God of War (PS4)
An dieser Stelle möchte ich mein Fazit niederschreiben, auch wenn ich gewiss noch weitere 10-20 Stunden bis zur Platin-Trophäe benötigen werde. Dennoch: Die Mainstory sowie alle verfügbaren Nebenquests habe ich auf Hard abgeschlossen, an die 35-40 Stunden dürfte ich auf dem Buckel haben. Und oh boy (BOY!), was waren das für Stunden.
Vorab: Ich komme nicht drumherum, bei gewissen Punkten ein bisschen zu spoilern. Ich versuche es aber möglichst zu vermeiden und eklatante Spoiler nicht auszuformulieren. Trotzdem gilt: Wer gar nichts wissen will, liest hier nicht weiter.
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God of War ist ein Meilenstein der Videospielgeschichte und nicht weniger als eines der besten Spiele dieser Generation. Allen Bedenken im Vorfeld zum Trotz hinsichtlich der Neuausrichtung, der Wiederbelebung der Marke und dem Stirnrunzeln in Bezug auf Atreus, die Axt und Kratos' Bart haben Cory Barlog und sein Team bei Sony Santa Monica das Unmögliche geschafft: Kratos würdig in eine neue Trilogie gehievt. Und wie!
Es ist quasi egal, welchen Aspekt man sich aus zu bewertender Sicht herauspickt. Ob Grafik, Musik, Sound, Charaktere, Spielwelt, Geschichte, Artdesign, Kampfsystem: alles kann nicht minder und muss als meisterhaft und referenzwürdig betitelt werden. Was dem Spieler hier für ein Production Value präsentiert wird, sucht seinesgleichen. Ich hatte keinen einzigen Absturz, keinen einzigen Bug oder Glitch. Das muss man bei Videospielen im Jahr 2018 irgendwie schon positiv hervorheben.
+ Es ist vor allem ein technisches Meisterwerk. Es ist neben Uncharted 4 und Horizon Zero Dawn nicht nur das hübscheste und grafisch opulenteste Spiel, es schafft diese gewaltige Bildpracht auch noch ohne eine einzelne Ladezeit und ohne eine einzige Schwarzblende. Alles geht fließend ineinander über, jedes Gebiet, jeder Kampf, jede Zwischensequenz. In 4K, HDR und ohne nennenswerte FPS-Drops. Dies gepaart mit der dazu noch offenen und großen Spielwelt und den monumentalen Setpieces ist eine irrsinnige Leistung.
+ Der fließende Übergang und die "No-Cut"-Technik sind für mich auch weit mehr als nur ein Gimmick. Es intensiviert die Immersion, es wirkt natürlich und deshalb persönlich, es macht die Geschichte um die Reise und die Charaktere so viel greifbarer. Und wenn man im Kontext der grafischen Opulenz als Spieler teils nicht weiß, ob man gerade spielt oder eine Sequenz läuft, dann macht ein Spiel verdammt viel richtig.
+ Umgarnt wird all dies natürlich von der atemberaubenden Kulisse. Ich weine Griechenland keine Träne mehr nach, dieses nordische Setting ist gewaltig, wunderschön und perfekt ausgearbeitet. Die Götter, die Riesen, der See der Neun, der Weltenbaum. Alles raubt einem regelmäßig den Atem, und ich habe mich selten so oft intensiv in einer Spielwelt verloren wie hier. Sei es der schneebedeckte Berg, über dessen Hänge der eiskalte Wind fegt, oder das wiesengrüne Gebirge im Osten, das mit seinen in Stein errichteten Bauten aus dem Herr der Ringe Universum stammen könnte, oder die Welt von Alfheim, bei der einem beinahe Augen schmelzen.
