Das Bourne Vermächtnis
Das Bourne Vermächtnis ist wieder einer dieser Filme, die ich, wenn ich ihn nach der vorherrschenden Internetmeinung einschätzen müsste, wahrscheinlich nie geschaut hätte. Was habe ich in den vergangenen Monaten nicht für Verrisse über den neusten Serienableger gelesen. Einige halbwegs nachvollziehbar, viele aber auch maßlos übertrieben wie ich finde.
Der neuste Bourne ist Bourne ohne Bourne und seine Hintergründe, was logischerweise einen herben Verlust darstellt. Daher ist er wahrlich auch nicht der beste Teil der Reihe. Aber eben nur ein schwacher Bourne und nicht gleichzeitig ein mieser Film. Das Vermächtnis ist ein geradliniger und spannender Spionagethriller, dem es, vor allem im direkten Vergleich zu Greengrass' Überschallinszenierung, ein wenig an Tempo und Intensität fehlt, der ansonsten aber eine absolut brauchbare und routinierte Genrefigur macht. Das größte Problem ist meiner Meinung nach, dass der, die Vorgänger vorantreibende, Geheimnis-Verschwörungs-Rache-Faktor nun nahezu komplett wegfällt. Man kennt, jedenfalls wenn man die Matt Damon-Trilogie gesehen hat (was man auch sollte, um den teils unnötig wirren Verweisen folgen zu können), natürlich schon die Storystrukturen und unser Protagonist weiß zudem auch wer er ist. Der Überraschungseffekt bleibt diesmal daher aus. Es ist somit "nur" eine solide Spionage-Story mit einigen gelungenen Momenten, jedoch ohne wirkliche Handlungshighlights.
Zudem schaltet Bourne 4, wie oben bereits erwähnt, zwei Gänge zurück, nimmt sich mehr (teils unnötig viel) Zeit für seine (noch etwas unausgereift erscheinenden) Charaktere und wirkt fast schon wie eine Schlaftablette, wenn man die adrenalingeladene Hetzjagd der Vorgänger gewohnt ist. Nimmt die Action aber erst einmal Tempo auf, rappelt es auch in der Bude. Wenig originell und bei weitem nicht so packend wie bei Greengrass, insgesamt aber gewohnt ehrlich und überzeugend. Jeremy Renner ist übrigens ein hervorragender Bourne-Ersatz. Nicht umsonst gehört der gute Mann meiner Meinung nach zum Besten, was das Actionkino zur Zeit zu bieten hat. Außerdem besitzt er, neben seinen physischen Voraussetzungen, noch genügend Schauspieltalent, um seiner Figur die nötige Tiefe zu verleihen. Wobei ihm und seinen Kollegen letzteres drehbuchbedingt leider nicht immer gelingt. Aber wir befinden und ja auch erst in Teil 1 einer neuen Reihe und man möchte verständlicherweise noch etwas Charakterentwicklung für die Nachfolger übrig haben. Von daher kann ich die halbgaren Figuren verschmerzen. Matt Damons Bourne und seine Gegenspieler kamen auch erst mit den Fortsetzungen so richtig in Fahrt.
Alles in allem hat mich auch Das Bourne Vermächtnis sehr gut unterhalten. Was es an diesem Film wieder zu Tode zu kritisieren gibt, kann ich nicht nachvollziehen. Ja, er erfindet das Genre bestimmt nicht neu, macht im anspruchslosen Actionthrillerbereich aber auch nichts wirklich falsch. Bisschen zu lang ist er vielleicht und das Drehbuch hat einige Schwachstellen (hauptsächlich Spannungslöcher und Verwirrung stiftende Plotkonstruktionen). Trotzdem würde ich ihn als gelungenen Auftakt zu einer neuen Trilogie bezeichnen, die ein vorhandenes und weiterhin hochinteressantes Filmuniversum hoffentlich sinnvoll ausbauen wird. Freue mich auf die Fortsetzung.
7/10 blaue Pillen