Need for Speed
Scott Waugh, hauptberuflich Stuntkoordinator, und George Gatins, der zuvor noch nie ein Drehbuch verfasst hatte, verfilmen
Need for Speed, ein sicherlich unterhaltsames, aber nicht gerade für seine gehaltvolle Handlung bekanntes Rennspiel. Ein riskantes, aber meiner Meinung nach absolut geglücktes Unterfangen. Denn
Need for Speed ist überraschend gut, fast schon erschreckend spaßbringend und tatsächlich einer der ehrlichsten "Autofilme" der letzten Jahre.
Wer hier jetzt hip-hoppige Untergrundrennen mit gepimpten Protz-Karossen, heiße Chicks und Sprüche klopfende Machos erwartet, wird jedoch enttäuscht werden und sollte besser bei den ersten Ablegern der
Fast & Furious-Reihe bleiben. Langweilen werden sich ebenfalls die, die lediglich auf übertriebene Auto-Action und womöglich sogar bleihaltige Auseinandersetzungen hoffen.
Need for Speed ist (zum Glück, meine ich) nämlich weder ein primitiver Tuning-Porno, noch ein Actionfilm auf vier Rädern. Es handelt sich dabei eher um einen rasanten Thriller mit motorisiertem Hintergrund, oder anders ausgedrückt: eine ganz klassische Vendetta, in welcher Protagonist Tobey den Tod eines Freundes rächen will, indem er seinen, für den Tod verantwortlichen, Rennfahrernemesis in einem illegalen Straßenrennen schlägt.
Eine uralte Geschichte, die jetzt zwar nicht wirklich begeistert, die flotten Verfolgungsjagden aber gut beisammen halten kann. Stichwort Verfolgungsjagden: Diese stehen eindeutig im Mittelpunkt von
Need for Speed und schaffen es sogar den Charme der Videospielvorlage einzufangen. Eigentlich ist der gesamte Film ein einziges, langes Rennen, welches von New York nach L.A., über staubige Highways, durch dichte Nadelwälder und Großstädte führt und damit ziemlich an
NfS: The Run erinnert. Gefahren wird dabei erstaunlich authentisch: Die fetzig geschnittenen, hübsch ist bspw. der regelmäßige Einsatz der Ich-Perspektive im Fahrzeug, Rennen sind nämlich alle handgemacht, in ihrem Ablauf nachvollziehbar und nur selten dezent übertrieben.
Überhaupt nimmt sich der Film angenehm ernst. Nämlich so ernst, dass man durchaus so etwas wie Mitgefühl mit den Charakteren entwickeln und den Ereignissen Glauben schenken kann, aber dann doch nie so ernst, dass es unfreiwillig komisch oder langweilig wird. Gerade diesen Spagat, zwischen unterhaltsamer Raserei und geerdetem Drama, bekommt
Need for Speed dann doch überraschend gut hin. Woran die brauchbaren Schauspieler sicher nicht ganz unschuldig sind. Aaron Paul darf sein schauspielerisches Talent genrebedingt natürlich nur in Ansätzen entfalten, bringt aber dennoch eine ordentliche Glaubwürdigkeit und Sympathie mit. Genau so wie die hinreißende Imogen Poots, welche mit ihrem britischem Akzent und kessen Auftreten verzaubert und wunderbar mit Paul harmoniert.
Kurzum:
Need for Speed ist, was ich im Vorfeld wirklich nicht gedacht hätte, ein richtig guter Film, bei dem die Liebe am (schnellen) Fahren im Mittelpunkt steht. Es ist eben keine überzeichnete Effekt-Orgie, kein hirnloser Actioner oder stumpfer Macho-Auto-Poser-Klamauk, sondern tatsächlich eine Verfilmung des Videospiels (wie man es vor allem aus Hot Pursuit und The Run kennt). Das heißt: Sportwagen, amerikanische Endlosstraßen, illegale Rennen und Verfolgungsjagden mit der Polizei. Inhaltlich sicherlich ein Satz uralter Reifen, aber dennoch so solide erzählt, dass es unterhält, sympathisch-gut geschauspielert und sauber gefilmt. Und wer spätestens beim finalen Rennen hochgezüchteter 600+ PS Supersportler durch die dichten Nadelwälder Kaliforniens, mit der Polizei (inkl. Helikopter) im Schlepptau und handgemachter Überschläge, keine
Need for Speed-Vibes verspürt, der hatte schlicht falsche Erwartungen.
8/10 Pferdestärken