+ Höhepunkt neben alledem ist die Story. Und damit meine ich gar nicht unbedingt den primären Handlungsstrang, sondern die gesamte Erzählung um Kratos und Atreus und wie sie präsentiert wird. Das fängt bei der Vater-Sohn-Beziehung und ihren ganz menschlichen Problemen an, entfaltet sich weiter im kindlichen Leichtsinn und der Neugier von Atreus, und gipfelt in emotionalen, mal lustigen, mal streitigen und ernsten Auseinandersetzungen in und abseits der eigentlichen Geschichte. Kratos, Atreus und Mimir harmonieren perfekt, die Schreiber haben ganze Arbeit geleistet, vor allem auch während des eigentlichen Spielens wunderbar begleitende und kontextsensitive Dialoge zu kreieren. In Bezug darauf verweise ich gerne auf den Epilog von Jörg Luibl bei 4players, der dieselbe Begeisterung für das Storytelling in God of War teilt:
+ In der Story gibt es dann auch die Momente, die einem lange in Erinnerung bleiben und einfach nur staunend zurück lassen. Es gibt einen "FUCK YEAH"-Moment, bei dem hatte ich die Gänsehaut meines Lebens. Brillant eingeleitet, ausgeführt und präsentiert. Jeder, der so weit ist, wird wissen, welches Momentum ich meine.
+ Die Musik von Bear McCreary ist grandios. Man kennt die Leitmotive der alten Trilogie, aber man vermisst sie hier nicht. Stattdessen werden neue eingeführt, die sich einbrennen. Das neue Main Theme ist fantastisch, ebenso wie das melodisch und gesanglich wundervolle Leitmotiv für Atreus' Mutter. Der Soundtrack ist episch, düster, gefühlvoll und instrumental sowie gesanglich mit nordischen Chören perfekt abgestimmt. Wenn die musikalische Dynamik in Kämpfen oder spannungsgeladenen Situationen anzieht, wird jeder Axthieb umso kräftiger.
+ Die deutsche Lokalisierung ist vorbildlich und einmalig gut. Man hätte bei Kratos und Atreus so viel versauen können, aber die deutschen Sprecher sind perfekt gewählt. Selbiges gilt für die gesamte Riege von Sprechern aller Charaktere im Spiel. Darauf kann man sich bei Sonys First-Party Spielen echt verlassen.
+ Highlight des Spielens ist das Kampfsystem, das für mich ab jetzt zu einem der besten seines Genres zählt. Es entwickelt eine komplexe Tiefe aus Kombos, Parieren, Schild-,Faust-, Runen- und Waffentechniken. Erlaubt Nah- und Fernkampf. Bietet und belohnt defensives wie offensives Agieren gleichermaßen. Es etabliert mit der Axt und ihrer Mechanik aus Wurf und Rückwurf mal eben eine der coolsten Waffen aller Zeiten. Jeder Kampf ist auch nach 40 Stunden immer noch die pure Freude, wenn man einen Schlag erfolgreich mit dem Schild pariert, den Gegner zurückschlägt, ihm die Axt hinterher wirft, ihn in die Luft schleudert, sprintet, die Axt fängt und sich mit einer der zahlreichen Runenfertigkeiten auf ihn stürzt. Dazu der vibrierende Impact am Controller und die Choreographie auf dem Bildschirm. Zucker. Einfach nur Zucker.
+ Positiv überrascht hat mich zudem der optionale Content. Als ich hörte, dass es Nebenquests, Crafting und Sammelkram geben soll, war ich stutzig. Aber die Sorgen waren umsonst: Wer sich abseits der Hauptstory in der Welt umsieht wird belohnt mit wunderschönen optionalen Gebieten, Dungeons und Erzählungen, welche die Beziehung zwischen Kratos und Atreus vertiefen und darüber hinaus weitere interessante Einblicke in die nordische Mythologie gewähren. Und für die traditionellen GoW-Fans gibt es auch wieder Arenen und die Challenge of Gods.
+ Damit komme ich auch zum Umfang: 40+ Stunden in einem God of War? Wären es doch noch so viele Stunden mehr! Die Zeit verging wie im Flug, das Pacing ist perfekt, der optionale Content wunderbar integriert. Klar, wer strikt dem roten Faden folgt, ist vergleichsweise schnell durch (15-20 Stunden?), aber grundsätzlich bietet das Spiel verdammt viel mehr: Andere Welten wollen erkundet werden, knackige Bosse wie die Valkyrien liefern die ultimative Herausforderung, das Level- und Rüstungssystem lockt mit immer noch besserer Ausrüstung, optionale Gebiete bergen weitere Rätsel und Belohnungen. Und überall warten weitere Dialoge zwischen den Charakteren, weiteres Wissenswertes über das Universum.
