Nach 54 Spielstunden habe ich gestern die Credits gesehen.
Ich schreibe natürlich Spoilerfrei.
Über die Technik brauche ich keine großen Worte mehr zu verlieren. Aussagen wie Katastrophe, Kundenverarsche usw. ist von mir bereits gefallen und daran ändert sich natürlich nichts. Mir persönlich kommt medial die Ps5 Version viel zu gut weg. Ich habe versucht alle Nebenquests zu spielen, die ich gefunden habe und habe bis auf 2 Nebenquests in meinem Log auch alle gemacht.
Leider konnte ich eine Nebenquest wegen einem Bug nicht wirklich Spielen. Dieses Problem haben, was ich zumindest im Inet gelesen habe, sehr viele Leute. Ich glaube es ist eine sehr coole Nebenquests, die gerade einige Charaktere nochmals runder macht und sicherlich eine interessante Geschichte geboten hätte. Hier heißt es auf einen Patch zu warten...
Randnotiz: Ich hatte selbst beim Abspann einen weiteren Absturz. Da ich es aber bereits gewohnt bin, habe ich es nur mit einem Lächeln betrachtet. Wie Bart Wuxx schrieb - man ist selbst schuld, wenn man weiterspielt aber weiß was für Mängel das Spiel alle hat. Ich habe nicht mehr genau gezählt, aber am Ende waren es knapp über 40 Abstürze.
Wie bewerte ich das eigentliche Spiel? Lässt sich der Inhalt wirklich emotional getrennt von der technischen Katastrophe bewerten? Ja und Nein. Im ersten Moment denke ich "Ja klar", aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Entschluss, dass es nicht ganz so einfach ist. Viele tolle Momente, coole Ereignisse wurden doch immer wieder unterbrochen. Sei es von kompletten Abbrüchen; Bugs, die dich aus der Immersion geraubt haben oder Fehler, die einfach das Weiterspielen unmöglich gemacht haben. Natürlich färbt sich sowas dann auch auf die emotionale Ebene ab.
Warum habe ich dann eigentlich weitergespielt? Einfach weil ich gierig nach dem Spiel war und das Spiel selbst mich trotz seiner Mängel in diese coole Night City Welt gesaugt hat. Ich war richtig vertieft und habe täglich versucht mich mehr und mehr in diese Spielwelt zu versinken. Night City macht einfach Spaß. Es ist die Detailverliebtheit, die einen komplett einnimmt und nicht mehr loslässt. Wie gesagt technisch ist es eine Katastrophe und auch von der reinen Grafik ist es auf der Ps5 mäßig bis sehr gut, aber die Details sind dennoch genial. Überall steigt Rauch in den Straßen auf, überall blinkt und leuchtet es, Blätter fliegen in der Luft, verschiedene Passanten reden irgendwelches Alltagszeug, manche Gasse bestehen nur aus unterschiedlichen abgefuckten Komponenten (kaputte Matratzen, Müll, Penner etc), verschiedene Lichtquellen hinterlassen auf der Netzhaut spuren, Partikelleffekte (Staub), man erkennt auf jeden Objekt die Struktur (z.B. auf der Kleidung) usw. Ich weiß gar nicht, wo ich da beginnen sollte, um das alles aufzuzählen und die Akustik habe ich gar nicht erwähnt, die ebenfalls sehr stark ist.
In Kombination mit den Geschichten verschiedener Charaktere und der teils starken Präsentation erlebt man ein wirklich starkes Stück Software. Genau das, was man von einem CD Spiel haben möchte. Und wenn man wie ich eine Schwäche für eine gewisse Tragik hat, dann ist man mMn hier relativ perfekt aufgehoben. Wenn es irgendwann sauber gepatchet wurde, dann würde ich es jeden Cyberpunk- und Rollenspielfan empfehlen. Einfach eintauchen und genießen.
Dennoch muss ich gestehen, dass das Spiel auch unabhängig von der Technik für mich vieles liegen lässt. Ich müsste wieder The Witcher 3 spielen, um das genau zu vergleichen, aber ich hatte bei Witcher 3 nie das Gefühl, dass sie viel Potential liegen gelassen haben. Bei CP ist das anders.
