Es geht wieder los. Hat es überhaupt jemals aufgehört? Wieder wird mit dem Finger auf die neuen Bundesländer gezeigt. „Die da“, heißt es in den Medien, heißt es auf der Straße, heißt es beim Feierabendbier. „Die da“ haben die
AfD in Mecklenburg-Vorpommern,
Brandenburg, Sachsen-Anhalt,
Thüringen und
Sachsen zur Siegerin der Europawahl gemacht.
In den meisten Landkreisen lag das Ergebnis weit über der 30-Prozent-Marke.
Deutschland ist schwarz-blau gespalten.
Kein Wunder, die Ostdeutschen seien allesamt unbedarft und rechtsradikal, tönt es folglich vielerorten. Zu Unrecht werden mindestens zwölf Millionen Menschen über einen Kamm geschert. Von jungen Menschen, die etwa in Hessen oder Nordrhein-Westfalen geboren sind, und die die neuen Bundesländer maximal von Kurzurlauben kennen. Oder älteren Akademikern, die wegen der billigen Mieten ins arme Nach-Wende-Berlin gezogen und in ihrer heilen Großstadt-Blase geblieben sind.
Sie alle maßen sich an, „die Ossis“ abzustempeln – ohne jemals dort gelebt oder sich deren Gedanken und Probleme angehört zu haben. Aus der Ferne Behauptungen aufzustellen, ist immer einfach.
Ich bin selbst gebürtige Brandenburgerin, komme aus einem Dorf, in das sich nicht einmal mehr Hase und Igel zum „Gute Nacht“-Sagen verirren. Nach dem Abitur habe ich mich direkt nach Berlin verzogen. Ich möchte die Ergebnisse nicht beschönigen oder die AfD-Wähler in Schutz nehmen. Als ich die Wahlergebnisse in den Kommunen meiner Familie gesehen habe, war ich erschrocken. Auch meine Familie war schockiert, meine Schulfreunde. Rund ein Drittel der Bürger hat in meinem Landkreis die
AfD gewählt – aber eben auch zwei Drittel nicht!
Diese zwei Drittel darf man nicht vergessen. Ihnen zuzuschreiben, sie wären unbedarft und rechtsradikal, ist schlichtweg falsch. Aber das wird gerade getan. Alle werden in einen Topf geworfen. Dass es vielerorts Initiativen gibt, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen oder im Januar nach den Correctiv-Recherchen zum AfD-Geheimtreffen Hunderte und Tausende auf die Straßen gegangen sind, um mutig und mit Klarnamen gegen ihre Nachbarn zu demonstrieren, daran erinnert sich scheinbar gerade niemand mehr. Die Ossis seien schließlich schuld am Rekordergebnis der AfD. Diskussion beendet!
Alle reden über den Osten Deutschlands. Niemand redet mit dem Osten Deutschlands. Was die Bundesregierung für ganz Deutschland entscheidet, hat wenig mit der Lebensrealität in der sächsischen Kleinstadt oder dem 500-Seelen-Ort in Mecklenburg-Vorpommern zu tun. Die Kabinette in den Landesparlamenten bestehen zu einem nicht unerheblichen Teil aus Menschen, die im Westen Deutschlands Karriere gemacht und vor Jahren in die ostdeutsche Landespolitik gegangen sind. Eine Hamburger Volkswirtin hat kürzlich fünf Jahre lang über das Bildungssystem in Brandenburg entschieden. Ein ehemaliger Theaterleiter aus dem Allgäu ist Umweltminister in Thüringen.
Hören Sie bitte auf, das Bild des rechtsradikalen, trotzigen Ostdeutschen als Abziehbild auf zwölf Millionen Menschen zu übertragen. Gehen Sie lieber in den Dialog. Und keine Angst: Die Ostdeutschen beißen nicht.