o Und doch liefert das neue God of War nicht alles, was es im Spielverlauf ankündigt. Das ist für mich weder positiv noch negativ, da man seitens SSM sicher noch nicht alles verpulvern wollte/konnte und da man immerhin erzählerisch und über Wandbilder einiges Wissen anreichert. Gewisse prominente Charaktere der nordischen Mythologie werden zwar immer wieder prominent erwähnt, zu sehen bekommt man diese aber trotz des erzählerischen Aufbaus während des gesamten Spiels nie. Eine elegante und kluge Lösung war es trotzdem, Mimir als Geschichtenerzähler einzubauen. Was aber nicht klug war und schon eher Richtung "dick move" geht, ist die Tatsache, das dem Spieler via der Welten-Karte im Weltenbaum alle neun Welten angezeigt werden und er sie sogar anwählen kann - er aber de facto am Ende nicht in alle Welten reisen darf. Hätte man besser lösen können.
o Apropos "dick move". God of War endet mit gewaltigen Cliffhangern, die einem am Ende staunend, begeisternd, nachdenklich und sehnsüchtig auf mehr zurücklassen. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Deutlich ist jedenfalls, dass definitiv eine neue Trilogie ansteht. Dieser Teil wirkt in der Gesamtbetrachtung also in gewisser Hinsicht wie eine große Exposition.
o Die Bosskämpfe gelten für manchen Spieler da draußen als einen der wenigen Kritikpunkte da draußen, weil sie unterm Strich nicht mehr die gigantischen und überwältigenden Ausmaße vorheriger Teile annehmen. Es gibt kaum mehr QTEs, keine Kletter-Passagen oder grundlegende Phasenwechsel mehr. Denkt man an einen Chronos aus God of War 3 zurück, auf dessen Unterarm man Gegnerhorden besiegt hat, dessen Nase man erklommen und dessen Fingernägel man herausgerissen hat, so wird man bei God of War enttäuscht. Entlohnt wird man hingegen mit deutlich intensiveren und persönlicheren Auseinandersetzungen, die an klassische 1v1 Duelle erinnern und für mich eine ausreichend spannende Abwechslung geboten haben.
Bei all dem Lob bleiben kleinere Kritikpunkte, die ich während des Spielens aber nie als großartig störend empfunden habe und die ich in einem Nachfolger eher als potenzielle Ansätze für Verbesserungen sehen würde:
- Die Trolle als Mini-Bosse wiederholen sich ein- bis zweimal zu oft. Später im Spiel habe ich mich einmal dabei erwischt, kurz sogar enttäuscht zu sein, als klar wurde, dass der "Wächter" der Welt doch wieder nur ein Troll ist (und nicht das "große Etwas" im Hintergrund). Ein oder zwei andere "große" Gegnerarten dieser Art wären cool.
- Ähnliches gilt für die R3-Finisher-Moves. Klar, es gibt bei jeder Gegnerart eine eigene Ausführung des Finishers, aber gerade bei einem Spiel dieses Umfangs und entsprechend vielen Kampfsituationen hätte man hier noch mehrere Varianten anbieten können.
- Ich bin kein Freund von Sammelkram und mag es nicht, wenn mir prozentuale ToDo-Listen vorgelegt werden, wie hier auf der World Map. Wobei ich das wenigste davon überflüssig fand und es insgesamt weit weniger schlimm war als ich befürchtet hatte. Einzig die Raben hätte man sich sparen können, denn die bieten keinerlei erzählerischen Mehrwert.
- Die World Map ist generell etwas schwer zu lesen. Über den grafischen Stil kann man streiten, sonderlich präzise in ihrer Ausführung ist sie allerdings nicht.
Und mehr fiele mir aus kritischer Sicht schon gar nicht mehr ein. Das spricht dann letztlich auch für sich. Denn God of War ist ein Ausnahme-Titel, der schlichtweg in einer anderen Liga spielt als andere Videospiele. Es ist ein audiovisueller Orgasmus, ein emotional geladenes und atemberaubendes Abenteuer mit spielerischer Tiefe, unverbrauchtem Setting, unbegreiflich gelungener Neuausrichtung und grandiosen Kernmechaniken.
Ich hätte nicht gedacht, dass Kratos mich jemals emotional abholen wird. Oder dass mir Atreus ans Herz wächst. Oder dass es SSM nach dem phänomenalen God of War 3 wirklich schafft, die Serie erwachsen werden zu lassen. Aber sie haben es geschafft.
Kratos ist zurück. Im Olymp.
10/10