Die KI im Spiel darf man eigentlich nicht als KI bezeichnen. Es sind Figuren, die kurzzeitig irgendwas nachgehen oder halt wie Requisite herumstehen. Man erkennt kein Leben, kein Ablauf, keine Authentizität. Die Welt schafft auf den ersten Blick eine Illusion, wirklich eine interaktive Welt zu sein, in der man auch gerne aktiv und reaktiv eintauchen möchte. Das kann man aber schnell vergessen. Egal was ihr in dieser Spielwelt anstellt - es wird mal mehr und des Öfteren wenig passend darauf reagiert. Ihr schießt auf offener Straße herum? Ist egal. Manche rennen weg, manche triggert es nicht und die Polizei ist es sowieso egal. Ihr springt von einem Mauerblock runter? Passanten rennen schreiend weg und betteln um ihr Leben. Ihr fährt eine Person mit dem Auto nieder? Die Polizei ist gefühlt 5 Sekunden euch auf den Fersen (sie spawnen natürlich aus dem Nichts) und lassen euch dann wieder in Ruh'. Ihr wollt bei einem Essensstand, was zu essen kaufen? Geht nur bei Ausgewählten. Ob der Vergleich fair oder unfair ist, ist mir mal zweitrangig, aber ein Gothic 1 hat das um Welten glaubhafter dargestellt. Es ist schade, da es wie gesagt auf den ersten Blick mehr anbietet als es tatsächlich hat.
Das Gameplay fühlt sich richtig oldschool an. Klar das Hacken ist eine interessante Komponente und verleiht dem Ganzen einen interessanten Touch. Egal ob man schleicht oder sich durchschießt, mit einem Tastendruck kann man Leute erledigen, sie gegen ihre Leute umprogrammieren, Geschütze hacken und so weiter. Ich finde das sehr angenehm zu spielen und es macht, besonders wenn man versucht zu schleichen, wirklich Spaß. Am Ende kann man sich natürlich einfach durchballern. Wenn man die Möglichkeit hat auf höhere Gebäude leichtfertiger zu gelangen und/oder mit Kraft Türen aufzureißen oder Gegenstände zu verschieben, fühlt es sich eindeutig wie ein Deus Ex an. Genau so "sperrig" aber auch genauso "frei". Es sieht manchmal nicht schick aus, wenn man ungestüm an einem Gebäude versucht irgendwo raufzuklettern, aber das triumphierende Glücksgefühl, wenn man es geschafft hat und besonders wenn der Weg vom Entwickler nicht vorgesehen war, ist dafür umso größer.
Der große Skilltree ist superb und sollte unbedingt beibehalten werden. Das verleiht das ganze eine deutlich positive Variation und man hat umso mehr Bock es nochmal durchzuspielen.
Ich kann über die Animationen noch viele zwiegespaltene Dinge schreiben(hui und pfui), über das Storywriting (was gut ist, aber mMn noch besser ging. Videospiele trauen sich leider nur Videospiele zu sein), über die Inszenierung usw. Aber ich will mich jetzt mal kurzhalten und folgendes Fazit ziehen:
Auch wenn es für mich natürlich schwer ist sich emotional von Inhalt und der Technik zu trennen, so ist Cyperpunk ein wirklich gutes Rollenspiel, was aber unabhängig seiner technischen Mankos, einiges an Potential liegen lässt und the Witcher 3 lange nicht den Thron abläuft. Zum Teil ein sehr gutes Spiel, was aber nicht an die Größen des Genres rankommt. Dennoch werde ich es in Zukunft irgendwann mal sicher nochmals spielen und hoffentlich mehr genießen können als ich es jetzt tat. Als positiver Mensch freue ich mich auf den Next-Gen Patch. Sofern er zu meiner Lebenspanne noch erscheint.
Auf wartende Fans… wartet weiter. Es macht keinen Sinn eine unfertige Version zu spielen. Am Ende profitiert ihr nur von eurer Geduld.