn des Buches mit einer Spitzhacke auf den Stern von Arnie auf dem Walk of Fame los. Und wird – USA-mässig – von einem Polizisten erschossen. In seiner Hinterlassenschaft findet man sein Konvolut über seine Dissertation, mit Interviews, Notizen, Briefe, Tagebücher, Fotos etc. Dieses wird dann als Art Dokumentation in diesem Buch aufbereitet. Alles ist aufbereitet, die 13 deutschen sowie 19 amerikanischen Filme von Werner Arnold bzw. Arnie Walton, Wikipedia-Einträge etc.
Vor allem zu Beginn dachte ich ein paar Mal, ob das nun eine fiktive Geschichte ist oder nicht (ist fiktiv). Alles könnte so schon vorgefallen sein und Lewinsky schafft eine eigene Welt, mit den Fussnoten, den verschiedenen Filmnamen und so fort. Atemberaubend, wie auf dem Cover Werbung gemacht wird, ist es dann aber dann trotzdem nicht. Ein guter melodramatischer Roman mit Humorigen Einlagen, die aber oft bitterböse sind. Auf das Buch muss man sich einlassen können, es kommen viele Protagonisten vor, vieles (vor allem in Interviews) wird nur angedeutet und der Ausgang ist eigentlich schon von Beginn an klar (jedenfalls im Grossen und Ganzen). Alles Dinge, um die ich ansonsten einen Bogen mache. Aber das Buch zieht einem nach einer gewissen Zeit unheimlich in einen Bann. Tolles Buch!
8/10