Ich finde es ehrlich gesagt gut, dass Trumps Team das Thema auf ihre rabiate und disruptive Art in die Hand nehmen, denn ich bin nach fast drei Jahren Krieg völlig ernüchtert. Wir müssen konstatieren, dass weder die Europäer noch die USA wirklich bereit sind die Ukraine mit der Anzahl und Art von Waffen zu unterstützen, die notwendig wären, um militärisch das Ruder herumzureißen. Beide könnten die Ukraine bis an die Zähne bewaffnen, aber beide tun dies aus unterschiedlichen Gründen nicht. Sie liefern gerade so viel, dass die Ukraine "im Spiel" bleibt.
Aber es sind nicht nur die Waffen. Es ist auch das Personal, das einfach fehlt. Die Ukraine scheint nicht willens, ihre Personalprobleme in der Armee effektiv anzugehen. Die Jahrgänge unter 26 Jahre werden (verständlicherweise) weiterhin geschützt, aber so fehlt es eben an Soldaten.
Da stellt sich mir die Frage, wenn niemand willens ist, die Schritte zu tun, die notwendig wären, um die Ukraine in die militärische Vorhand zu bringen, wie lange wir dann noch dem schrecklichen Schlachten zuschauen wollen, sollen, dürfen. Wohin soll das noch führen? Keine Seite ist wirklich in der Lage, in absehbarer Zeit ihre Kriegsziele zu erreichen. Und wir können viel von einem gerechten Frieden faseln, die militärischen Realitäten am Boden sind leider, wie sie sind. Dass die Ukraine zeitnah alle ihre Gebiete zurückbekommt, ist einfach utopisch.
Das ist übrigens auch die gute Nachricht in dieser Sache: Wir vergessen bisweilen, woher wir kommen, weil wir immer mit der Weisheit der Nachwelt auf heute historische Ereignisse blicken. Aber erinnern wir uns nochmal an das Jahresende 2021 zurück ... damals hätte man kaum einen Experten gefunden, der der Ukraine eine realistische Überlebenschance im Falle eines russischen Angriffs attestiert hätte. Viele gingen von einem Krieg von wenigen Tagen oder Wochen Dauer aus, um das gesamte Land unter russische Kontrolle zu bringen. Oder denken wir an den April 2022 zurück. Da war Kiew aus drei Seiten eingeschlossen, das Gebiet nördlich der Stadt besetzt, auch das Westufer des Dnjeprs samt Cherson befand sich unter russischer Kontrolle. Wer hätte damals gedacht, dass die Ukraine diese Gebiete zurückerobern wird?
Schlussendlich steht die Ukraine somit heute immer noch sehr viel besser dar als im April 2022, das sollten wir nicht vergessen. Wenn nach dem Krieg die Ukraine noch existiert, wenn auch mit Gebietsverlusten, ist das schon ein wahnsinniger Erfolg gemessen an den allgemeinen Erwartungen vor Kriegsbeginn. Dann hat Putin alle anfangs proklamierten Kriegsziele krachend verfehlt, hat Schweden und Finnland in die NATO getrieben, hat dafür gesorgt, dass Europa aufrüstet und vermutlich eine Nachkriegs-Ukraine tatsächlich bis an die Zähne bewaffnen wird.
Keine optimale Lage, aber auch keine fatal schlechte, finde ich. Denn wie lange sollen noch Ukrainer und Russen an der Front für einige Quadratkilometer und zerschossene Dörfer sterben? Denn ganz ehrlich: Alles, was in den letzten 1,5 Jahren an Gebieten den Besitzer gewechselt hat (mit Ausnahme von Kursk), ist strategisch einfach völlig unbedeutend.
Nicht zuletzt möchte ich auch die menschliche Ebene ansprechen. Wir sprechen oft von der staatlichen Ebene - von der Ukraine gegen Russland, von strategischen Zielen und politischen Aspekten, von Chancen und Risiken. Aber wir sollten nie vergessen, dass wir über Menschen sprechen, die tagtäglich an der Front leiden und sterben. Das kommt mir manchmal ein bisschen zu kurz, wenn manche fordern, die Ukraine solle weiterkämpfen, bis Putin aufgibt. Es lässt sich halt bequem aus dem warmen TV-Studio heraus fordern, wenn man weder selbst noch die eigenen Kinder diese Forderung mit der Waffe in der Hand umsetzen müssen.
Wir haben ja damals nach Kriegsbeginn zwei Ukrainerinnen bei uns aufgenommen. Letztens war ich auf dem Geburtstag von einer von ihr. Auf der Party waren rund 15 Ukrainerinnen und Ukrainer (ja, auch Männer im wehrfähigen Alter). Einer ist im Sommer 2022 durch irgendwelche Wälder nach Polen geflohen, um dem Wehrdienst zu entgehen. Ich verurteile ihn nicht dafür. Wir alle haben nur dieses eine Leben - und es ist legitim, daran zu hängen. Viele der Ukrainer auf der Party wollen, dass der Krieg einfach endet. Ihnen ist es zwar nicht egal, was mit den besetzten Gebieten und den Menschen dort passiert, aber in dem Dilemma Krieg vs. Gebietsverluste tendieren die meisten zu den Gebietsverlusten, um den fürchterlichen Krieg endlich zu beenden. Eine Mutter ging mir besonders nah. Sie ist mit ihren beiden Töchtern nach Deutschland geflohen, ihr heute 23-jähriger Sohn aber ist noch in der Ukraine, weil er das Land nicht verlassen darf. Für ihn tickt die Uhr, denn mit 25 wird er eingezogen. Als ich in ihr Gesicht schaute, ist mir endgültig klar geworden, dass dieser Krieg enden muss, Gebietsverluste hin oder her.
Bleibt die Frage, ob Putin nach Kriegsende weitermachen wird. Nun, wir wissen es schlicht nicht. Freunde werden der Westen und das Putin-Regime sicherlich nicht mehr. Auch ist es nicht ausgeschlossen, dass Putin den nächsten Krieg vom Zaun bricht. Er hat bewiesen, dass er dazu fähig ist. Ein Automatismus ist das aber auch nicht. Soll deshalb die Ukraine weiter leiden und ausbluten ... für die wage Befürchtung eines nächsten Krieges, der vielleicht in 5 Jahren ausbricht, vielleicht auch nie?
Für mich liegt der Fokus nun eher darauf, dass derzeitige Sterben zu beenden und es nicht durch hypothetische Zukunftsszenarien unnötig in die Länge zu ziehen. Und da hoffe ich tatsächlich auf Trump. Egal, was man von ihm und seinem Vorgehen hält. Er ist der Erste bedeutende Politiker im Westen, der mit einem echten Plan um die Ecke kommt. Von Scholz und Co. kommen nur Durchhalteparolen ...